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Gnadenlos günstig (8) Systemabsturz in der Käseglocke

12.09.2009 ·  Ohne Flugzeug in blühende Landschaften: Die Südsee mit Palmen und Sandstrand und allem drum und dran ist in Brandenburg bisweilen leichter zu erreichen als der Spreewald - auch wenn dieser einem vielleicht näher ist.

Von Stefan Locke
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Brandenburg. Es gibt dieses garstig-komische Lied von Rainald Grebe, in dem er das Land singend am Klavier vernichtet. Man kennt Matthias Platzeck, den Deichgrafen während der Oderflut und kurzzeitigen SPD-Chef, und erinnert sich vielleicht noch an Manfred Stolpe, Maut-Manni, dessen Name hier sogar eine eigene Autobahnausfahrt hat. Der Tourismusprospekt, den wir jetzt in unseren Händen halten, zeigt auf dem Cover den Spreewald und empfiehlt das Land so: "Brandenburg. Das Weite liegt so nah."

Für die Anfahrt träfe der Slogan "Nähe ist so weit" besser zu, denn wer von Sachsen oder Berlin aus nach Brandenburg fährt, sieht erst einmal nur Natur. Felder und Wiesen bis zum Horizont und immer wieder Kiefern. Dann, auf halber Strecke zwischen Dresden und Berlin, der Bruch: Eine überdimensionierte graue Käseglocke boxt dort den Himmel, selbst die größten brandenburgischen Kiefern sehen neben ihr wie Zahnstocher aus. Es ist das "Tropical Islands", jene Attraktion, auf die der brandenburgische Werbeslogan vielleicht am besten passt. Seit knapp zehn Jahren gibt es dieses Tropenhaus. Die größte frei tragende Halle der Welt wurde einst als Werft mit viel Fördergeld in den märkischen Sand gesetzt; moderne Zeppeline sollten darin gebaut werden, die sperrige Lasten auf dem Luftweg transportieren. Im Sommer 2002 ging die Firma pleite, ein malaysischer Konzern übernahm alles für ein Viertel des ursprünglichen Preises und machte aus dem innovativen Standort ein überdimensioniertes Spaßbad: Party statt Produktion. Wir hatten uns deshalb geschworen, nie hierherzukommen, doch mit der Zeit verrauchte die Verachtung und überhaupt: Wir wollten auch nie nach Mallorca, sind inzwischen doch einmal dort gewesen und immer noch überrascht. Warum es also nicht auch auf einen Versuch mit "Tropical Islands" ankommen lassen?

Übernachten im Indianerreservat

Nächste Ausfahrt Staakow deshalb, durch Wald und über eine Eisenbahnbrücke, und der Abzweig zum "Tropical-Islands-Campingplatz" ist erreicht, der in diesem Jahr eröffnet worden ist, aber jetzt erst einmal geschlossen hat.

"Mittagsruhe von 13 bis 14 Uhr" informiert ein Aufsteller im "Camp-Shop", den man nur erkennt, wenn man das Gesicht an die Glastür presst. Zwei holländische Familien, eine mit Wohnmobil, eine mit Wohnwagen, warten schon an der Schranke und erklären, was sie erspäht haben: dass noch genügend Platz auf dem Platz sei. Wir nutzen die Gelegenheit und drehen eine Runde auf dem Campingplatz. Er mutet an wie ein von der Zivilisation bedrohtes Indianerreservat: Auf der einen Straßenseite stehen weiße Stoff-Tipis mit Feuerstelle, auf der anderen Wohnmobile mit Elektrogrills und Satellitenschüsseln. Ein mittlerer Platzregen treibt uns zurück zur Rezeption, an der jetzt wieder gearbeitet wird, und wir entscheiden uns kurzerhand für ein vorinstalliertes wetterfestes Holz-Tipi mit schon bezogenem Bett. Wenn man will, kann man im piekfeinen Waschhaus sogar ein Vollbad nehmen.

Mit dem Bus-Shuttle in die Tropen

Mit einem kühlen Getränk sitzen wir später vor unserer Hütte, starren auf die Tipi-Zelte um uns herum und träumen von Palmen in den Tropen. Zwei Kilometer entfernt leuchtet das Dach des "Tropical Islands". In der Dämmerung sieht es aus wie ein von Außerirdischen auf den märkischen Boden herabgelassenes Raumschiff. Rings herum stehen, noch immer gut getarnt, ausgediente Flugzeughangars. Die Landepiste des ehemaligen Militärflughafens wurde in einen Parkplatz umgewandelt. Die Flucht in wahre tropische Gefilde ist also schon mal ausgeschlossen.

