26.07.2009 · Wer sich mit Rainbow Tours auf einen Kurztrip in die Stadt der Liebe begibt, erlebt für einen winzigen Augenblick noch einmal den Glanz früherer Klassenfahrten - dann aber siegt die Müdigkeit.
Von Marcus JauerEs ist Freitagabend, und man hat, überstürzt und im Grunde unverrichteter Dinge, das Büro und den Arbeitsplatz verlassen, hat unterwegs in einem Imbiss ein paar Hähnchenteile gekauft, die wie ihre eigene Verpackung schmecken, war schließlich, es hatte inzwischen und aus heiterem Himmel wie aus Eimern zu schütten begonnen, quer durch den Regen zum vereinbarten Treffpunkt gerannt, um nur ja unter allen Umständen pünktlich zu sein, und dann geht es damit los, dass es nicht losgeht.
Seit einer Dreiviertelstunde steht man auf Hamburgs Zentralem Omnibusbahnhof herum, allein zwischen Mitreisenden, die sich wie von selbst zu Gruppen zusammengefunden haben, in denen alle entweder die gleiche Hose haben, die gleiche Tasche oder die gleiche Frisur, und während von den anderen Haltestellen ständig Busse auf die Minute genau nach Warschau, Riga, Kaunas, Tallinn oder Bialystok aufbrechen, ist der Bus, der einen nach Paris bringen soll, immer noch nicht da.
Dieter und Norbert
Nun wäre eine Verspätung um eine Dreiviertelstunde noch kein Grund, sich aufzuregen, würde es sich bei dieser Reise nicht um einen Kurztrip handeln, bei dem einem weniger als dreißig Stunden bleiben, um "Paris mit allen Sinnen zu genießen", wie es in der Anzeige von Rainbow Tours hieß. Man werde eine Stadtrundfahrt machen, eine Bootsfahrt auf der Seine, einen Ausflug nach Versailles und Sonntagnacht wieder zu Hause ankommen, "ohne einen Urlaubstag geopfert zu haben". Es hätte den Kurztrip auch noch kürzer gegeben. Dann wäre man nach achtzehn Stunden wieder abgefahren, hätte zwei Nächte im Bus verbracht und keine im Hotel, was die Reise noch etwas günstiger, aber auch gnadenloser gemacht hätte. Aber erstens war dieser Trip ausgebucht, und zweitens fragt man sich ja jetzt schon, ob man sich wegen dieser Dreiviertelstunde aufregen soll oder besser freuen. Einerseits hat man sie bezahlt, andererseits sie aber irgendwie auch schon gespart.
Als der Bus endlich kommt, sieht es wenigstens so aus, als gebe es mehr Platz als Gäste, so setzt man sich allein und ans Fenster. Nachdem jedoch die Reiseleiterin die Busfahrer vorgestellt hat ("Das ist der Dieter. Das ist der Norbert.") und erklärt, dass die Bordtoilette nur im Notfall zu benutzen sei ("Wir können sie nicht ablassen"), stellt sich heraus, dass wir auf dem Weg nach Paris noch in Bremen halten, in Osnabrück, Essen und Köln, wo wir dann ("so gegen eins") die letzten Gäste aufnehmen. Der Bus ist ausgebucht, und da viele der Reisenden Paare sind, die gern nebeneinandersitzen wollen, setzt einen die Reiseleiterin zu dem anderen alleinreisenden Herrn um, einem Frührentner aus Hamburg, der von Rainbow Tours nur als dem "Rambo" spricht, es aber nicht ironisch meint. Er sei "mit dem Rambo" dreimal in Paris gewesen, sagt er, und jedes Mal sei es derart günstig gewesen, dass er sich frage, "wie der Rambo das macht".
