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Gnadenlos günstig (9): Mit dem Fahrrad durch den Südschwarzwald Schlaflos in Bad Säckingen

27.09.2009 ·  Den Südschwarzwald in vier Tagen mit dem Tourenrad zu umrunden ist nicht immer ein Genuss. Die schöne Landschaft lädt zum Rasten ein, doch Zeit dafür bleibt kaum.

Von Elsemarie Maletzke
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Bei der Adler-Skischanze in Hinterzarten gibt es kein Vertun. Sie führt bergab; von ganz oben nach ganz unten. Was aber führt von Hinterzarten "fast nur bergab"? Der neue Südschwarzwald-Radweg; nichts für Adler, aber auch nichts für lahme Enten: zweihundertvierzig Kilometer Richtung Titisee, durchs Tal der Gutach und der Wutach - derselbe Fluss bei guter und bei wütiger Laune - zum Hochrhein, über Basel durchs Markgräflerland nach Freiburg und bis Kirchzarten. Dort steigt der Pedaleur samt Zweirad planmäßig am Nachmittag des vierten Tages in den Regionalexpress und fährt durchs enge, grüne Höllental wieder nach Hinterzarten; fünfhundert Höhenmeter bergauf.

"Genussradeln" heißt das Pauschalangebot, "ohne Höhenanstieg". Das Gepäck wird transportiert, Hotels und Abendessen sind vorgebucht. In leichten Etappen soll der Reisende durch den Schwarzwald gondeln, Obstwasser, Schinken, Gutedel und Kirschtorte kosten, sich an harzigen dunklen Forsten und duftenden Heuwiesen erfreuen, Schlösser und Museen besichtigen. Wurzelige Städtchen, Badeseen, Thermen und naturgeschützte Flussauen sind seinem Besuch anempfohlen. So Plan A. Plan B zeigt auf der Website des Schwarzwald-Tourismus Asphaltfresser in sportlicher Kluft, die heiter in die Pedale ihrer Rennmaschinen steigen.

Krummer Rücken

Was der Radlerin, die an eine Fünfgang-Schaukel mit tiefem Durchstieg und hohem Lenker gewöhnt ist, am Morgen in Hinterzarten leihweise gereicht wird, ist ein blau-orangefarbenes Tourenrad mit vierundzwanzig Gängen. Der niedrige Lenker sei der lokalen Topographie angepasst, heißt es, damit man die Berge beim Hinauffahren bequem betrachten könne. Dabei soll es doch fast nur hinunter gehen. Der Lenker ist diesem topographischen Sonderfall nicht angepasst; er lässt sich nicht verstellen. Deshalb können die Berge nur mit krummem Rücken von unten angepliert werden.

Zu Plan A gehört ein Ringbuch mit Karte und Wegbeschreibung: "In der Linkskurve rechts in die Seestraße - in der Fußgängerzone (bitte Rad schieben) bergab zum Titisee - beim runden Platz links leicht bergauf - in einer Rechtskurve unter den Gleisen hindurch - links halten in die Seebachstraße - nach der kleinen Brücke der Rechtskurve folgen Richtung Neustadt." Da ist die Radlerin schon am See vorbeigeschossen, weil sie nicht wegen der Karte an jeder Biegung den Rucksack aufnesteln will. Eine Lenkertasche war nicht vorgesehen, so wenig wie Lampe und Klingel, und ein Korb ist offenbar gänzlich unter der Würde ihres Rennesels.

Kirschstreusel in Lenzkirch

In vier Tagen wird sie sich widerwillig mit ihm anfreunden, ihn in der Ebene sogar schätzen lernen, wenn er in den höchsten Gängen surrende Kurbeltöne von sich gibt, wie sie die Radlerin sonst nur von überholenden Velozipedisten kennt. Sie sind auch im Südschwarzwald zahlreich und fluchtartig unterwegs; Menschen in entsetzlich bunten Pellen und gerippten Helmen, die ihren Pfirsich im Fahren lutschen. Gegrüßt wird nicht, jedenfalls keine Frau im Sommerkleid. Das tun nur andere Genussradler, die mit Buch und Thermoskanne auf Aussichtsbänken lagern und sich dem Frieden der wohlbestellten Landschaft hingeben. Die Sonne scheint. In den Wiesen schwirren die Grillen und ziepen die Goldammern; entlang der Gräben schäumt weißes Mädesüß, blühen Wicken, Klee und Glockenblumen. Die Vogelbeeren röten sich, die Brombeeren dunkeln nach. Im Himmel segeln Milane ihre großen Kreise. Nach drei Stunden hat die Radlerin erschütternde fünfzehn Kilometer zurückgelegt und bis Stühlingen weitere vierundvierzig vor sich. Es wird Zeit, auf Plan B zurückzugreifen.

