09.10.2007 · Bücher, Bücher, aber nichts zu lesen: Der Giftschrank der Bayerischen Staatsbibliothek enthält Werke, die in ihrer Zeit als anstößig empfunden wurden - Stoff für eine Kulturgeschichte des Verbotenen. Von Christina Hoffmann.
Von Christina HoffmannStephan Kellner holt vom Portier den Generalschlüssel, sperrt eine graue Stahltür auf, führt einen über eine schmale Eisentreppe in den Keller, sperrt noch eine Stahltür auf. Lichtschächte, durch die eine Ahnung des Münchner Altweibersommers fallen könnte, gibt es nicht. Einzig Neonröhren beleuchten den grauen Linoleumboden, die nackten Wände, die metallenen Regale, die in langen Reihen Bücher bergen. Man wähnt sich in einem x-beliebigen unterirdischen Archiv: Es ist kühl, Staub kratzt im Hals, der leicht modrige Geruch alten Papiers hängt in der Luft.
Lange meinte man, den hier verwahrten Büchern hänge ein besonderer Geruch an. Sie waren weggesperrt. Benutzer konnten sie nicht lesen oder nur, wenn sie einen „wissenschaftlichen Zweck“ nachwiesen. Selbst heute noch hat man nicht einfach Zugang zu ihnen oder kann sie gar ausleihen und kopieren - denn sie stehen im Giftschrank. Das Bücherverlies trägt auch den Namen Remota, was „Weggeschafftes“ bedeutet. Wer hier eingelassen wird, betritt die Gegenwelt zur Frankfurter Buchmesse. Während in Frankfurt ein Hochamt der modernen Öffentlichkeit gefeiert wird, die daran glaubt, dass alles lesenswert ist, ruht in diesem Kellerraum, fern von der studentischen Umtriebigkeit der Lesesäle, was nicht gelesen werden soll.
Vom Verfemten und Verdrängten
Die Bayerische Staatsbibliothek ist eine der raren Bibliotheken Deutschlands, die ihren Remota-Bestand weiter pflegt und die Bücher nicht in den regulären Betrieb einreiht. Jeanette Lamble von der Berliner Staatsbibliothek erklärt, sie habe den Begriff Remota noch nie gehört und den Giftschrank kenne sie allenfalls aus der ehemaligen DDR, als Mittel der Zensur. Aber Remota sind nach dem Mauerfall in Deutschland nicht etwa obsolet geworden, ihre Pflege lässt nicht auf separatistische Vorgestrigkeit schließen. Vielmehr lässt sich am Verfemten und Verdrängten ex negativo ein Profil der deutschen Gesellschaft einer Epoche formen, ähnlich wie man von einem Gipsabdruck ein Gesicht modellieren kann.
„Wir zensieren nicht. Der Giftschrank ist ein Zeitdokument - und nur in seinem Zusammenhang sinnvoll“, sagt Kellner. Der Historiker Kellner war vor fünf Jahren an der Vorbereitung der Ausstellung „Remota - Ein Blick in den Giftschrank“ beteiligt. Seitdem ruhen die Werke wieder hinter Schloss und Siegel, in fünf Kategorien aufgeteilt. Entstehungsgeschichte und Charakter der einzelnen Fächer unterscheiden sich stark. 1924 richtete die Bayrische Staatsbibliothek Remota I und II ein. Was im weitesten Sinne mit Sexualität zu tun hat, findet sich in ihnen, von den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts anfangend: Neuauflagen von Klassikern wie Pieto Aretino über Henry Miller bis zum Marquis de Sade ebenso wie Bücher über Aufklärung und „Ehehygiene“ und wissenschaftliche Fachliteratur.
Stempel auf nackten Oberkörpern
Ein Teil der Sammlung trägt als Exlibris einen dunkelblauen Stempel der „Prüfstelle München für Schund- und Schmutzschriften“, die 1934 aufgelöst wurde. Wenn Titelbilder barbusige junge Frauen zeigen, prangt der Stempel oft auf den nackten Oberkörpern, einem riesigen Tattoo gleich. Manchen Büchern ist sogar das Gerichtsurteil noch beigeheftet. Kellner muss eine Weile suchen, ehe er in dem Schundroman „Quer durch Europas Betten“ einen Freispruch findet: Anton L., Inhaber eines Zeitungskiosks in Garmisch-Partenkirchen hat sich vielleicht herausgeredet. Zumindest konnte ihm das Gericht 1951 seine Aussage nicht widerlegen, „er habe wohl die Reihe der Romanhefte, in welcher der ,Sittenroman' erschienen sei, bestellt, das genannte Heft aber nicht in die Hände bekommen und gesehen, da seine Hilfskraft die Postsendung in Empfang nehme und die jeweils eingehenden Schriften verkaufe“.
Remota I und II umfassen vor allem Erotika bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das mag verwundern: Selbst die katholische Kirche schaffte Ende 1966 ihren „Index Librorum Prohibitorum“ ab. Ein Jahr später feierten Hippies in Amerika den „Summer of Love“, 1968 schwappte die Welle nach Europa. Vielleicht gingen die Uhren bayerischer Behörden doch etwas nach. Ganz anderer Natur ist Remota III mit antinationalsozialistischer Literatur aus der Zeit des Dritten Reichs. 1934 radelte etwa der Franzose Daniel Guerlin durch Deutschland und notierte seine Erfahrungen in dem schmalen Band „La peste brune“.
