12.06.2009 · Eine Glücksreise ist eine Risikoexpedition im Pauschalpaket: Man bricht in die Fremde auf, ohne zu wissen, in welches Quartier es einen verschlägt. Der Zufall hat für wenig Geld eine faire Chance.
Von Alexander BartlEs ist spät geworden, selbst die Mondsichel über der türkischen Riviera liegt schon dösend auf dem Rücken. Doch unten, auf der Küstenstraße, kann eine Stunde nach Mitternacht von Schlafenszeit keine Rede sein. Zäh fließt der Verkehr über vier Asphaltspuren. Herr Timur, unser Reiseleiter und Fahrer, hat aber nicht nur Augen für die Straße, er bemerkt auch unsere wachsende Unruhe. Sicherheitshalber stellt er die Klimaanlage auf Polarsturmstärke, damit seine Gäste einen kühlen Kopf bewahren. Schließlich haben wir eine Glücksreise gebucht, eine jener Abenteuerexpeditionen im Pauschalpaket, bei denen man in die Fremde aufbricht, ohne zu wissen, in welches Quartier es einen verschlägt. In einer Zeit, in der Reisen oftmals so exakt durchgeplant werden wie Hochzeiten bei Hofe, wollte man dem Zufall für wenig Geld wieder eine faire Chance geben und als All-inclusive-Hasardeur den Reiz des Risikos auskosten. Im Vorfeld hatte der Gedanke etwas Verwegenes.
Vor Ort ist von der Lust am Wagnis allerdings nicht mehr viel übrig, Bedenken überwiegen. "Schönes Hotel", verspricht Herr Timur, um prinzipielle Zweifel an der Bewohnbarkeit der Unterkunft zu zerstreuen. Wir fahren nach Alanya. Auf dem Weg dorthin ist im Schein der Straßenlampen zunächst wenig mehr zu sehen als ziemlich uninspirierte Quadratarchitektur mit Deckel. "Die ganze Küste ist zubetoniert", kommentiert Herr Timur. Nach einer Stunde wird es endlich farbenfroh an den Straßenrändern, bunte Lichterketten malen die Konturen von Hotels in die Nacht, Scheinwerfer beleuchten die Stirnseiten. Eines schmückt sich mit antiken Säulen wie ein griechischer Tempel, ein anderes sieht aus wie eine monumentale Steingrotte, ein drittes wie ein quergelegter Toaster. Herr Timur lächelt versonnen, wohl weniger, weil ihm das, was er sieht, so gut gefällt, sondern weil das gewagte Design die Gastfreundschaft seiner Landsleute bezeugt, die einen ihrer schönsten Landstriche am Fuß des Taurusgebirges für den Tourismus aufgedonnert haben wie eine Drag Queen.
Schmal das Bett, bretthart die Matratze
Gegen halb drei Uhr morgens drosselt unser Fahrer das Tempo, verlässt die Küstenstraße und rollt eine Schotterpiste entlang. Dann, endlich, ganz vorne am Meer: das Glückshotel. Dass es sich für unser Blinddate sonderlich herausgeputzt hätte, kann man nicht behaupten. Etwas schmächtig wirkt das Haus im Vergleich zu den kraftstrotzenden Giganten auf dem Weg hierher, hält aber unverzagt sein leuchtendes Banner hoch: "Hotel Anitas", keine Schönheit, eher eine klassische Bettenbox, aber nach der Fahrt durch den betonierten Karneval ist man darüber richtig froh. Weil das Anitas kein Tempel sein will und auch kein Toaster, sondern einfach nur das, was es ist. Ein Haus mit dreihundert Betten auf fünf Etagen, schmucklos, aber aufrichtig. Dort hinten sei übrigens die Hafenmeile von Alanya, sagt Herr Timur noch, während er auf einen Punkt in der Dunkelheit zeigt: "Party, Party, Party!" Dann rumpelt er über den Schotter davon und überlässt uns unserem Glück.
