14.04.2010 · Die Konferenz zur Nuklearsicherheit ist zu Ende. So viele Staats- und Regierungschefs wie seit Jahrzehnten nicht sind dem Ruf eines amerikanischen Präsidenten zu einem Gipfeltreffen gefolgt. Debattiert wurde das Albtraumszenario: Terroristen verschaffen sich Atommaterial. Das amerikanische Bemühen aber ist nicht neu.
Von Matthias Rüb, WashingtonDas „Orakel von Omaha“ hat mit seinen Prophezeiungen oft recht behalten. Man kann nur hoffen, dass es sich in diesem Fall irrt. Vor einiger Zeit jedenfalls machte der Finanzinvestor Warren Buffett vor den Aktionären seines Fonds "Berkshire Hathaway" eine Voraussage: „Es wird geschehen. Ob in zehn Jahren oder in zehn Minuten oder in fünfzig Jahren - es ist faktisch eine Gewissheit.“
Buffett sprach nicht vom Platzen der nächsten Spekulationsblase an den Aktienmärkten, sondern von einer von Terroristen gezündeten Atomwaffe in einer amerikanischen Stadt. Graham Allison, renommierter Fachmann für die Verbreitung von Nuklearmaterial an der Universität Harvard, stimmt Buffett zu: „Wenn alle maßgeblichen Akteure so weitermachen wie bisher, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Terroristen gelingt, eine Atombombe in einer unserer Städte zu zünden, 51 Prozent oder höher.“
Um dieses Szenario zu verhindern, hat Präsident Obama am Montag und Dienstag hohe Regierungsvertreter aus fast vier Dutzend Staaten zur Konferenz über Nuklearsicherheit in Washington eingeladen. Dabei hat das Weiße Haus nicht mit Superlativen gespart.
Noch nie sind seit 1945 so viele Staatschefs nach Washington gekommen
Noch nie seit Franklin D. Roosevelts Einladung nach San Francisco im Jahre 1945, die zur Gründung der UN führte, seien so viele Staats- und Regierungschefs dem Ruf eines amerikanischen Präsidenten zu einem Gipfeltreffen in den Vereinigten Staaten gefolgt. Tatsächlich aber sind die Bemühungen amerikanischer Präsidenten, ihrer Verbündeten und Partner sowie des Kongresses, waffenfähiges Spaltmaterial nicht in die „falschen Hände“ geraten zu lassen, nicht neu.
Obamas Vorgänger Bush rief im Mai 2003 die „Proliferation Security Initiative“ (PSI) ins Leben, die seither mit wenig Pomp, aber mit erheblichem diplomatischen Aufwand und unter Beteiligung von mittlerweile neunzig Staaten das gleiche Ziel verfolgt wie jetzt Obamas Gipfeltreffen: Überall in der Welt soll Atommaterial so gut gesichert sein, dass kein Kilo und kein Gramm ihren Weg auf den Schwarzmarkt der globalen Waffenschmuggler und von dort zu Terrororganisationen finden.
Das CTR-Programm von 1992 war wohl am erfolgreichsten
Den wahrscheinlich durchschlagendsten Erfolg bei diesem Unternehmen dürfte schon das nach den Senatoren Nunn und Lugar benannte „Cooperative Threat Reduction Program“ (CTR) von 1992 gehabt haben. Ziel des CTR-Programms war es, die ehedem sowjetischen Massenvernichtungswaffen sowie die entsprechende Infrastruktur in den Teilstaaten der ehemaligen Sowjetunion nach deren Zusammenbruch „zu sichern und zu zerstören“. Dazu gab Washington viel Geld und Hilfe an die Ukraine, Georgien, Weißrussland, Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan und auch an Russland selbst, um die über das einstige Territorium der Sowjetunion verteilten Nuklearwaffen und Produktionsanlagen nach Russland zu bringen und dort zu sichern. „Nunn-Lugar“ gilt als wichtiger Schritt im Kampf gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, doch ein umfassender Erfolg ist es nach Ansicht von Fachleuten und Sicherheitspolitikern nicht.
