08.10.2007 · Roth und Updike, Auster und Franzen: Deutsche Leser lieben amerikanische Schriftsteller. Doch die Neigung der Deutschen, amerikanische Autoren zu verehren, verrät sowohl Stolz auf die eigene Internationalität als auch Unwissenheit. Eine Polemik von Ralph Martin.
Von Ralph MartinGleich am Eingang der Berliner Buchhandlung Dussmann standen vor ein paar Wochen zwei Tische mit hohen, von Werbetafeln gekrönten Bücherstapeln. Bei dem einen handelte es sich um den letzten „Harry Potter“, bei dem anderen gleich daneben um Paul Austers neuestes Buch „Reisen im Skriptorium“. Einem Amerikaner erscheint dieses Nebeneinander sonderbar. Auster erreicht zwar gelegentlich die hinteren Ränge der amerikanischen Bestsellerlisten, doch „Reisen im Skriptorium“ ist dort nicht zu finden. Es ist ein schmaler Roman im Stile Samuel Becketts. Darin sitzt ein alter Mann namens Mr. Black allein in einem Zimmer und empfängt den Besuch von Figuren aus früheren Auster-Romanen. Als ich das letzte Mal nachsah, nahm das Original beim Internetbuchhändler Amazon.com Rang 29.645 auf der amerikanischen Verkaufsliste ein.
Offenbar liebt man in Deutschland amerikanische Highbrow-Bücher - und deren Autoren. Während meiner Arbeit im New Yorker Verlagswesen war ich immer wieder beeindruckt von der europäischen Begeisterung für ernste amerikanische Literatur. Wie ich in zwei Literaturagenturen erfuhr, für die ich Auslandsrechte amerikanischer Autoren verkaufte, verdient Paul Auster mit seinen Büchern in Deutschland und Frankreich sehr viel mehr als in Amerika. Dasselbe galt schon für Klassiker wie John Dos Passos und sogar J. D. Salinger. Große deutsche Buchhandlungen vermitteln einem Amerikaner so oft das Gefühl, er wäre zu Hause. Gleich am Eingang stößt man auf lauter Bücher von Richard Ford, Jonathan Safran Foer, Jonathan Franzen, Dave Eggers, John Irving und Jeffrey Eugenides, alle an prominenter Stelle plaziert. Aber was veranlasst eigentlich die Deutschen, so viele amerikanische Highbrow-Titel zu kaufen? Und was haben sie davon?
Universelles Lebensgefühl
„Ein universelles Lebensgefühl“ sei der Grund, weshalb die Deutschen Richard Ford läsen, meint die Berliner Literaturagentin Karin Graf. Bei den Salzburger Festspielen habe sie erst kürzlich beobachten können, dass Richard Ford und Jeffrey Eugenides von einem entzückten Publikum wie Rockstars gefeiert wurden. Tatsächlich ist die Welt Frank Bascombes, des Helden in Fords Romanen (siehe auch: Romanatlas: Richard Fords „Die Lage des Landes“), geprägt von der Spannung zwischen Selbstzufriedenheit und Katastrophe - ein scheinbar erfolgreiches Mittelschichtleben, bei dem gleich unter der Oberfläche das Chaos lauert. Ford verkörpert das amerikanische Ideal eines Universalismus, der seinen Ausdruck in regionaler Besonderheit findet. Flannery O'Conner hat das Ziel dieser literarischen Schule als den Versuch bezeichnet, „Mysterium durch Sitten zum Ausdruck zu bringen“.
Ein besonders populärer jüngerer Vertreter dieser Schule ist Jonathan Franzen, dessen Roman „Die Korrekturen“ sich auf beiden Seiten des Atlantiks großer Beliebtheit erfreute. Der Roman erzählt eine archetypisch amerikanische Geschichte: die Kämpfe innerhalb einer Familie, in der die Kinder vor ihren zu jeglicher Ironie und Verfeinerung unfähigen Eltern fliehen, auf der Suche nach Erlebnis und Exotik, ihr Leben lang von wirren Schuldgefühlen verfolgt - und alles dies vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Verfalls (siehe auch: Franzen, Jonathan: Die Korrekturen).