Die Hotellobby ist mit hellem Marmor ausgeschlagen, blitzsauber gewienert. Auch das Zimmer zum Meer zelebriert keine verstaubte Folklore, pflegt vielmehr einen kühlen Business Chic. So schmal das Bett, so bretthart ist die Matratze, Eigenschaften, die vortrefflich mit dem verhaltenen Design harmonieren und ihm eine spürbar asketische Note geben. Sonderlich viel Zeit bleibt ohnehin nicht, um in diesem Bett unruhig zu schlummern. Dank Nana Mouskouri, die potentiellen Langschläfern gegen zehn Uhr vormittags ein feierliches "Guten Morgen!" entgegenschmettert: "Guten Morgen, Sonnenschein!" Der Schlager donnert aus Lautsprecherboxen auf der Poolterrasse, die Sonne scheint tatsächlich vom tiefblauen Himmel, und die Musik ist so laut, dass sie fast den Lärm der Bagger übertönt, die in der Gegend viel zu tun haben.
Eine Pyramide aus Fladenbrot, ein Gebirge aus Pommes
In der Siedlung wachsen und gedeihen Dutzende Gästevillen und neue Hotelkolosse, die sich zu den schon vorhandenen mit ihren zwei-, ja dreitausend Betten gesellen, als hätte die Wirtschaftskrise um die Türkische Riviera einen Bogen gemacht. So ist es natürlich nicht, schon in der Vorsaison sank die Nachfrage merklich. Deshalb ruhen alle Hoffnungen der Hoteldirektoren auf dem Sommer, der ihnen volle Häuser bescheren soll. Nimmt man den rustikalen Soundtrack der Presslufthämmer, Bohrmaschinen und Baggermotoren als Indiz für die in die Zukunft gesetzten Hoffnungen, dann muss die Zuversicht grenzenlos sein. Genaugenommen ist das ganze Viertel eine zwischen Meer und Küstenstraße eingeklemmte Baustelle, allerdings eine mit schöner Aussicht nach Nordosten. Dort, wo die Siedlung ausfranst, übernimmt die Natur das Regiment, Wiesen, Kornfelder und Bananenplantagen erstrecken sich bis zu den Ausläufern des Taurusgebirges in der Ferne. Sträucher klettern die Hänge hinauf, bis dorthin, wo ihnen die Luft zu dünn wird und der nackte Fels zum Vorschein kommt.
Aber wo ist denn nun Alanyas Hafenmeile, wo die Party? Alanya liege bedauerlicherweise dreizehn Kilometer weiter östlich, erklärt der Mann an der Rezeption. Man befinde sich in Konakli, wobei auch dieser Ort eigentlich zwei Kilometer entfernt sei. Anders ausgedrückt: Das Anitas hat mitten im halbfertigen Dazwischen seinen Platz an der Sonne eingenommen. Man muss ihm zugutehalten, dass es das Beste daraus macht. Nur der schmale Hausstrand, ein sanft geneigtes Felsplateau, trennt die Terrasse vom graublau schimmernden Meer. Leider fehlt dem Farbenspiel im Moment das Publikum. Das Geschehen hat sich auf die Terrasse verlagert, denn dort wurde eben das Snackbuffet eröffnet: gefüllte Fladenbrote, zu einer Pyramide aufgeschichtet, daneben ein Trog mit Reis, daneben ein Pommesgebirge - alles in Hülle und Fülle angerichtet, um den Zwischenhunger zu stillen, der sich nach dem Frühstück, aber noch vor dem Mittagessen meldet.
In der Hierarchie ganz unten
Die Stimmung ist gelöst, man kaut, scherzt und schluckt, russische und deutsche Touristen, Gäste aus Holland und aus Belgien in einträchtiger Urlaubslaune. Kaum sind die Teller leer, kommt der Barkeeper am Zapfhahn ins Schwitzen. Die Gespeisten haben jetzt Durst, das türkische Efes Pils geht gut hinunter, halbnackte Menschen mit ihren Bierbechern, arrangiert zu einem Bild des Wohlbehagens. Obwohl uns das gelbe Plastikband am Handgelenk als Hotelgast mit gleichen Rechten ausweist, gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen der beschwingten Gesellschaft an der Theke und uns. Und wenn wir allzu sorglos an dem Gelage teilhaben, lässt man uns das auch spüren: Nicht brüsk, nicht ungehobelt, aber wir sollen ruhig merken, dass wir in der Hierarchie eine Haaresbreite unter den anderen Gästen siedeln. Schließlich haben sie mehr für ihren Urlaub getan, haben Kataloge gewälzt und schon Wochen vor dem Abflug dieses Hotel auserkoren. Sie haben sich aus vernünftigen Gründen dafür entschieden, die entweder mit der Freundlichkeit des Personals oder mit dem opulenten Buffet oder mit dem tüchtigen Barkeeper zu tun haben. Leider gibt es im Moment keinen zweiten Glücksritter, den eine Laune des Schicksals ins Hotel Anitas verschlagen hat. Deshalb sind wir die einzige Anlaufstelle, wenn Inge aus Köln die Frage beschäftigt, wie man nur so unentschlossen auf Reisen gehen könne. Und wenn Otto aus Paderborn darüber debattieren möchte, ob so ein windiges Arrangement wie unseres nicht womöglich ein Zeichen von fehlendem Respekt für sein Lieblingsdomizil sei, dem er seit fünf Jahren die Treue halte. Er vermutet, wir hätten es unverdient viel zu gut getroffen - ganz so, als wäre das Hotel die Perle an der türkischen Riviera schlechthin.
