13.08.2008 · Mit dem Aus im Halbfinale hat Marcel Hacker dem Deutschen Ruderverband die nächste böse Überraschung beschert. Und zwei Stunden später verabschiedete sich auch noch der Frauen-Achter aus dem Wettbewerb.
Von Elisabeth Schlammerl, PekingSo richtig außer Puste wirkte Marcel Hacker nicht. Kaum war der Einer-Ruderer aus seinem Skiff gestiegen, begann er zu reden. Andere müssen sich nach 2000 Metern erst ein paar Minuten erholen, vor allem nach einem derart hart umkämpften Rennen wie das im ersten Halbfinale bei der olympischen Regatta im Shunyi Park am Mittwoch. Aber der Schein trog, Hacker verpasste als Vierter das Finale am Samstag, weil ihm die Kraft fehlte, als ihn Olaf Tufte aus Norwegen, Olympiasieger von 2004, im Schlussspurt überholte. „Ich habe damit gerechnet, dass ich auf den letzten 600 Metern noch mal richtig Gas gebe kann, aber ich hatte nichts mehr dagegenzusetzen“, gibt Hacker zu.
Auf dem Weg zum Bootshaus musste Trainer Andreas Maul seinen Athleten trösten, aber später hatte sich Hacker wieder ganz gut im Griff, viel besser als früher. Vielleicht hat er sich mittlerweile nur daran gewöhnt, weil schon oft etwas schiefgelaufen ist, wenn es darauf ankam: In Athen 2004 war es der Kopf gewesen, in Gifu 2005 ein Stück Treibholz, in Luzern 2001 falsche Renntaktik.
„Die Konzeption für 2012 muss professioneller werden“
Bei seinen dritten Olympischen Spielen ist er ähnlich knapp gescheitert wie bei seinen zweiten. In Athen hätte er Zweiter werden müssen, um den Endlauf zu erreichen, dieses Mal Dritter. Wie 2004 startet er nun im B-Finale. Am Donnerstag will er dort nun versuchen, einen halbwegs versöhnlichen Abschied aus China zu schaffen. „Ich bin ja nicht hier, um abzulosen, sondern zu gewinnen. Egal, in welchem Finale.“
Hacker bescherte dem Deutschen Ruderverband am Mittwoch die nächste böse Überraschung, aber es war nicht die letzte. Zwei Stunden später verabschiedete sich auch noch der Frauen-Achter aus dem Wettbewerb, das Boot wurde ebenso Letzter im Hoffnungslauf wie einen Tag zuvor das der Männer.
Sportdirektor in die Kritik geraten
Dass ausgerechnet die beiden Achter und der Einer nicht mehr im Rennen um olympische Medaillen dabei sind, schadet dem Image des Verbandes, der in den vergangenen Jahren ohnehin den schleichenden Verlust der Dominanz in der Welt hinnehmen musste. Vor zwölf Monaten in München hatte es erstmals bei einer Weltmeisterschaft keine deutsche Goldmedaille in den olympischen Bootsklassen gegeben.
Der nun in die Kritik geratene Sportdirektor Michael Müller verteidigt das Konzept der Vorbereitung auf diese Sommerspiele. „Wir hatten doch rein finanziell gar keine anderen Möglichkeiten.“ Schon nach dem Verbandstag hätten die Verantwortlichen aber Änderungen für die kommenden Jahre beschlossen. So soll demnächst ein Cheftrainer präsentiert werden, der sowohl für Skuller als auch für Riemenruderer verantwortlich ist. Dass dieser nun Aufgaben des Sportdirektors übernehmen wird, damit kann Müller leben. Es sei ja auch seine Idee gewesen. „Die Konzeption für 2012 muss professioneller werden“, sagt er. „Nur wenn es uns gelingt, dass sich unsere Sportler 18 Monate vor London nahezu ausschließlich auf ihre Vorbereitung und nicht auf die berufliche Ausbildung konzentrieren, können wir wieder Siegleistungen abrufen.“
Hacker: „Keine Ahnung, ob ich weitermache“
Ob Hacker davon noch profitiert, ist fraglich. „Keine Ahnung, ob ich weitermache“, sagte er am Mittwoch. Er ist nun 31 Jahre alt, und viel Zeit bleibt ihm nicht mehr zu beweisen, dass er mehr ist als ein hochbegabter Ruderer. Ohne Zweifel kann er an guten Tagen gewinnen, nur waren die guten Tage in seiner Karriere bisher eher selten. Eine Bronzemedaille bei Olympia 2000 in Sydney, WM-Gold 2002 und zweimal WM-Silber ist die Ausbeute in seiner neunjährigen Einer-Karriere. Und es wurde zuletzt immer schwerer, ganz vorne mitzurudern. Das Niveau ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, statt zwei, drei Weltklasseruderern gibt es nun sechs, sieben.
Vor einem Jahr hatte Hacker den Schweden Lassi Karonen bei der Weltmeisterschaft auf seiner Heimstrecke in München-Oberschleißheim noch bezwungen, in China nun ruderte er sowohl im Vorlauf als auch im Halbfinale hinter dem ein Jahr älteren Skuller her. Oder der Belgier Tim Maeyens. Der war bisher bei internationalen Regatten kaum in Erscheinung getreten und belegte am Mittwoch nun den zweiten Platz hinter Karonen. Früher, sagt Hacker, habe er Rennen mit einem Streckenschlag von 32 oder 33 pro Minute dominiert. Mittlerweile sind 35 ganz normal. Im Halbfinale von Peking konnte Hacker jedenfalls mit dem Streckenschlag der Schnellsten nicht mehr mithalten.