11.10.2007 · Der neue Roman der Nobelpreisträgerin Doris Lessing erzählt von einer mythischen Frauenwelt, die sich ganz ohne Männer fortpflanzt. Doch dann wird ein Knabe geboren und der moderne Geschlechterkampf beginnt. Der Roman enthält teils krause Einfälle, die aber zunehmend gefangen nehmen, meint Sabine Brandt.
Von Sabine BrandtDoris Lessings besondere Kunst besteht darin, dass sie ihre Leser auch dann zu fesseln weiß, wenn sie von Menschen, Umständen und Taten erzählt, die unserem eigenen Erfahrungsbereich entrückt sind. Sie ist sozusagen eine literarische Dolmetscherin, die die Verständigung zwischen dem Alltäglichen und dem Besonderen, dem Gewohnten und dem Exotischen möglich macht.
Vielleicht hängt damit zusammen, dass auch ihr privater Werdegang sich weitgehend zwischen solchen Polen zutrug. Doris Lessing wurde 1919 in Persien geboren. 1924 zog die Familie nach Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, und lebte dort auf einer Farm. Erst als Dreißigjährige wechselte die Tochter in Verhältnisse, die uns Europäern vertrauter sind; sie ging nach England. Gleich darauf begann sie, Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen. Das tat sie bis zum heutigen Tag, und wird es wohl weiterhin tun, solange das Schicksal ihr ihren Atem lässt.
Phantastische Wolkenkuckucks-Areale
In ihrem jüngsten, soeben erschienenen Roman „Die Kluft“ entreißt die Autorin Lessing uns vollends allem vertrauten Dasein. Nichts von dem, was wir kennen, woraus wir unsere Identitätsgefühle beziehen, finden wir in dieser Lektüre wieder. In welche Lebenswelt werden wir entführt? Die Frage bleibt bis zum Ende unbeantwortet, denn um eine Erdengegend und eine Epoche, die wir irgendwo in der Menschheitsgeschichte ausfindig machen könnten, geht es in diesem Buch nicht. Vielmehr nimmt uns die Autorin mit in phantastische Wolkenkuckucks-Areale, die nichts mit Realität, dafür eine Menge mit Glauben zu tun haben. Sollen wir etwa an sie glauben? Das hatte Doris Lessing wohl nicht im Sinn, schließlich ist sie die Zeitgenossin ihrer Leser und kann sich ausrechnen, was heute geglaubt werden kann und was nicht.
Infolgedessen schaffte sie sich – und uns – einen Vermittler, der imstande ist, Ratio und Phantastik miteinander zu versöhnen. Diese Mittlerfigur ist ein Römer des klassischen Zeitalters, ein angejahrter Senator mit literarischen und historischen Ambitionen. Er möchte seine verbleibende Lebenszeit dazu nutzen, die Geheimnisse der menschlichen Schöpfung zu entschlüsseln. Auf Grund der Äußerungen, die er über Kaiser Nero, die als staatsfeindlich verdammte Christenlehre, den Ausbruch des Vesuvs vom 24. August 79 macht, darf man ihn ungefähr der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts zuordnen. Also glaubte er sicherlich an Jupiter und dessen Göttergefolge, und weit ältere Mythen schienen ihm auch eine Portion Glauben, gewiss aber eine gründliche Aufarbeitung wert.
Dieser Senator beruft sich auf uralte Zeugnisse. Welcher Art die sein könnten, lässt der Roman offen. Denn der mythische Nebel, den der römische Forscher zu lüften trachtet, wabert unvorstellbar weit ins Vergangene zurück. Aber vor der schriftlichen gab es die mündliche Überlieferung. Und es gibt die Bereitschaft, Legenden, an die man glauben möchte, für echte Ergebnisse tradierten Wissens zu halten. In dieser Hinsicht ist der Senator nicht törichter als manch einer unserer Zeitgenossen.