Die Nacht ist wunderbar, die Ruhe himmlisch, es riecht nach Harz und frischem Holz, und am Morgen lässt sich sogar kurz die Sonne blicken. Im Camp-Shop gibt es ein überraschend gutes Frühstücksbuffet. Wir schlagen zu, in der Halle des "Tropical Islands" soll ja alles gnadenlos teuer sein, und reihen uns dann in die Tropenreisenden an der nahen Bushaltestelle ein. Stündlich fährt von hier aus ein Shuttle in nur vier Minuten in die Südsee. Darauf warten jetzt Erwachsene in Badeshorts und Flipflops und Kinder mit halb aufgeblasenen Luftmatratzen und Schwimmringen. Es ist ein seltsamer Anblick in der brandenburgischen Kiefernweite.

Ins Paradies kommt man nur mit Geduld

In den Tropen ist erst einmal Systemabsturz, und die Menschen stehen deshalb Schlange. "Bitte haben Sie etwas Geduld, die IT-Abteilung arbeitet daran", sagt ein Mitarbeiter und serviert, damit auch alle bei Laune bleiben, einen Kasten Wasser und Pappbecher. Links stehen Familien, rechts vorwiegend polnische Schulklassen. Man versteht sein eigenes Wort nicht, das Thermometer zeigt kühle sechzehn Grad, es ist windig, und der Himmel sieht nach Regen aus - da will man auf schnellstem Wege in die Südsee - und jetzt das.

Zwanzig Minuten dauert die Warterei, inklusive einer Stunde Anfahrt am Vortag finden wir das jedoch akzeptabel. Schließlich würde ein Flug in die tatsächlichen Tropen mindestens zehn Stunden dauern! Und, ha! Während die anderen noch im Flugzeug sitzen, liegen wir doch schon längst unter Palmen und stecken die Füße in den Sand!

Abgerechnet wird zum Schluss

Am Eingang ist die Luft plötzlich sehr schwül, alle Besucher werden mit einem farbigen Chiparmband markiert, was leider nicht "All inclusive" bedeutet. Im Gegenteil, ohne Chip ist hier nur "All exclusive" - das Armband ist für alle Personalausweis und Portemonnaie in einem. Mit ihm erhält man Zutritt, einen Spind, und man kann damit bezahlen. Abgerechnet wird am Ende, koste es, was es wolle.

"Klick" macht das Drehkreuz am Eingang zum Regenwald. Dahinter soll die Südsee liegen, und wir können ein bisschen Strand und Sonne jetzt wirklich gut gebrauchen. Mit dem hügeligen Regenwald in der Mitte wirkt die von außen riesige Halle im Innern überraschend klein. Sechs Fußballfelder groß soll die Grundfläche sein, das Brandenburger Tor fünf- mal stehend und der Eiffelturm einmal liegend hineinpassen, erklärt uns das hauseigene "Wohlfühlmagazin Tropische Momente".

Der Ozean schmeckt nicht nach Salz

Das hier ist "Europas größte tropische Urlaubswelt", lesen wird noch und hätten gewarnt sein können. Auf den Terrassen oberhalb der "Südsee" stehen unzählige Holzliegen unter Palmen, nicht mal die Hälfte davon ist besetzt, dafür aber jede einzelne schon mit Handtüchern reserviert. Wir laufen den gesamten, etwa zweihundert Meter langen Sandstrand entlang, doch nichts, gar nichts, ist frei. Triumphierend blicken einige der Ruhenden hinter ihren Zeitungen, heute ausschließlich mit Berliner S-Bahn-Schlagzeilen, hervor, andere haben schon jetzt am Vormittag den ersten Cocktail in der Hand. Na Prost!

Am liebsten würden wir jetzt mehrere dieser "Reserviert"-Handtücher beiseite ledern, entscheiden uns aber gegen Stunk und für das Meer. Dreißig Grad Wassertemperatur verspricht die Anzeigetafel, 28 Grad warm ist die Luft, und von draußen werden noch immer kühle 16 Grad gemeldet. Alles richtig gemacht also, das Wetter ist hier drinnen bestens, die Südsee liegt ruhig. Allerdings muss man vor Benutzung duschen, dann geht es auf Edelstahltreppen hinab ins Wasser, das überhaupt nicht salzig ist. So etwas haben sie vor Hawaii garantiert nicht zu bieten! Wir tauchen unter und schwimmen raus, nach ein paar Zügen ist der Horizont erreicht, und wir berühren den Himmel.