„Rund um die menschliche Liebe“
Viele Broschüren von nur wenigen Seiten lagern in kartonierten Mappen. „Oft haben wir die letzten Exemplare dieser handgearbeiteten Hefte“, sagt Kellner. Die Druckorte der meisten Bücher liegen außerhalb Deutschlands. Neben Werken bekannter Exilverlage, wie Querido aus Amsterdam, sammelte der damalige Direktor der Staatsbibliothek, Rudolf Buttmann, auch Werke aus der Tschechoslowakei, Schweden und der Sowjetunion. Buttmann war kein Regimegegner, sondern alter Parteigenosse - aber eben auch Bibliothekar. Als solchem lag ihm am Herzen, ausländische Zeitungen, Zeitschriften, Fachliteratur, ja selbst antinationalsozialistische Bücher zu sammeln.
Während des Dritten Reichs schaffte Buttmann auch Werke unerwünschter und verbotener Autoren an, wie Thomas Mann, Oskar Maria Graf oder Lion Feuchtwanger. Heute sind deren Bücher in der Staatsbibliothek jedem frei zugänglich, nur ein Zettelkasten mit etwa 5000 Karten erzählt noch von diesem Remota-Fach. Wie die ersten beiden widmet sich Remota IV wieder dem Geschlechtlichen: Der bayerische Finanzbeamte Franz von Krenner besaß Literatur „rund um die menschliche Liebe“, so Kellner. Nach seinem Tod im Jahr 1818 kaufte König Maximilian I. Joseph die Sammlung. Sie fängt mit der Bibel an. Kellner zeigt ein in edles Leder gebundenes Exemplar.
Sehr explizite Drucke
Den Kern bildet erotische Literatur aus Frankreich, wie „Thérèse philosophique“, ein pornografischer Coming-of-Age-Roman. Der Blick durch das Schlüsselloch veränderte die naive junge Frau. Die Ich-Erzählerin berichtet: „Ich zog meine kleinen Schlussfolgerungen und begann vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben zu denken.“ Die sehr expliziten Drucke zeigen eine Sequenz ihrer sexuellen Abenteuer: Nach dem bloßen Zuschauen sammelt Thérèse erste Erfahrungen, dann dekliniert sie unterschiedlichste Praktiken durch. Weniger offenherzig waren die Hersteller solcher Literatur. Meist sind die Verlage und Druckorte fingiert. Rom, Konstantinopel, Paris - „ja klar, die drucken ausgerechnet deutsche Erotika“, sagt Kellner und lacht. Von Krenners Bibliomanie kam ihm übrigens teuer zu stehen. Trotz seiner minutiösen Buchführung über seine literarischen Anschaffungen sei der Finanzbeamte hoch verschuldet gestorben, so Kellner. Offenbar lebten bei von Krenner das Private und das Professionelle nicht in inniger Ehe.
„Nur für den Dienstgebrauch!“ prangt auf vielen Bänden der Remota V. Meist lagern die Werke dieser Unterabteilung aus urheberrechtlichen Gründen im Giftschrank. Kleine Theaterverlage etwa wollen ihre Aufführungsrechte geschützt wissen: „Falls ein Bauerntheater zum Beispiel Schwänke zeigen will, kann die Gruppe nicht einfach hier ein Stück kopieren“, sagt Kellner. „Sicheres Auftreten durch emotionale Enthemmung“ trägt innen den Verweis: „Diese TOGA-Selbstunterrichtsmethode ist als Manuskript hergestellt und nur für die mit dem Urheber persönlich in Briefwechsel stehenden Personen bestimmt. Weitergabe an dritte Personen oder Nachdruck macht schadensersatzpflichtig.“ Ob sich bei so viel weltlicher Exklusion die Spiritualität des neunstufigen Fortsetzungslehrwerks überhaupt verströmen kann? Bodenständigere Lektüre der Remota V sind die Fahndungsbücher der Polizei, die dem Personenschutz zuliebe im Giftschrank stehen. Die Staatsbibliothek richtete Remota V in der Nachkriegszeit ein. Heute gelangen kaum noch Werke in den Giftschrank. „Vor gut einem Jahr tauchte eine ganze Kiste voll mit ,Mein Kampf'-Exemplaren auf“, sagt Kellner. Schließlich entschied man, die Bücher bei den Remota zu lagern, in fortlaufender Numerierung.
Wie man jemandem das Genick bricht
Logisch ordnen die Sachbearbeiter die Werke jedoch nicht immer ein: „Wir bemühen uns um Ordnung, aber schaffen es nicht immer“, sagt Kellner. So landet zum Beispiel „Silencing sentries“ aus dem Jahr 1988 in Remota I, eigentlich der Erotika vorbehalten. Das brutale Werk über Nahkampftechniken erläutert in Wort und Bild, wie man jemandem schnellstmöglich das Genick bricht, und steht jetzt bei Sexualkundebüchern und Aretino. Auch zweitklassige Bahnhofskioskliteratur landet manchmal noch im Giftschrank, meist ordnen die Sachbearbeiter sie aber in das allgemeine Magazin ein und ändern nur ihren Ausleihstatus: Man kann sie zum Teil nicht mit nach Hause nehmen, sondern nur mit in den Lesesaal.
Maxim Billers Skandalroman „Esra“ sucht man vergebens im Giftschrank. Die verbotene Erstausgabe besitzt die Bayerische Staatsbibliothek nicht. Die zweite Auflage steht unter der Signatur 2003.38480 ordentlich im Regal, oben, wo warm das Licht der Nachmittagssonne durch die Fenster fällt.