Natürlich könnten wir mit dem Taxi zu schöneren Stränden aufbrechen und zu prachtvollen Bauwerken mit Historie, schließlich haben sich die antiken Baumeister in der ferneren Umgebung mit Theatern, Thermen und Aquädukten verewigt. Das wiederum liefe dem Grundprinzip einer Glücksreise zuwider, die nur dann wirklich günstig ist, wenn man eben nicht in einem fort für Chauffeursdienste bezahlt. Sonst hätte man gleich ein Quartier in Wunschlage buchen können, das für sich genommen zwar teurer ist, doch in Summe auch nicht mehr kostet als Glückshotel plus Taxi oder Mietwagen. Die Linienbusse wiederum sind zwar ungemein preiswert, für längere Strecken aber eher ungeeignet. Daran sind ausgerechnet die überaus höflichen Fahrer schuld, die nämlich nicht nur an den Haltestellen bremsen, sondern wo immer jemand ein- oder aussteigen will, was einen kleinen Ausflug zu einer Tagesexpedition machen kann.
Mit Swetlana, Irena und Eva in die Disco
Wer mit dem Glückspaket für wenig Geld verreist, der braucht auch die innere Größe, sich in sein Schicksal zu fügen. Im Fall des Anitas bedeutet das: Man blendet den Baustellenlärm aus, die Tatsache, dass sich zu Fuß kein Ort erreichen lässt, der auch nur Anflüge von türkischem Flair besitzt, und konzentriert sich statt dessen auf das Wesentliche, auf den Pool, die Sonne und auf die Öffnungszeiten des Buffets. Man kann natürlich auch die Brache vor dem Hotel auf der Landseite betreten, ohne gleich zu verzagen - wenn man beispielsweise nach Sonnenuntergang drei Meter weiter in den wartenden Discobus steigt, der partyhungrige Hotelgäste zu den Clubs von Alanya bringt und von dort frühmorgens wieder abholt. Sieben Euro kostet dieser Service und ein Cocktail ist auch inbegriffen. Ein sagenhafter Preis, zumal dann, wenn sich obendrein drei langbeinige Grazien mit uns auf den Weg machen wie an diesem Abend. Swetlana, Irena und Eva sind aus der Ukraine in den Süden gekommen, um eine Woche lang durchzufeiern, wie sie erzählen. Die Nacht gehört ihnen, so viel ist sicher. Oben am Himmel liegt der Viertelmond zwar schon wieder flach, aber in Alanya ist an Schlaf nicht zu denken.
Zunächst ködert der Havana Club nahe der Hafenmeile unseren Blick, weil das Gebäude, in dem er residiert, auf ziemlich groteske Weise eine gespaltene Persönlichkeit offenbart: Im Parterre eher konventionell, dort hat sich ein Optiker eingerichtet, möchte es vom ersten Stock aufwärts kein Haus mehr sein, sondern lieber ein Steinbruch. Das ist das Revier des Clubs, der sein kantiges Kunstfelsendekor mit Plastikpalmen auflockert. Eva ist binnen Sekunden vergeben, ein Mann im hauteng geschneiderten Karohemd nützte die Gunst des Augenblicks. Sie überragt ihn zwar um anderthalb Köpfe, doch ihn stört das Gefälle am Allerwenigsten, jedenfalls schmiegt er seine Stirn glückselig an ihr Brustbein. Dazu reicht der DJ leichte Hitparadenkost. Die Musikanlage pumpt die Bässe über die Open-Air-Tanzfläche hinaus in die Nacht, bis zur beleuchteten Seldschukenfestung hinauf, die auf dem Burgfelsen zur Rechten thront. Dazwischen kauern kleine osmanische Häuser mit Holzfensterläden am Hang. Sie sind Souvenirs aus einer Zeit, als Alanya noch ein verschlafenes Fischerdorf war. Nun spähen sie aus sicherer Distanz auf die nachtaktive Neustadt herab und wissen nicht, wie ihnen geschieht.
