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Chen Ruolin, 15 Jahre alte Olympiasiegerin „Ich bin noch ein kleines Mädchen“

21.08.2008 ·  Im Fernsehen schaut sie am liebsten „Tom und Jerry“, der Besuch im Disneyland war toll. Doch Chen Ruolin sollte für die chinesischen Wasserspringerinnen die nächste Goldmedaille gewinnen. Dafür wurde sie von ihren Trainern in eine Schablone gepresst - und dafür hungerte sie.

Von Cai Tore Philippsen, Peking
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Im Fernsehen schaut sie am liebsten „Tom und Jerry“, doch leider hat sie dafür nur wenig Zeit. Und wenn ihr der ganze Druck im Training oder beim Wettkampf zu groß ist, denkt sie daran, wie schön der Besuch im Disneyland in Los Angeles war. „Ich bin doch noch ein kleines Mädchen“, sagt Chen Ruolin, als müsse sie sich entschuldigen.

Fünfzehn Jahre ist Chen alt, an ihre Sporttasche hat sie Mickey-Mouse-Anstecker geheftet. Sie ist die Jüngste im Team der so erfolgreichen chinesischen Wasserspringerinnen. Mit ihren 1,42 Meter Körpergröße und 30 Kilogramm Gewicht sieht sie allerdings eher wie eine Zehnjährige aus, nicht wie ein Teenager, der zur Frau heranwächst.

Auskunft mit kindlicher Offenheit

In der vergangenen Woche hat sie mit Wang Xin die Goldmedaille im Synchronspringen vom Zehn-Meter-Turm gewonnen, und an diesem Donnerstag ist das zarte Mädchen Mitfavoritin im Einzel vom Turm. Anders als die meisten anderen chinesischen Athleten, deren Antworten in Pressekonferenzen aus leeren Worthülsen bestehen, gibt Chen mit einer kindlichen Offenheit Auskunft über die Härte ihres Trainingsalltags. Sie gewährt einen seltenen Einblick in die Mechanismen des Staatssports.

Am schwersten sei es für sie, ständig auf ihr Gewicht achten zu müssen. „Manchmal hatte ich wirklich großen Hunger, aber ich durfte nur Wasser trinken. Ich muss mich zusammenreißen, bis die Olympischen Spiele vorbei sind“, sagt sie, die wie alle Mitglieder der Nationalmannschaft in einer Sportschule untergebracht ist. Sie glaubt, dass sie die schwierigsten Sprünge nur dann perfekt von der Plattform bis ins Wasser bringen kann, wenn sie ihr Gewicht hält. Seit einem Jahr habe sie keine Süßigkeiten gegessen, hatte sie schon vor den Spielen der englischsprachigen Tageszeitung „China Daily“ erzählt.

Entscheidendes Kriterium: die Schablone der Trainer

Wie streng die chinesischen Athletinnen auf ihr Gewicht achten, zeigt auch der Disput zwischen der vierfachen Olympiasiegerin Guo Jingjing und Blythe Hartley. Guo hatte die 1,65 Meter große und 56 Kilogramm schwere Kanadierin als „pummelig“ bezeichnet. Sie selbst wiegt bei einer Körpergröße von 1,63 Metern nur 49 Kilogramm. Der Trainer der erfolgreichsten Wasserspringerin bei den Olympischen Spielen versuchte, die Wogen auf unfreundliche Weise zu glätten. „Guo Jingjing ist wie ein Kind. Sie weiß nicht, was sie sagt“, sagte er über seine Athletin, die sechsundzwanzig Jahre alte „Königin des Wasserspringens“.

Zufälle gibt es in Chinas Sport nicht: Chen gewinnt Gold

Wie schnell eine Springerin in China aus dem Kader gestrichen wird, musste Chen bei ihrer früheren Synchronpartnerin Jia Tong miterleben. Sie wurde zu groß und ihre Technik angeblich zu schlecht, heißt es. In Peking gewann Chen nun mit Wang Xin Synchrongold. Sie ist sechzehn, genauso klein und leicht wie ihre Partnerin und gleicht offenbar eher der Schablone der Trainer. Eine zerbrechliche Eleganz umgibt die beiden Mädchen.

Zufall ist das nicht, denn Zufälle gibt es im chinesischen Sport kaum. Chen wurde auch wegen ihrer filigranen Leichtigkeit für den Nationalkader ausgewählt. Im Alter von vier Jahren hat ihre Großmutter sie zum Sport geschickt, „weil sie so klein und schwach“ war, so die offizielle Legende. Klein und schwach wirkt sie heute noch immer, nur auf dem Turm ist sie kein kleines Mädchen mehr - vom Zehnmeterturm sprang niemand schöner als sie. Chen Ruolin hat die Goldmedaille gewonnen.

Wasserspringen Frauen, Turm:
Gold: Chen Ruolin (China) 447,70 Punkte
Silber: Emilie Heymans (Kanada) 437,05
Bronze: Wang Xin (China) 429,90,
4. Paola Espinosa 380,95, 5. Tatiana Ortiz (beide Mexiko) 343, 60, 6. Melissa Wu (Australien) 338,15, 7. Marie-Eve Marleau (Kanada) 332,10, 8. Tonia Couch (Großbritannien) 328,70

Quelle: F.A.Z.
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