Europäisiertes Bild von Amerika
Doch im Club der „in Deutschland großen“ amerikanischen Schriftsteller sind Ford und Franzen, wie ich fürchte, die Ausnahmen und nicht die Regel. Oft drängt sich der Eindruck auf, dass die deutschen Freunde amerikanischer Highbrow-Literatur sich solche Autoren aussuchen, die ein fetischisiertes, europäisiertes Bild von Amerika zeichnen. Nur wenige ausländische Schriftsteller haben hier solchen kommerziellen Erfolg und solchen ästhetischen Einfluss wie Paul Auster, der bei seinen Lesern eine nahezu kultische Bewunderung genießt (siehe auch: Rezension: Mit Paul Auster auf Reisen).
Dieser Kult hat nichts mit dem Wunsch zu tun, die Weltliteratur kennenzulernen und deren Kanon zu beherrschen - oder mit dem Angesagten-Buch-des-Monats-Club, der für die jüngeren Leute gedachten Spielart einer Beherrschung des Kanons (man denke an Benjamin Kunkels „Unentschlossen“ (siehe auch: Benjamin Kunkel und sein Roman „Unentschlossen“), „What is the What“ von Dave Eggers, Jonathan Safran Foers „Extrem laut & unglaublich nah“ (siehe auch: Foer, Jonathan Safran: Extrem laut und unglaublich nah) oder an „Die Geschichte der Liebe“ von Nicole Krauss (siehe auch: Krauss, Nicole: Die Geschichte der Liebe)). Vielmehr handelt es sich um Personenkult, um eine sentimentale Massenliebesaffäre mit einem Schriftsteller, der ein europafreundliches Produkt verkauft, das von seinen inbrünstigen Anhängern als die wirkliche amerikanische Literatur verstanden wird. Viele dieser Leser sind ansonsten leidenschaftliche Antiamerikaner, die sich bestens auskennen mit unserem Mangel an Kultur und unserer politischen Unkorrektheit.
Sehr einfach gestricktes Land
Austers Amerika dagegen ist ein sehr einfach gestricktes Land voller Klischees. Seine Maler mit ihren unglaublich attraktiven Freundinnen oder Frauen, seine alten Männer mit ihren Geheimnissen, seine Schriftsteller, die sich aus der Gesellschaft in hermetisch verschlossene Zimmer zurückziehen - all diese Figuren sind keiner kulturellen Realität Amerikas entsprungen, sondern allenfalls romantischen Phantasien. New York dient teilweise deshalb als Schauplatz, weil Auster dadurch die Möglichkeit hat, so viele jüdische Protagonisten einzuführen. Doch deren Judentum hat nichts Spezifisches außer einer gewissen Absonderung und einer geheimnisvollen Vergangenheit. Niemand in Auster-Land lebt in der „realen“ zeitgenössisch-amerikanischen Welt mit ihren vielen kleinen Frustrationen - fehlende Krankenversicherung; Spannungen am Arbeitsplatz, die viele Menschen psychisch krank machen; die komplizierten Gründe, weshalb Menschen allein bleiben oder sich scheiden lassen.
Der Mangel an alltäglichen Einzelheiten nimmt dem Leser die Chance, sich in seiner Phantasie an der Realität zu reiben. Die Welt, die Auster den Europäern verkauft, ist allzu glatt, als dass sie wirkliche emotionale Tiefe besitzen könnte. Die Auster-Welt mag eine ansprechende Gegenrealität zur Welt der fünfhundert Fernsehkanäle, des Irak-Kriegs und der Bush-Regierung bilden. Aber sie ist eine Phantasiewelt, die kaum mehr darstellt als die kollektive Vorstellung seiner Leser. Es ist kein Verbrechen, eine Phantasiestadt zu errichten. Aber künstlerisch ist es nur eine geringe Leistung im Vergleich zu dem Versuch, sich auf die zeitgenössische Kultur einzulassen und etwas Neues zu schaffen - was Ford, Franzen und andere in ihren besten Werken tun.
Zwei Löwen der Literatur
Genau darin war auch die amerikanische Literatur der Nachkriegszeit am besten. Formale Experimente waren nie unsere besondere Stärke, doch mit den besten Autoren der Zeit lassen wir uns stets auf die Entwicklungen des modernen Lebens ein. John Updike und Philip Roth, zwei Löwen der amerikanischen Nachkriegsliteratur, schufen eine neue Sprache und eine dank der außergewöhnlichen Aufmerksamkeit für ihren kulturellen Augenblick unverkennbare Sicht der Welt. Obwohl auch diese Autoren gelegentlich experimentelle Bücher schrieben, die weitgehend ungelesen blieben, sind ihre größten Erfolge - Updikes „Ehepaare“ und seine Rabbit-Romane, „Portnoys Beschwerden“ und „Der menschliche Makel“ von Philip Roth (siehe auch: Roth, Philip: Der menschliche Makel) - Kunstwerke, die sich ganz auf ihren Ort und ihre Zeit einlassen, voll Zorn und sexueller Begierde.
