Home
http://www.faz.net/-g8h-1007y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Zimmer frei Pekings Vermieter haben sich mit Olympia verrechnet

07.08.2008 ·  Sie wollten den schnellen Yuan, doch nun kommen weniger Gäste als erwartet. Hoteliers forderten überzogene Preise und sitzen auf freien Zimmern. Das könnte nur ein Vorspiel sein: Nach Olympia erwarten viele eine Immobilienkrise in der Hauptstadt.

Von Christoph Hein, Peking
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Selbstversuch: Gibt es am letzten Tag vor Beginn der Olympischen Spiele noch Hotelzimmer in Peking? „Aber natürlich“, flötet die junge Dame am Schalter der Vermittlung im neuen Terminal 3 am Flughafen. Sie trägt die Nummer 47 am Revers ihres Jacketts. „Welche Kategorie möchten Sie denn?“ Die billigsten vier chinesischen Sterne bietet Nummer 47 sodann für umgerechnet 98 Euro an. „Mitten in der Stadt an einer U-Bahn-Linie. Sie können überall hin fahren.“ Gibt es noch Verhandlungsspielraum? „Nein, leider nicht“, sie schlägt die Augen nieder. „Aber Sie können sich freuen. Dasselbe Zimmer hat vor zwei Wochen noch das Dreifache gekostet.“

In allen Kategorien bietet die Hauptstadt noch Räume. Nur die von den Delegationen gebuchten Luxushotels meist westlicher Ketten sind fast gefüllt. Doch selbst im Kempinski-Hotel im Lufthansa Zentrum, in dem das Deutsche Haus steht, ist es nicht schwer, auch jetzt noch Zimmer zu mieten. Auch hier sind die Preise in den Wochen vor Olympia geschmolzen. Kostete ein Zimmer mit Frühstück im Mai noch umgerechnet 980 Euro plus Steuern, gab es dieselbe Kategorie kurz darauf schon für 550 Euro. Vier-Sterne-Hotels sollen für die Zeit der Olympischen Spiele gerade einmal zur Hälfte ausgebucht sein, Drei-Sterne-Hotels hätten nur ein Zehntel ihrer Zimmer vermietet, heißt es in der Tourismus-Behörde.

Gästezahl fast 20 Prozent unter dem Vergleichswert des Vorjahres

Die Rechnung der Hoteliers ging nicht auf, auch weil deutlich weniger Gäste als zunächst erwartet nach Peking kommen. Die Niederschlagung der Unruhen in Tibet, die Verpestung der Luft, aber auch die deutlich verschärften Bedingungen für die Vergabe von Visa - eigentlich an Geschäftsleute gerichtet - schreckten Besucher ab. „Viele haben einen negativen Eindruck bekommen“, räumt Du Jiang ein, Stellvertretender Direktor der Nationalen Tourismusverwaltung Chinas.

Am Vorabend der Spiele liegt die Gästezahl in der Hauptstadt fast 20 Prozent unter dem Vergleichswert des Vorjahres - und damals war Peking eine Baustelle. Kamen 2007 noch rund vier Millionen Touristen, dürfte die Zahl am Ende des Jahres der Spiele deutlich niedriger ausfallen. Dabei schätzt die Behörde, in Peking hätten vor Olympia noch mindestens zwei Dutzend neue Hotels eröffnet. Schon vor Jahren hatte sie angesichts des Neubaubooms und der inzwischen mehr als 6000 Hotels im Großraum Peking vor Überkapazitäten gewarnt.

Zu verdienen gab es einiges

Auch diejenigen Hauptstädter, die auf einen schnellen Yuan wetteten, indem sie ihre Privaträume anboten, haben sich verrechnet. Denn gerade dieser Markt ist überhaupt nicht angesprungen. Das Organisationskomitee plante, nur 1000 Familien die Genehmigung für die Vermietung an ausländische Gäste zu erteilen. Die Voraussetzungen, zu den auserwählten Vermietern zu gehören, waren hart: Küchen und Badezimmer mussten hohen Standards genügen, mindestens ein Familienmitglied sollte in der Lage sein, mit dem Gast in dessen Sprache verkehren zu können.