Mystischer Hokuspokus

Es ist ein riesiges Poster mit Südsee-Azur und weißen Federwölkchen, darunter gluckst der Meeresrand. Würde man jetzt tauchen, ließe sich bestimmt auch irgendwo ein Stöpsel ziehen - ein Gefühl wie damals im Kino, als Jim Carrey in der "Truman Show" über das Meer fliehen will und schließlich mit seinem Segelboot die Studio-Außenwand rammt. In "Tropical Islands" aber öffnet sich keine Tür, durch die man in die reale Welt gelangen könnte. Wir sind ja mittendrin.

Am Strand hat sich die Lage verschärft, immer mehr "Urlauber" treffen ein, einige lauern hinter Palmen auf frei werdende Plätze. Also streichen wir diesen Teil und gehen durch den Regenwald zur Tropischen Saunalandschaft, an deren Eingang ein Drehkreuz mit dem Hinweis "Aufbuchungsbereich" steht. Abbuchungsbereich wäre präziser, schließlich sinkt der Kontostand, und überhaupt keimt hier zunächst An- statt Entspannung auf, was am schieren Überfluss des Angebots liegt, dessen mystische Hokuspokusnamen einem von ganz allein den Schweiß auf die Stirn treiben.

Dietmar ist nicht Shiva

Wohin zuerst, was ist überhaupt gesund und in welcher Reihenfolge? Worum geht's im Elefanten-Tempel mit Trimurti-Kristallwelt oder im Vishnu-Saunatempel mit Nebelgrotte? Findet man je wieder heraus aus dem Dschungeldorf mit Salasca-Baumsauna, Guruwari-Blütendampfbad und Inipi-Kräuterschwitzhütte, und ist man im Alcantara Canyon mit Gunung-Mulu-Salzgrotte und Erlebnisduschen wirklich sicher?

Offenbar ein Kenner empfiehlt die Salzgrotte, und die ist für den Anfang optimal, weil nicht zu heiß. Im Grunde könnte man hier ewig sitzen, doch um 15 Uhr ist Aufguss in der Steinsauna. Dreißig Wellnesser auf Holzbänken rings um einen Ofen harren dort schon der Dinge, die nun kommen. Die Tür geht auf, und herein tritt nicht Shiva, sondern ein untersetzter Mittvierziger mit einem blau-weiß gestreiftem Leinentuch um die Hüften. Es sieht trotzdem aus, als ob er das hier freiwillig macht. "Hallo, ich bin der Dietmar. Ich habe als Aufguss Melone mit, und wir machen drei Durchgänge." Nach dem zweiten flüchten die Ersten.

Verdauungsspaziergang im Regenwald

Wir bleiben tapfer bis zum Ende sitzen; Dietmar hat das wirklich gut gemacht, aber draußen vermissen eingefleischte Saunisten nun das traditionelle Tauchbad. Kein Inuit-Iglu-Ice-Pool weit und breit. Zwei ältere Herren werden gerade noch vom Sprung in ein nahes Becken mit riesigen Koi-Karpfen abgehalten. Wir gehen lieber unter die "Erlebnisdusche", drücken auf den Knopf mit der Aufschrift "Rain" - in vielen tropischen Ländern ist die Verkehrssprache schließlich Englisch - und lassen uns anschließend erschöpft auf eine der - hier ganz und gar freien - Liegen fallen. Gegenüber packt ein Rentnerehepaar Stullenpakete aus, und auch uns packt der Hunger, doch die Tropen-Kantine will 9,90 Euro für Spaghetti Bolognese und 3,60 Euro für den halben Liter Cola haben. Das ist happig.

Statt unser Chiparmband dort vorzuzeigen, schlendern wir ins Palm-Beach-Restaurant, bestellen bei Kellnerinnen in Hawaii-Uniform ein großes Radler, eine Krabbensuppe und einen Thunfischsalat, während auf der Südsee-Bühne die Abendshow „Mythen der Südsee“ beginnt. Statt der erwarteten Hula-Hoop-Mädels mit bunten Blütenketten tauchen zwölf Tänzer mit Lendenschurz auf, über denen ein roter Vogel in den Seilen hängt - nicht der brandenburgische Adler, sondern eine Art Zauberpapagei, der die Tarzane zum Leben erweckt. Die Akrobatik ist sehenswert, und am Ende gewinnt das Gute; der Mythos Südsee lebt weiter. Zur Verdauung spazieren wir im Regenwald zwischen Dattel- und Bismarckpalmen, saftiggrünen Bananen- und Kakaobäumen und bunt blühenden Lilien herum, die Luft ist warm und feucht, doch es fehlen Tiere. Auf Moskitos und Schlangen kann man gut verzichten, aber wie wäre es zum Beispiel mit ein paar Aras, den ewigen Tropenvögeln aus dem Kreuzworträtsel?