Hinter Titisee-Neustadt folgt der Radweg einer alten Bahntrasse. Jetzt wäre es förderlich, in den Zug steigen zu können und ein paar Kilometer auf der Schiene zurückzulegen, über hochbeinige Eisenbrücken, die Bächlein queren, vorbei an Stationen mit Geranienkästen vor den Fenstern und zerbröselnden Bahnwärterhäuschen mitten im Wald. Aber wo der Ernst des Transportwesens verschwunden ist, folgt die Ertüchtigung der Müßigen, und wo es Brot gab, wird nun Kuchen serviert; in diesem Fall ein Stück Kirschstreusel in der Bäckerei Wiest in Lenzkirch. Dann weiter Richtung Bonndorf. Es geht hügelan, hügelab.

Wanderer, kenne keine Hast

In Bonndorf schlägt Plan A einen Abstecher zur Wutachschlucht vor, in der der Fluss durch einhundertachtzig Millionen Jahre Erdgeschichte schneidet, oder zum Schloss mit Barocksaal und Narrenmuseum oder zum japanischen Garten. Stattdessen rollt die Radlerin weiter, wie sie meint, Richtung Dillendorf, durch den Philosophenweg, dessen Stützmauer mit Sinnsprüchen gepflastert ist: "Wanderer, kenne keine Hast, halt bei mir ein bißchen Rast". Wenn es nur nicht schon so spät wäre!

Doch dann, heidewitzka, geht es wirklich bergab, in langen Schwüngen durch den kühlen Wald. Ein grünes Radwegschild wurde schon lange nicht mehr gesichtet, und in Brunnadern, einem Ort außerhalb der Karte, wird die Einreitende von drei auf der Straße spielenden Indianern gefragt: "Wer bist du?" Ein herbeigerufener Vater tritt, einen Kringel Wurst mit einem Tuch abtrocknend, aus der Tür. Nach Stühlingen? Da habe sie die Wahl, das Rad zweihundertfünfzig Höhenmeter zurück und bergauf zu schieben oder weiterzufahren und hinter Schwaningen auf die Bundesstraße einzubiegen. Dann erreiche sie Stühlingen in einer halben Stunde. Und das tut sie dann auch.

Schilfgrünes Altwasser

Das Städtchen, das wie auf einem Balkon über dem Wutach-Tal liegt, war einmal der Sitz der Grafen von Lupfen. Der Zwiebelturm von Schloss Hohenlupfen ragt aus den Wipfeln; die Gassen sind von stattlichen Bürgerhäusern gesäumt; Fachwerk, Treppengiebel und barocke steinerne Locken. Von Stühlingen nahm im Juni 1524 der Bauernkrieg seinen Anfang. Heute dringen laute lokale Stimmen aus den Fenstern des "Rebstock", und ein auf einem Balkon kasernierter Vogel unterhält sich kreischend mit sich selbst. Die Nacht ist dann sehr schwarz und still.

Die Etappe des zweiten Tages führt vierundfünfzig Kilometer weit bis Bad Säckingen. Es hat zu nieseln begonnen. Kein Badesee bei Eggingen, keine Rast unter Weiden an der Wutach, nur blödes Weitertreten mit gesenktem Kopf und Hader im Herzen. Dann hört der Regen auf; die Wutach ist verschwunden, und stattdessen rollt man am Rhein entlang, der, noch jung, sich bereits in schilfgrüne Altwasser verzweigt, die amazonisch von Erlen und Espen, rosa Springkraut, Goldruten und saftigen Brombeeren umwuchert sind. Der Rhein ist hier Grenzfluss. Jenseits dampft das Kernkraftwerk von Leibstadt. Am leeren Zollhäuschen neben der Holzbrücke von Albbruck werden kriminelle Elemente gebeten, die Schweiz nicht zu betreten. Zwei Männer stehen in der Brückenmitte; einer angelt, der andere schwätzt, vielleicht ein Schweizer und ein Schwarzwälder.

Der Trompeter von Bad Säckingen

Die freundliche Nachbarschaft setzt sich in Laufenburg fort, wo der Rhein schmal und schlierig unter einer Steinbrücke durchwirbelt. Hüben in Baden wie drüben im Kanton Aargau ragen die alten Häuser steil und fast lückenlos am Ufer auf, aber am badischen Brückenkopf ist Platz für eine Platane, ein paar Tische und Sonnenschirme. Die Radlerin bestellt einen Wurstsalat. Noch zehn Kilometer bis Bad Säckingen. Ein schnellerer Reiter hätte es vermutlich geschafft, aber bis sie eingetrödelt ist, hat Schloss Schönau mit seiner Uhren- und Trompetensammlung geschlossen.

Der Ruhm von Bad Säckingen beruht auf einem im späten neunzehnten Jahrhundert sehr populären, aber ziemlich schlechten Versepos von Joseph Victor von Scheffel, aus dem es nur die Figur des Trompeters und der Kater Hiddigeigei zu bleibender Präsenz gebracht haben; beide auf Brunnen und Denkmalsockeln; der junge Mann darüber hinaus in Form prachtvoller weiß blühender Trompetenbäume im Schlosspark von Schönau. Auch der Gartenpavillon mit den Deckenfresken, von dessen Dach der Kater den Anmarsch rebellischer Bauern meldet, steht noch. Von der Terrasse blickt man auf die vierhundert Jahre alte gedeckte Holzbrücke über den Rhein, ein mächtiges, aus dunklen Balken gefügtes Gehäuse, das auf einen gerahmten Lichtpunkt zuläuft: die Schweizer Seite.