Mehrere Untersuchungskommissionen amerikanischer Fachleute sowie des Kongresses haben der Regierung in Washington schlechte Noten im Kampf gegen die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen gegeben. So schätzt etwa der Fachmann David Hoffman, dass es weltweit 1700 Tonnen hochangereichertes Uran und 500 Tonnen Plutonium gebe; daraus könnten rund 200.000 Nuklearsprengköpfe hergestellt werden. Zwar verfügen die Vereinigten Staaten und Russland zusammen über 95 Prozent der weltweiten Bestände an Nuklearwaffen, doch selbst wenn nur ein geringer Teil des globalen Bestands an waffenfähigem Spaltmaterial in die Hände von Terroristen geriete, wären die Folgen katastrophal.
Schon mit fünf Kilogramm Plutonium ist eine „schmutzige Bombe“ möglich
Wenige Tage vor der Gipfelkonferenz hat Harvard-Professor Allison in einer Denkschrift dargelegt, dass Terroristen schon mit 25 Kilogramm hochangereichertem Uran (HEU), das in einer Tragetasche oder einem Rucksack transportiert werden kann, eine "schmutzige Bombe" herstellen könnten. Bei deren Detonation kommt es zwar nicht zu einer nuklearen Kettenreaktion, aber es wird radioaktive Strahlung freigesetzt. Zudem würde die gleiche Menge HEU ausreichen, um eine primitive Nuklearwaffe herzustellen; im Falle von Plutonium würden schon fünf Kilogramm ausreichen. Schon 1998 habe Usama bin Ladin verkündet, dass die Herstellung einer „Atomwaffe des Islam“ für jeden Muslim eine Pflicht im bewaffneten Dschihad zur „maximalen Terrorisierung der Feinde Gottes“ sei.
Wie Obamas Antiterrorberater John Brennan ist auch Allison überzeugt, dass neben Al Qaida nachweislich auch die japanische Sekte Aum Shinrikyo Spaltmaterial zum Bau einer schmutzigen Bombe - im Englischen „Improvised Nuclear Device“ (IND) genannt - zu erwerben versucht habe. Interesse am Erwerb von Material zum Bau einer IND hätten außerdem islamistische Separatisten im Nordkaukasus, die Taliban, die pakistanische Lashkar-e-Toiba sowie die von Teheran gesteuerte libanesische Hizbullah gezeigt. Wie Rauschgift, Waffen und Menschen könnte auch ein solcher Sprengsatz faktisch an jeden Ort der Erde geschmuggelt werden. In 130 Versuchsreaktoren in aller Welt wird mit hochangereichertem Uran gearbeitet. Bisher sei nachweislich zwar nur Spaltmaterial für den Bau einer Bombe gestohlen (und wiedergefunden) worden, doch müsse angenommen werden, dass weiteres Material verschwunden sei.
Terrororganisationen bislang wohl nicht im Besitz von Spaltmaterial
Bisher ist nicht bekannt, dass Terrororganisationen sich waffenfähiges Spaltmaterial verschafft hätten, doch kann dies auch nicht ausgeschlossen werden. 1993 wurde in Kasachstan eine Menge von HEU sichergestellt, die zum Bau von zwanzig Bomben gereicht hätte. 2006 wurde der Russe Oleg Kinsagow in Georgien bei dem Versuch festgenommen, hundert Gramm HEU zu verkaufen; 2007 überfielen zwei Bewaffnete eine Nuklearanlage in Südafrika, wurden aber am Diebstahl hochangereicherten Urans gehindert. Von 1993 bis 2008 wurden der Internationalen Atomenergiebehörde 421 Verlustmeldungen gemacht, in 15 Fällen verschwanden HEU oder Plutonium.
Notorisch sind die Versuche Nordkoreas sowie des 2003 aufgedeckten Vertreibernetzes des Pakistaners A.Q. Khan, waffenfähiges Spaltmaterial und andere Rüstungsgüter zu verkaufen. Zu den jüngsten Fällen gehört ein im Juli 2009 von der amerikanischen Kriegsmarine verfolgter nordkoreanischer Frachter mit Waffen für Birma sowie ein im Dezember 2009 von Thailand gestopptes Flugzeug aus Pjöngjang mit Waffen für Iran. Im März 2010 wurden Iraner bei dem Versuch ertappt, in Italien und in Frankreich Ausrüstung für das iranische Urananreicherungsprogramm zu beschaffen.
Horrorszenario im Rucksack...
Uwe Wagner (view)
- 14.04.2010, 13:11 Uhr
Das Bemühen nicht neu - die Illusionen sind aber neu
Josef Bujtor (Mramorak)
- 14.04.2010, 14:28 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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