Zu verdienen aber gab es einiges: Zwischen 400 und 600 Yuan (60 Euro) die Nacht durften die Familien berechnen. Viel höher aber lag die Zahl derjenigen, die ihre Zimmer „schwarz“ anboten: Die Vermittlungsagentur Beijing Homestay teilt mit, dass zahlreiche Privatvermieter in Peking im Vorfeld der Spiele ihren Langzeitmietern gekündigt hätten, um für die Zeit der Spiele ordentlich Geld mit Touristen machen zu können. Nun hoffen die Hoteliers der Stadt vor allem auf chinesische Gäste: Die lassen sich von den Negativschlagzeilen nicht abschrecken, buchen aber erst im allerletzten Moment. Dafür verlangen sie auch andere Preise als die Ausländer.

Immobilienpreise ab 2009 um bis zu 20 Prozent niedriger?

Nicht ausgeschlossen aber ist, dass die schlechten Erfahrungen mit Olympia erst das Vorspiel für viele Vermieter sind. Zwar steigen die Immobilienpreise in China derzeit immer noch - allein im Juni lagen sie gut 8 Prozent über dem Wert des Vorjahres. Rund acht Millionen Menschen zieht es jährlich zusätzlich vom Land in die Städte. Doch die Spekulanten haben die Kaufkraft überschätzt: Gerade die an die Mittelschicht gerichteten Wohnungen in modernen Appartement-Türmen sind schwer zu vermieten oder zu verkaufen. Dazu hat die galoppierende Inflation der vergangenen Monate ebenso beigetragen wie der Versuch der Regierung, zu hohe Wachstumsraten abzukühlen.

So verringerte sie etwa die Kreditsumme, zwang Bauherren, sofort mit dem Bau zu beginnen, wollten sie ihr Stück Land nicht verlieren, und erhöhte die Grundsteuer. Dies traf den Immobilienmarkt - unbeabsichtigt - zu einer Zeit, in der die Luft aus dem Aktienmarkt entwich: Seit Jahresbeginn hat er fast die Hälfte seines Wertes verloren (F.A.Z. vom 7. August). Die Analysten von Nomura erwarten nun, dass die Immobilienpreise in ganz China 2009 um bis zu 20 Prozent nachgeben werden.

In jeder Krise gibt es auch Gewinner

Am Beispiel der am Reißbrett entstandenen Wirtschaftsmetropole Shenzhen im Süden Chinas sind Immobilienauf- und -abschwung am stärksten zu spüren. Im vergangenen Jahr legten die Preise für den Quadratmeter um fast 80 Prozent auf bis zu 16.000 Yuan (1600 Euro) zu, bis Mai stürzten sie dann angesichts der Eingriffe der Regierung wieder auf 11.000 Yuan. Nun geht die Furcht um, Ähnliches werde sich in Peking mit Ende des Olympia-Booms zutragen.

In jeder Krise gibt es aber auch Gewinner: So schauen die Immobilienentwickler aus der reichen chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong mit großen Augen über den Drahtzaun der Grenze. Denn nun, wo ihre innerchinesischen Konkurrenten leiden, könnte ihre Stunde geschlagen haben. Sun Hung Kai Properties, Henderson Land, Sino Land, Hang Lung Properties und Cheung Kong hoffen alle, jetzt preiswert in Festlandchina wachsen zu können. Zumal der eigene Markt in Hongkong sich ebenfalls verlangsamt. Allein Henderson erklärte jüngst, 2011 in China Neubauwohnungen im Wert von 1,5 Milliarden Dollar verkaufen zu können - das ist mehr, als Henderson derzeit in einem ganzen Jahr umsetzt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

Jüngste Beiträge