Genießen nach Gutdünken

Dem Motto der Radtour hätte eine Unterkunft in der nachtwächterstillen Altstadt gut angestanden, aber das Pauschalarrangement sieht ein Hotel an der Rheinuferstraße vor. Nebenan rollen die Laster, jenseits des Flusses die Güterzüge. Im Badezimmer liegt für den Gast ein Päckchen Ohrenstöpsel bereit. Die nächste Etappe über Basel nach Bad Bellingen verspricht siebzig Kilometer bei erhöhtem Verkehrsaufkommen, das Kraftwerk und die Aluminiumwerke von Rheinfelden und die industriellen Ränder der Großstadt. Nach einer unruhigen Nacht tritt Plan C in Kraft: Genießen nach eigenem Gutdünken.

So endet die dritte Etappe zehn Kilometer hinter Bad Säckingen in Schwörstadt. Dort liegt ein entzückendes kleines Schwimmbad am Rhein mit einer großen Wiese und einem Sprungbrett über dem Fluss. Das Wasser ist herrlich kalt, man paddelt mit den Enten auf Augenhöhe gegen die Strömung. An einem Kiosk gibt es Eis am Stiel und in zweihundertfünfzig Metern Entfernung die Station, an der der Regionalexpress Richtung Basel Badischer Bahnhof hält. In einer dreiviertel Stunde ist man dort und steigt in den Zug nach Bad Bellingen um. So erreicht man das Markgräflerland schnell und bequem.

Rebhügel und sommerliche Gärten

Wo heute der Kurpark grünt, bohrten die Bellinger in den fünfziger Jahren nach Öl und stießen auf eine warme Natrium-Calciumchlorid-Quelle. Daraus ist eine Therme im Park mit vielen wohltuenden Vorrichtungen entstanden. Man schließt die Augen, sinkt bis über die Ohren ins Geblubber und nimmt die Damen nicht mehr wahr, die mit ungeduldigen Schwimmbewegungen ihren Anspruch auf den Platz im Sprudelbett anmelden. Sie kennen Plan C nicht.

„Nichts außer dem Meer wird hier vermisst, und das Vorhandene ist in Fülle da“, schrieb Christoph Meckel über das Markgräflerland. Der Dichter sah eine menschenfreundliche Landschaft vor sich, die von den fernen graublauen Vogesen gerahmt wird, Rebhügel, aus denen rote Dächlein spitzen, sommerliche Gärten voller Dahlien, Sonnenblumen und Phlox, Apfelbaumhaine, würdige Bauernhäuser und wirtliche Platanen. In Fülle steht auch der Mais, rechts und links der langen, geraden Feldwirtschaftswege, über die der Rennesel schnurrt, als sei das schnelle Heimkommen nun auch von ihm gewollt.

Rad und Reiterin gerettet

In Freiburg wenden sie sich energisch nach rechts dreisamaufwärts und durch die Flussauen, deren erste zarte Steigungen den Weg nach Kirchzarten und den Ernst der Berge andeuten. Nach sechs Stunden laufen Rad und Reiterin am Bahnhof ein. Der Regionalexpress nach Hinterzarten wartet auf Gleis 1. Die Sonne brütet. Eine Schulklasse steigt zu, und als sich der Zug in Bewegung setzt, packen fünfundzwanzig Kinder ihre Käsebrötchen, Paprikachips und Beefeewürstchen aus. So kam das Höllental zu seinem Namen.

Pauschalarrangement "Südschwarzwald-Radweg" 389,00 Euro

Aufpreis Einzelzimmer 36,00 Euro

Leihfahrrad 40,00 Euro

Extras

1. Tag: zwei Pils, Hotel Euro Imbery, Hinterzarten: 4,60 Euro

2. Tag: ein Stück Kirschstreusel, Bäckerei Wiest, Lenzkirch: 1,70 Euro

3. Tag: zwei Schinkenbrötchen, Bäckerei in Stühlingen: 3,40 Euro

Wurstsalat und Apfelschorle, Laufenburg: 12,50 Euro

4. Tag: ein Lunchpaket, Hotel am Hochrhein, Bad Säckingen: 3,50 Euro

ein Cappuccino, Bad Säckingen: 2,50 Euro

Eintritt Schwimmbad Schwörstadt: 2,00 Euro

Therme Bad Bellingen, Freikarte

5. Tag: Gratisbrötchen und Apfel vom Hotel Schwarzwälderhof

Kaffee und Brötchen, Ebringen: 4,40 Euro

ein Eis, Kirchzarten: 2,00 Euro

Gesamt 501,60 Euro

Informationen: Über den "Südschwarzwald Radweg" informiert Original Schwarzwald AG, Obertalstr. 16, 79295 Sulzburg, Telefon: 07634 /569 5626, im Internet unter www.original-schwarzwald.de.

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