Wollt ihr mit mir mit?

Beim Packen am nächsten Morgen fällt uns noch einmal der brandenburgische Tourismusprospekt mit dem Spreewaldcover in die Hände. Jetzt gehen wir aufs Ganze. „Wollt ihr mit mir mit?“, ruft wenig später der Mann mit der Kapitänsmütze. „Um halb geht's los!“ Mehrere Menschen, die am Bootssteg herumstehen, nicken und auch wir. „Aber nich nach drüben gehen!“ Frank Seemann, wie das Namensschild verrät, fährt mit seinem weiß-grünen Damenrad noch eine Runde, vielleicht kann er noch mehr Kundschaft anheuern. Der Kahnfährhafen in Schlepzig liegt im Unterspreewald, gerade mal zehn Kilometer vom „Tropical Islands“ entfernt. Statt nach rechts zur Autobahn, biegt man links auf eine später zunehmend holprige Betonstraße, durchquert ehemals sowjetisches Militärgelände mit verfallenen Ziegelbauten und kommt kurz darauf in einer völlig anderen Welt an. Statt Sandboden, Kiefern und Heidelbeersträuchern sind hier auf einmal saftige Wiesen, Erlen und Schilf.

Schlepzig ist ein sympathisches kleines, ehemaliges Fischerdorf, das vom Sommergeschäft lebt. „Im Winter ist hier der Hund begraben“, sagt Seemann. Jetzt kommen hauptsächlich Touristen, die mit dem Kahn stunden- oder tageweise auf der Spree und ihren Nebenarmen entlang- gestakt werden wollen. Wir nehmen im Bootshaus bei Rainer (Türspruch: „Egal, wie weit man wohnt, ein Weg zu Rainer lohnt“) einen Kaffee und ein Stück Blechkuchen, verzichten auf den angebotenen Magenbitter und gehen zum Steg. Ein Regenschauer hat den Großteil der Kahnkunden vertrieben, doch Seemann startet dankenswerterweise auch zu viert durch.

Seeadler statt Papagei

Es geht zunächst die Hauptspree stromaufwärts Richtung Lübben, wo das Epizentrum des Spreewaldtourismus liegt. Im Gegensatz zu dort begegnen wir hier kaum Kahngesellschaften. Lautlos gleitet der Kahn dahin durch üppig grüne Kanäle, links ragen Erlenwälder, und rechts liegen saftige Wiesen, wir schauen blauflügeligen, auf Seerosen sitzenden Prachtlibellen zu, sehen von Bibern angenagte Erlenstämme und hören, so Seemann uns darauf hinweist, Seeadler, Zaunkönig und Eisvogel. Als wir in den Puhlstrom einbiegen, zeigt sich sogar die Sonne zwischen den Bäumen, die sich jetzt wunderbar klar im Wasser spiegeln.

Kommen viele Gäste aus dem „Tropical Islands“ hierher? „Kaum“, sagt Seemann. „Wenn die dort raus sind, haben die alle kein Geld mehr.“ Neulich allerdings habe ihn eine Frau aus dem Westen gefragt, ob es den Spreewald auch schon zu DDR-Zeiten gegeben habe. Und während wir in einem von Seemann präsentierten Reiseführer aus den dreißiger Jahren lesen, wie „still und urwüchsig der wenig besuchte, aber nicht minder reizvolle Unterspreewald“ ist, wie „gegensätzlich und überraschend schön dieser Edelstein märkischer Landschaft und das herrliche Zusammenspiel von Berg und Niederung, Fluss, See und Wald“ begeistern, fragen wir uns, wie es wohl wäre, wenn morgen „Spreewald Islands“ in den Tropen eröffnen würde.

Das kosten die brandenburgischen Tropen:

Zwei Übernachtungen im Holz-Tipi: 47 Euro

Zweimal Frühstücksbüfett: 20 Euro

Kombi-Ticket „Tropical Islands“: 30 Euro

Zweistündige Kahnfahrt: 8 Euro

Krabbensuppe, Thunfischsalat,

Brotkorb und Radler im „Palm Beach“: : 19,40 Euro

Kaffee und Blechkuchen: 3,80 Euro

Gesamt: 128,20 Euro

Informationen: Tropical Islands, Tropical-Islands-Allee, 15910 Krausnick, Telefon: 035477/605050, im Internet unter www.tropical-islands.de. Über das Fischerdorf Schlepzig informiert die Internetseite www.schlepzig.de.

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