Jungen in die Opferkluft
Was schält er nun aus dem Nebelgewoge? Zunächst eine Population, die nur aus Frauen besteht. Die Weibergruppe bewohnt die Küste einer wilden Insel, wahrscheinlich irgendwo im Mittelmeer, Genaues weiß keiner. Eine Höhle ist ihr Heim, eine Felsenkluft der Ort, wo sie zuweilen überirdischen Wesen ein Kind zum Opfer bringen. Denn, und das ist besonders seltsam, sie gebären Kinder, obwohl es weit und breit keine Männer gibt und offenbar auch noch nie gegeben hat.
Vermutlich ist es der Mond, der sie befruchtet, wenn seine Scheibe voll am Himmel steht. Lange Zeit bringen sie nur Mädchen zur Welt und halten das für selbstverständlich. Bis eines Tages ein Junge geboren wird – Schock und Schande! Er wird sofort in die Opferkluft geworfen. Aber bald folgen neue Jungengeburten, und ehe die Kluft wiederum in Anspruch genommen werden kann, kommen von einem nahen Adlerfelsen die majestätischen Vögel und retten die Knaben.
Was uns hier vorgeführt wird, ist der Beginn der Menschenordnung, wie wir sie kennen. Natürlich entlockt die phantastische Geschichte uns kein gläubiges Staunen, geschweige denn eine erkenntnisgetränkte Überzeugung. Selbstverständlich reagieren wir auf die wundersame Parthenogenese mit kopfschüttelnder Verblüffung, desgleichen auf die rettenden Eingriffe der Adler und die Bereitschaft liebevoller Hirschkühe, die männlichen Säuglinge mit ihrer Milch zu nähren. Doch gedeiht die Skepsis nie so weit, dass wir das Buch verärgert beiseite legen möchten. Denn es weist eine Eigenschaft auf, die man der bloßen Fabel nicht entnehmen kann. Die Autorin weiß ihre phantastische Szenerie so eindrucksvoll zu malen und ihre krausen Einfälle so spannend vorzutragen, dass man sich, je länger man liest, desto lieber von ihr gefangen nehmen lässt.
Der Rest bleibt Traum
So begleiten wir Männer wie Mädchen, die sich dem neuen, dem zweigeschlechtlichen Menschentum ergeben, bereitwillig auf ihren Wegen zu nie gekannten Triumphe und nie geahnten Probleme. Denn problematisch ist das so ganz andere Dasein durchaus. Zwischen Männern und Frauen gibt es nicht bloß neue Lust, sondern auch neuen Ärger. Die Geschlechter sind verschieden, ihre Meinungen auch, das reine Glück bescheren sie einander nicht – na ja, darüber unterrichteten uns schon unzählige andere Romane. Aber hier geht es nicht um dramatische oder komödienhafte Beziehungsgeschichten, sondern um das Ausgraben einer Wahrheit, dieser nämlich: Was der Mensch als Erfolg begreift, erwächst nicht aus lässigem Vor-sich-Hinträumen, wie es die weibliche Urgruppe pflegt. Vielmehr entsteht der Erfolg aus der Bewältigung aller möglichen Probleme, deren erst eine zweigeschlechtliche, auf Probleme orientierte Gesellschaft innewird und die durchaus verknüpft sein können mit Blut, Schweiß und Tränen.
Also führt uns Doris Lessing, bei aller Märchenhaftigkeit ihrer Romangeschichte, durchaus in eine Art Realität, deren Grundgesetze noch heute gelten. Ob sich die Ahnen, die sie uns vorführt, tatsächlich auf die beschriebene Weise an die Bewältigung der Aufgaben machten, die die Erde ihren Bewohnern stellt, ist nicht so wichtig. In vielem könnten sie so vorgegangen sein. Der Rest bleibt Traum, und das ist ja sowieso das einzige Medium, mittels dessen wir zu ihnen Kontakt aufnehmen können.