Amerikanische Schriftsteller sind in der Darstellung menschlicher Leidenschaften besser als in der Darstellung des Triumphs. Andererseits ist Austers Amerika am phantasievollsten in der Schilderung des Stadtviertels Park Slope in Brooklyn, des Schauplatzes vieler seiner neueren Bücher wie auch der beiden Spielfilme „Smoke“ und „Blue in the Face“. Freunde aus Brooklyn erzählen mir, dass sie immer wieder von europäischen Touristen gefragt werden, wo denn Park Slope, Austers Haus oder der Tabakladen zu finden seien. Es mag ja sein, dass amerikanische Touristen in Paris und Rom herumlaufen und nach Schauplätzen aus dem Film „The Da Vinci Code“ suchen. Aber sind die Austerphilen, die nach Brooklyn pilgern, in dieser Hinsicht besser?
Unreife Heldenverehrung
Die inbrünstigen Fans, die sich am Wohnort des Autors umsehen, sind ein Beispiel für die unreife, auf die „in Deutschland großen“ Autoren verschwendete Heldenverehrung, die jedem Wort und jeglichem Tun größten Wert beimisst und vor allem den kleinen Häppchen, die sie dem Publikum in Interviews und Lesungen hinwerfen.
Während John Irvings Bücher in Amerika immer noch zuverlässige Bestseller sind, hat sein Status als intellektuelle Superinstanz deutlich abgenommen. In Deutschland hingegen fand seine „Intervention“ im Skandal um die SS-Mitgliedschaft von Günter Grass große Aufmerksamkeit in den Medien (siehe auch: John Irving: „Grass bleibt für mich ein Held“). Andere „in Deutschland große“ Autoren wie Jonathan Safran Foer und Jonathan Franzen hatten in Amerika jeweils genau einen Bestseller, während in Deutschland jede neue Sammlung von Essays oder Erzählungen mit gewaltiger Aufmerksamkeit von der seriösen Literaturkritik, mit Sonderaktionen im Buchhandel und mit bemerkenswerten Verkaufszahlen quittiert wird. Amerikanische Leser und Kritiker halten solche Bücher eher für Krumen vom Tisch dieser Schriftsteller. Und dafür ernten wir den Vorwurf, wir kehrten unseren besten Autoren den Rücken und verstünden unsere Genies nicht.
Allen, Welles - und Auster
Michael Naumann, ehemals Leiter des Rowohlt Verlags und zurzeit Kandidat der Hamburger SPD für das Amt des Ersten Bürgermeisters, war in den neunziger Jahren als Geschäftsführer des Henry-Holt-Verlags in New York Austers amerikanischer Verleger. Er machte sich keine Freunde, als er bei einem Vortrag in der New York Public Library erklärte, amerikanische Leser hätten keinen Sinn für gute Literatur, wobei er zum Beweis auf die hohen Verkaufszahlen verwies, die Gabriel García Márquez in Deutschland erzielte, und sie mit den bescheidenen Verkaufszahlen der Bücher von Thomas Pynchon in Amerika verglich.
Auch ich habe mir in Frankreich und Deutschland (und in New York von Franzosen und Deutschen) anhören müssen, die Amerikaner spuckten auf ihre Genies. Man verweist auf Jim Jarmusch und Woody Allen und Orson Welles und selbst auf die Jazz-Pioniere, die in Paris und Stockholm spielen mussten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und dieser Liste fügt man dann einfach Paul Auster, John Irving und die Übrigen hinzu.
