15.08.2008 · Die deutschen Schwimmer sind wieder aufgetaucht - dank Britta Steffen. Die Olympiasiegerin im FAZ.NET-Interview über ihren Triumph in Peking, ihre Taktik über 100 Meter Freistil, die Zusammenarbeit mit ihrer Mentaltrainerin und die ersten Augenblicke nach dem Sieg.
Die deutschen Schwimmer sind aus ihrer tiefen Krise wieder aufgetaucht - dank Britta Steffen. Die Olympiasiegerin spricht im FAZ.NET-Interview über ihren Triumph in Peking, ihre Taktik über 100 Meter Freistil, die Zusammenarbeit mit ihrer Mentaltrainerin und die ersten Augenblicke nach dem Sieg.
Nach 50 Metern lagen Sie noch an Platz acht, dann sind Sie auf der zweiten Bahn ganz nach vorne geschwommen. War das so geplant?
Ich musste mein eigenes Rennen schwimmen. Mein Trainer hat zu mir gesagt: „Du darfst dich nicht ablenken lassen. Die anderen werden sehr schnell angehen, aber das Rennen wird erst auf den letzten Metern entschieden.“ Ich habe mich nur auf mich konzentriert, bin mit geschlossenen Augen geschwommen.
Nach dem Anschlag haben Sie zunächst nicht gejubelt, sondern nur an die Wand geschaut.
Das ist der Augenblick gewesen, als ich nicht wusste, was auf der anderen Seite war, was die anderen Mädchen gemacht haben. Ich wusste nur, dass ich vor Lisbeth Trickett war und ein super Rennen geschwommen bin. Diesen Augenblick wollte ich genießen, egal, ob es für eine Medaille gereicht hatte oder nicht. Dann habe ich mich umgedreht, und alles war schön.
Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie die „1“ vor Ihrem Namen gesehen haben?
Ich konnte es nicht fassen. Ich dachte, ich bin in einem Traum, wache gleich auf und stehe dann auf dem Startblock, um 100 Meter Freistil schwimmen zu müssen. Das ist ein Wahnsinnsgefühl. Ich habe nie gedacht, dass mir dieser letzte Durchbruch gelingt. Ich freue mich jetzt wahnsinnig darauf, mit meiner Familie, meinem Freund und mit meinen Freunden zu telefonieren. Ich glaube, die freuen sich alle sehr mit mir.
Bei der Weltmeisterschaft in Melbourne vor einem Jahr sind sie auf Platz drei geschwommen. Was war heute anders?
Eine Bronzemedaille bei einer WM zu gewinnen, das ist auch ein gutes Ergebnis. Schön, dass ich mich heute durchsetzen konnte mit einer Zeit, die gut ist, aber auch nicht sehr gut, wenn wir an den Weltrekord denken.
In Ihrer Karriere hatten Sie oft Probleme, mit dem Erwartungsdruck umzugehen. Wie war das hier in Peking?
Ich hatte gar keinen Druck. Dadurch, dass die breite Masse so super schwimmt, so viele Frauen hier unter 54 Sekunden geschwommen sind und das Feld zudem sehr eng war, war mir klar, dass der Druck eigentlich überhaupt nicht auf mir lastet. Mein Weltrekord war weg, in der Staffel bin ich eine 53,3 angeschwommen. Das war auch nicht so herausragend. Es hat sich alles so gut eingefunden, dass ich eigentlich gar keinen Druck verspürt habe. Ich hatte das Ziel, für mich ein gutes Rennen zu schwimmen. Eigentlich habe ich gar nicht mehr damit gerechnet, dass ich hier um eine Medaille kämpfen würde. Aber manchmal ist es besser, wenn man so rangeht und dann ganz anders abschneidet.
Vor dem Start waren die chinesischen Fans in der Halle sehr laut, und der Starter hat lange gewartet, bis er das Rennen freigegeben hat. Wie haben Sie die Wartezeit auf dem Startblock erlebt?
Ich habe mich schon mit den anderen Schwimmerinnen darüber unterhalten. Wir haben uns gewundert und gefragt, ob wir wieder vom Block steigen müssen. Aber ich habe mich davon nicht stören lassen.
Die deutschen Schwimmer haben bisher enttäuscht. War es für Sie schwer, die schlechte Stimmung nicht an sich heranzulassen?
Nein, das war nicht besonders schwierig. Ich hatte gute Unterstützung von meiner Mentaltrainerin. Das ist so im Sport, dass man mit Siegen und Niederlagen umgehen muss. Ich kann nur hoffen, dass alle in den nächsten Jahren stärker werden, durch das, was sie hier erlebt haben.
Was haben Sie mit ihrer Mentaltrainerin Friederike Janofske, mit der auch Franziska van Almsick zusammengearbeitet hat, genau gemacht?
Bei ihr kann ich einfach alles ansprechen. Ich denke, dass es unsere Aufgabe ist, alles Negative, alle negativen Gedanken vor einem solchen Rennen auszuschalten oder ins Positive umzudrehen. Beispielsweise den Gedanken: „In so einem starken Feld kann ich gar nicht gewinnen.“
Nach dem Rennen haben Sie und Lisbeth Trickett sich umarmt. Worüber haben Sie gesprochen?
Wir haben uns beide ein hartes Rennen geliefert. Wir schwimmen ja sehr unterschiedlich. Sie geht sehr schnell an und ich schwimme eher gleichmäßig. Wir haben uns beide über dieses gute Rennen gefreut. Es ist natürlich traurig, dass sie als Weltrekordlerin Zweite wird. Aber das ist der Sport.
Lisbeth Trickett wäre beinahe nicht im Finale dabei gewesen. Erst nach der Disqualifikation der Chinesin Jianying Pang rutschte sie doch noch ins Feld. Ist es richtig, dass Sie sich gefreut haben, dass die Australierin dabei ist, obgleich sie ja die Favoritin war?
Wenn „Libby“ nicht dabei gewesen wäre, hätte ich nie gewusst, ob ich im direkten Vergleich gegen sie gewinnen kann, sie als aktuelle und ich als frühere Weltrekordlerin. In einem olympischen Finale will man gegen die Besten schwimmen.
Am Sonntag steht auch noch das Finale über 50 Meter Freistil an, für das Sie sich noch qualifizieren müssen. Können Sie noch eine Goldmedaille gewinnen?
Nein, noch einmal ganz oben zu landen, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich bin keine Sprinterin, das hat man ja gesehen.