Shoppingpunkte für Paris
Rainbow Tours war bis in die achtziger Jahre ein Hamburger Familienbetrieb für Bustouristik, mit dem man an die Nordsee fuhr oder in den Harz. Dann kam ein neuer Geschäftsführer, brachte den neuen Namen mit und die Idee, auf leuchtend gelben, grünen oder roten Zetteln den Preis für die Reise mindestens so groß zu schreiben wie den Namen der Stadt, in die sie ging. Als vor Jahren dann Fluggesellschaften auf die gleiche Idee kamen und viele Leute auf einmal nicht mehr verstanden, warum sie ganze Tage im Bus verbringen, wo sie doch nach London, Rom oder Venedig wollen, kamen Reisen für Leute hinzu, für welche die Fahrt schon Teil der Reise ist. Sie werden vor allem von Jugendlichen gebucht und führen an so unterschiedliche Orte wie Siófok am Balaton, Lloret de Mar an der Costa Brava oder Novalja in Kroatien. Letztlich haben sie aber alle dasselbe Ziel: "Party, Party, Party!"
Es ist zwar nicht so, dass in Paris diesbezüglich nichts zu erleben wäre, immerhin verspricht die "Rating Box", mit der Rainbow Tours im Internet alle Städte bewertet, vier von fünf Partypunkten, was außer Amsterdam keine Stadt überbieten kann, London nicht, Prag nicht, Venedig gleich gar nicht. Paris bietet dazu aber auch fünf Kulturpunkte, fünf Romantikpunkte, außerdem fünf Shoppingpunkte und kommt damit unter dem Strich auf neunzehn von zwanzig möglichen Punkten. Die Stadt ist der größte gemeinsame Nenner, auf sie können sich alle einigen, und wer sich unter der Reisegruppe umschaut, deren Bus auf einem Rastplatz nahe Osnabrück gerade eben wieder Leute aufgenommen hat, der sieht, dass es wirklich alle sind.
Horoskop statt Freund
Neben dem Fahrer sitzt ein Paar aus Kasachstan mit einer erwachsenen Tochter, die sich, sobald der Bus irgendwo stoppt, ängstlich an der Mutter festhält. Alle drei haben bisher kaum ein Wort miteinander geredet, und wenn, dann nur flüsternd. Etwas weiter hinten sitzen drei Paare aus Indien, von denen alle Männer Oberlippenbärte tragen und in ihrer lustigen Sprache ausdauernd auf ihre Frauen einreden. Offenbar sind sie auf Europatour und waren vorher in Berlin, wo sie sich eine Tasche gekauft haben, auf der "Berlin" steht. Hinter den Indern sitzen drei Koreaner, eine Mutter mit Sohn und Tochter, die wie beleidigt neben ihr hockt und deren Mundwinkel stets nach unten zeigen. Darüber hinaus gibt es ein wahrscheinlich muslimisches Paar, von dem die Frau ein Kopftuch trägt und gleich hinter Hamburg ein Essen auspackte, das komplett aus Knoblauch gemacht zu sein schien. Der Rest der Gruppe besteht aus jungen Mädchen, die entweder schon einen Freund dabeihaben oder sich noch Horoskope vorlesen, in denen es darum geht, wie man einen bekommt.
Als es in die Nacht geht, in der irgendwann verschliert noch der Kölner Dom an einem vorbeizieht, bevor es dann dunkel wird, hat die Reise etwas vom Glanz der Klassenfahrten, bei denen man sich ja anfangs auch immer ausmalte, was alles passieren wird, bevor man einsehen musste, dass das meiste nicht passiert. Als es aber Morgen wird, der Bus an einer französischen Autobahnraststätte hält, man neben dem Hamburger Frührentner aufwacht und die Reiseleiterin ankündigt, es gebe hier schon einmal die Gelegenheit, "ein erstes Croissant zu essen", muss man feststellen, dass die Reise von einer Klassenfahrt vor allem das Ungewaschene und Übermüdete hat. Als habe man feuchte Watte im Hirn, sitzt man an einem Tisch neben dem Parkplatz, hört Leuten dabei zu, wie sie Raststättenpreise für Kaffee diskutieren, und merkt, dass man seinen iPod zu Hause vergessen hat.