Manches klingt nicht wahr
Sich eines in seiner Heimat verkannten Autors anzunehmen könnte allerdings insofern problematisch sein, als ja doch die Möglichkeit besteht, dass seine Landsleute nicht ganz unrecht haben. Vielleicht bleibt den Büchern des betreffenden Autors die öffentliche Aufmerksamkeit in Amerika nicht deshalb versagt, weil die Amerikaner dumm oder intellektuell minderbemittelt wären, sondern weil manche Autoren oder einige Bücher mancher Autoren nicht wahr klingen. Vielleicht verkaufte sich Foers „Extrem laut & unglaublich gut“ deshalb nicht sonderlich gut, weil der Autor seine literarischen und visuellen Spielereien so weit treibt, dass sie allenfalls als nett, zuweilen aber auch als widersprüchlich und wenig überzeugend erscheinen. In Amerika unterstellen wir nicht, dass jegliche Äußerung eines einmal erfolgreichen Autors notwendig bedeutend sei. Und in der literarischen Welt dehnen wir unsere Bewunderung nicht automatisch auf die Ehefrau des Autors aus: Als Geschäftsführer des Holt-Verlags zahlte Naumann Austers Ehefrau Siri Hustvedt dem Vernehmen nach einen Vorschuss von 165.000 Dollar für ihren Roman „Die Verzauberung der Lily Dahl“, von dem dann ganze fünftausend Exemplare in den Vereinigten Staaten verkauft wurden.
Ein Teil des Problems liegt für die Amerikaner auch in der Tatsache, dass die Mainstream-Medien heute eine zutiefst ironische und postmoderne Einstellung an den Tag legen. Fernsehen und Kino in den Vereinigten Staaten vereinnahmen ständig unsere Außenseiter. Stellen Sie den Fernseher an, und die „Simpsons“ purzeln aus dem Bildschirm mit ihren schwindelerregenden Erzählstrukturen und ihren ständigen Verweisen auf hohe und niedere Kultur (einschließlich ihrer selbst). In Reality-Shows feiert man rituell Demütigung und Exhibitionismus. In „Fluch der Karibik“, der beliebtesten Spielfilmserie aller Zeiten, legt Johnny Depp die Rolle des Captain Jack Sparrow als eine nicht zu überbietende Keith-Richards-Imitation von solch parodistischem Selbstbewusstsein an, dass man gar nicht weiß, wie man die Darbietung einordnen soll. All das lässt literarischen Autoren nur wenig Spielraum für Kunstgriffe und Innovationen. Sie müssen schon einiges aufbieten, um unser Interesse zu wecken oder uns zu schockieren.
Gefährliches Überangebot
Die Zahl der Leser ernsthafter Literatur geht in Amerika ständig zurück, und die verbliebenen Leser sehen sich einem immer breiteren Spektrum konkurrierender Ansprüche an ihre Aufmerksamkeit ausgesetzt, vor allem durch aktuelle Sachbücher. Zum Leidwesen der Literatur wird die Konversation auf den Dinner-Partys in New York und Los Angeles meist von den jüngsten, in Buchstärke vorgelegten, aus der Feder eines Insiders stammenden Enthüllungen über den Irak-Krieg beherrscht und nicht vom neuesten Thomas Pynchon. Doch die literarische Produktion ist dadurch keineswegs geringer geworden. Wer eine der großen amerikanischen Buchhandlungen betritt, steht buchstäblich vor ganzen Wänden mit Erstlingsromanen und ernsthaften Bemühungen. Auf dem Gebiet der Highbrow-Literatur besteht in Wirklichkeit ein gefährliches Überangebot - der Jungtürke Gary Shteyngart bemerkte kürzlich auf einer Lesung in Berlin, es gebe „mehr Erstlingsromane als Leser“. Doch wie die Tabakkonzerne, so sind auch amerikanische Verlage froh, dass es ausländische Märkte gibt, auf denen sie zusätzliche Profite einfahren können.
„Wo ich herkomme, interessiert man sich nicht dafür, was Autoren zu sagen haben. Hier ist es offenbar anders“, sagte Auster in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“. Das stimmt. In Deutschland interessiert man sich für die ganze Familie des Autors, zumindest in Austers Fall. Doch die Neigung der Deutschen, amerikanische Autoren zu adoptieren und zu verehren und deren öffentliche Äußerungen in den Rang staatsmännischer Erklärungen zu erheben, verrät sowohl Stolz auf die eigene Internationalität und Weltoffenheit als auch Unwissenheit. Austers Äußerung bezog sich auf eine Frage nach dem Irak-Krieg. Er hatte sogar einen Song zu diesem Thema komponiert, der in dem Interview gleichfalls angesprochen wurde. Das können Sie ernst nehmen, wenn Sie mögen. Aber verwechseln Sie bitte dieses Ernstnehmen eines Autors nicht mit einem tiefgründigen Verständnis der amerikanischen Kultur. Dazu müssen Sie auch ein wählerischer Leser sein.