Sonnenbäder und Schaumpartys
Unten am Hafen ist gegen zwei Uhr morgens auch die "James Dean Bar" prall gefüllt. Die Partystimmung hier kann es aber kaum mit dem romantischen Flair im Havana Club aufnehmen. Was vor allem daran liegt, dass sich die Kellner einen Spaß daraus machen, junge Frauen zu Tischen mit mindestens dreimal so alten Männern zu lotsen. Die machen sich zwar nach Kräften interessant, indem sie spektakuläre Cocktails mit Sprühkerzengarnitur bestellen. Aber die Adressatinnen sind in der Regel schon auf und davon, bevor das Feuerwerk abgebrannt ist. Im "Zapfhahn" nebenan wiederum ist die Atmosphäre so inspirierend wie der Name selbst, die Männer am Tresen blicken trübsinnig über ihre Biergläser hinweg aufs Meer. Dort ist im Augenblick nicht viel los. Am Kai liegen Ausflugsschiffe dicht an dicht vertäut, Zweimaster aus Holz, die erst bei Tag wieder auslaufen, um den Gästen ein Gefühl für die Piratenvergangenheit der Stadt zu geben. Ein nostalgischer Vorwand für ausgiebige Sonnenbäder und Schaumpartys auf Deck. Aber er genügt den Veranstaltern, um die Bootstour als Kulturereignis zu vermarkten, ebenso wie den Besuch in einem türkischen Bad.
Doch in der Nacht ist Kultur Nebensache, unter der Discokugel kommen die Hormone zu ihrem Recht. Evas Kavalier hat seine Angebetete inzwischen mit unzähligen Rosen beglückt. Dennoch schlägt sie aus unerfindlichen Gründen seine Einladung aus, ihm in die Nacht zu folgen. Immerhin durfte er sich drei Stunden lang die Zeit zu zweit in allen Farben des Regenbogens ausmalen. Das flüchtige Glück haben wir nicht nötig. Schließlich residieren wir in einem stabilen Glückshotel. Dem wir es zwar verübeln, dass es uns auch nach langen Clubnächten viel zu früh mit Nana Mouskouri aufscheucht. Doch seltsam: Nach ein paar Tagen verflüchtigt sich der Ärger darüber. Der akustische Fauxpas am Morgen erscheint einem auf einmal wie eine verzeihliche Marotte des Hauses. Würde man dem Hotel den musikalischen Morgengruß verbieten, dann wäre es nicht mehr dasselbe. Gerade in einer Gegend, die sich im Presslufthammer-Stakkato immer neu erfindet, sollte man über jede Konstante dankbar sein. Außerdem fährt abends ohnehin wieder der Discobus vor, der eine Auszeit vom Hotelalltag verspricht. Davor gibt es aber noch Snackbuffet und Mittagessen und ein zweites Snackbuffet am Nachmittag. Und einen Barkeeper, der am Zapfhahn ins Schwitzen kommt.
Sieben-Tage-Glücksreise: 465 Euro
Abendessen außerhalb: 47 Euro
Bootsausflug: 29 Euro
Oropax: 3 Euro
Karten und Briefmarken: 5 Euro
Zwei Disco-Arrangements: 14 Euro
Diverse Cocktails in Disco: 37 Euro
Antialkoholisches: 28 Euro
Linienbus: 27 Euro
Telefonkarten: 15 Euro
Zeitungen/Zeitschriften: 31 Euro
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Macht zusammen: 701 Euro
Information: All-Inclusive-Glücksreisen kann man im Internet buchen unter www.Ab-In-Den-Urlaub.de/ Reisen,
und www.Reisen.de, www.travelshop-24.net.
Danke für den schönen Artikel
Ottfried Preissler (o_preissler)
- 12.06.2009, 14:19 Uhr
Glücksreise an die türkische Ägäis?
Feyzi Koeker (koeker)
- 12.06.2009, 16:42 Uhr
Oweia
resi mayer (kimwales)
- 13.06.2009, 10:12 Uhr