Eiffeltürmchen wie Dominosteine
Einige Kilometer vor Paris, man war gerade wieder eingeschlafen, geht die Reiseleiterin mit den Tickets für die Stadtrundfahrt, die Bootstour auf der Seine und die Besichtigung von Versailles durch die Reihen. Obwohl sie den Reisepreis empfindlich in die Höhe treiben, werden sie von fast allen Leuten gekauft. Auch der anfangs widerstrebende Frührentner kauft sich noch ins Programm ein, als ihm klar wird, wie umständlich es ist, zur Gruppe zurückzufinden, wenn er einen der Ausflüge nicht mitmacht. Er sei bei einem seiner Paris-Besuche schon einmal "vergessen worden", sagt er, und habe mit dem Zug nach Hamburg zurückfahren müssen, so etwas wolle er nicht noch einmal erleben. Danach wacht man erst wieder auf, als der Bus vor dem Montmartre hält.
Es ist morgens halb acht, und die Gruppe hat jetzt vierzig Minuten, Sacré-Coeur zu besichtigen. Müde latscht man die Stufen zur Kirche hinauf, aber als man oben steht, versteht man auf einmal, dass es keinen besseren Zeitpunkt gibt hierherzukommen, als diesen frühen. Die Souvenirhändler breiten noch die Tücher aus, auf die sie später die verschiedenfarbigen Eiffeltürmchen aufbauen werden wie Dominosteine. Die Stadt liegt grau, aber frisch vor einem. Der Blick ist noch nicht von anderen Touristen verstellt, und den Mädchen, deren Freunde sie vor dem Panorama fotografieren, gelingt noch spielend der Blick, der später von einer romantische Reise in die Stadt der Liebe erzählen muss.
Kategoriebetrüger im Hotel
Als der Bus später für zwanzig Minuten am Eiffelturm hält und für zehn Minuten am Panthéon, hat sich der Moment verflüchtigt, und als der Bus am Arc de Triomphe vorbeifährt und an Notre-Dame, kommt er gar nicht auf. Es ist, als habe man nur früh die Chance gehabt, die Stadt einmal anders zu sehen, dann ist es zu spät, und jeder sammelt nur noch Ansichten, die er von Postkarten kennt. Nach eineinhalb Stunden ist die Stadtrundfahrt vorbei, die sicher besser war, als dass man die Hälfte davon verschlafen musste, aber leider bekommt man die Müdigkeit erst wieder aus dem Gesicht, als es ins Hotel geht.
Da der kürzeste der Kurztrips nach Paris bereits ausgebucht gewesen war, hatte man die Reise wenigstens so günstig, mindestens aber so gnadenlos wie möglich halten wollen und bei der Hotelklasse "Standard" bei der Zimmerkategorie "MBZ" angekreuzt. Billiger ging es wirklich nicht. Erst später hatte man dann erfahren, dass "MBZ" die Abkürzung für "Mehrbettzimmer" ist, und so sitzt man jetzt einigermaßen kleinlaut im Bus, als die Reiseleiterin jetzt die Namen der Gäste verliest, die auf der lauten Straße aussteigen sollen, an der das Standardhotel liegt. Seltsamerweise ist man da aber nicht dabei. Der Bus fährt weiter, man verhält sich ruhig, weiß aber, dass der Fehler sicher jeden Moment auffallen wird und man als überführter Kategoriebetrüger den Bus verlassen muss. Ein fremder Irrtum zu eigenen Gunsten. So etwas kommt doch praktisch nie vor. Später stellt sich heraus, dass man abgebettet, also aufgebucht worden ist, weil in der Hotelkategorie "Tourist" Plätze frei waren. Das glaubt man aber erst, als man die Tür des Einzelzimmers hinter sich schließt und keiner klopft, einen wieder hinauszuwerfen, und in diesem Augenblick ist man der Firma Rainbow Tours enorm dankbar. Da ist es egal, dass das Hotel so weit außerhalb des Zentrums liegt, dass Einheimische, wenn man sie fragt, wo es zur Seine geht, einen nur noch weiter hinaus schicken, weil sie da wieder näher ist.
Kostenlose Mona Lisa
Der Nachmittag steht den Reisenden zur freien Verfügung, so sieht man sie erst zur Bootsfahrt wieder. Inzwischen ist einigen der Widerspruch aufgegangen, der sich auftut, wenn man eine günstige Reise in eine teure Stadt unternimmt, in der selbst an Stellen, wo sie nicht so schön ist, die Cola sieben Euro kostet. Ein junges Paar aus Gladbach hat sich, obwohl es zwischenzeitlich ein sonniger Tag war, darum für den Louvre entschieden, da ist der Eintritt für alle, die jünger als sechsundzwanzig Jahre sind, umsonst. Der Frührentner hat einen ehemaligen Arbeitskollegen besucht, der in Paris lebt, bis zum Mittag aber nicht ahnte, dass er nachmittags Besuch bekommt. Was die Inder gemacht haben, kann man nicht verstehen. Die kasachische Familie schweigt.
Die Anlegestelle für Ausflugsboote sieht an diesem Abend aus, als würde die "Wilhelm Gustloff" von hier abfahren. Jedes Schiff könnte die Passagiere von fünf Reisebussen aufnehmen, trotzdem herrscht Gedränge. Die Fahrt in der Dämmerung gilt als romantischer Höhepunkt, und die Leute wirken, als wollten sie ihn sich nicht entgehen lassen. Als das Boot den Eiffelturm passiert und er auf einmal vor lauter Lichtern zu glitzern anfängt, haben sie ihn auch. Die Inder jedenfalls sind sehr vergnügt und vor lauter Blitzlicht beginnt nun das Schiffsdeck zu glitzern. Wiedder an Land trinkt man im Nieselregen irgendwo noch einen Kaffee für acht Euro, isst ein Club-Sandwich für neunzehn, schläft dann in der Metro ein und ist schließlich um halb drei Uhr nachts im Bett. Fünf Stunden später gibt es ein Frühstück, von dem es in der Anzeige heißt, dass es ein "französisches" sei. Danach geht es nach Versailles.
Lindwurm aus Touristen
Der Bus parkt vor dem Schloss, das jetzt, es ist kurz nach neun, schon von anderen Bussen umstellt ist, aus denen die Touristen in den Vorhof strömen, der Warteschlange für die Eintrittskarten entgegen. Seltsamerweise wird einem erst in diesem Moment klar, dass man die ganze Zeit über auch einer dieser Busreisenden gewesen ist, die den Einheimischen ihre Städte verstopfen und deren schönste Plätze verleiden und über die man sich deshalb zu Hause immer aufregt. Ein Lindwurm aus Deutschen, Chinesen, Russen, Spaniern und Amerikanern schiebt sich durch die Säle des Gebäudes, das einst für eine einzige Familie gebaut worden ist. Bei so vielen Leuten, die so wenig Zeit haben, bleibt davon nur der Eindruck, dass man nun also auch einmal da war. Das ist der Sinn dieser Reise; dass sie gemacht worden ist, und so kehren gegen Mittag alle rechtzeitig zum Bus zurück, der einen über Köln, Essen, Osnabrück und Bremen wieder nach Hamburg bringen wird.
Es ist kurz vor eins in der Nacht, als man, auf einmal hellwach, auf dem Zentralen Omnibusbahnhof steht, neben einem der Frührentner, der sich nun freundlich verabschiedet. Es ist gerade zwei Tage her, dass man von diesem Ort aus zu einem kurzen Wochenende nach Paris aufgebrochen war. Wenigstens nimmt man das an.
Fahrt ab Hamburg: 49,00 Euro
Übernachtung: 27,00 Euro
Treibstoffzuschlag: 7,00 Euro
Transferzuschlag: 8,00 Euro
Reiseversicherung: 7,00 Euro
Last Minute Rabatt: -5,00 Euro
Extras:
Stadtrundfahrt 13,00 Euro
Bootsfahrt auf der Seine 10,00 Euro
Eintrittskarte Versailles 13,00 Euro
Gesamt: 129,00 Euro
Informationen: Busreisen nach Paris mit Rainbow Tours kann man im Internet buchen unter www.rainbowtours.de.
Manche Texte sind Zeitverschwendung
Kathrin Schmid (schmid.kathrin)
- 27.07.2009, 16:05 Uhr
Reisen ist wie schreiben - man kann es erlernen.
Mirko Trinks (reisemirko)
- 28.07.2009, 18:32 Uhr