06.08.2008 · Rückrudern, Abringen, Abwiegeln: Die Olympia-Funktionäre erfinden täglich neue rhetorische Disziplinen, um das Vorgehen der chinesischen Veranstalter zu relativieren. Am besten, man stellt sich einfach doof.
Von Tobias RütherEine neue olympische Disziplin ist zu vermelden: Wettdoofstellen. Seit dem Wochenende sind in dieser Sparte reihenweise Rekorde gebrochen worden. Erst sagte Walther Tröger vom Internationalen Olympischen Komitee, es sei naiv gewesen zu glauben, ein Sportverband wie der seine könne in China erreichen, womit sogar die Vereinten Nationen überfordert seien: Hunger, Gewalt und Menschenrechtsverstöße aus der Welt zu schaffen.
Eingestellt wurde diese Bestmarke sofort und mit tollen Leistungen in den Teildisziplinen Rückrudern und Abringen von Trögers Kollegen Hein Verbruggen: „Es war von Anfang an klar, dass die Spiele auf chinesische Art gemacht würden, nicht auf unsere“, erläuterte der Niederländer unserer Sportreporterin Evi Simeoni und fragte sie dann noch: „Brauchen Sie denn all die Websites, um von den Spielen zu berichten?“
Millionenschwerer Idealismus
Kaum wähnte sich Verbruggen auf dem obersten Treppchen, als ihn Michael Vesper von dort wieder herunterstieß: Der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes erklärte Dirk Nowitzki zum Fahnenträger der deutschen Mannschaft, „weil er wie kaum ein anderer die olympische Idee verkörpert“ – schließlich ziehe der millionenschwere Basketballspieler freiwillig zu den anderen Athleten ins spartanische Olympische Dorf.
Seine persönliche Bestleistung konnte Vesper aber sofort wieder egalisieren: „Bei uns sind es die rechtsradikalen Seiten, die gesperrt werden“, sagte er nämlich auch noch. „Und es ist natürlich auch in China so, dass einzelne Seiten gesperrt werden.“ So weit der aktuelle Punktestand, der sich bis zur Eröffnung der Spiele sicher noch ändern wird, hinter den man aber nicht mehr zurückgehen kann: So ist das eben, wenn man Marken setzt.
Ideale weichen
In die Rede über Peking hat sich ein relativistischer Tonfall eingeschlichen (Einschleichen ist eine weitere Teildisziplin im Wettdoofstellen, genau wie Wegducken und Unterkomplexisieren), mit dem Kritiker, die nur an Mindeststandards erinnern, als unbedarft und verwöhnt abgekanzelt werden. Ideale weichen auf: Nach Vespers Logik wäre jeder Campingurlauber ein Verfechter der olympischen Idee, weil er freiwillig auf sein Haus verzichtet, um in einem Zelt zu wohnen. Die vorsortierte Pressefreiheit, die Verbruggen verharmlost, gewinnt in Vespers Rechenvariante zudem etwas von doppelter Haushaltsführung: Die Chinesen räumen im Internet auf, wir eben auch, am Ende steht die Null, was soll sein? Vesper insinuiert, man könne Pressefreiheit und Menschenrechte im Fall Peking einfach sportlich nehmen. Das wäre dann die chinesische Art der Olympischen Spiele. Und wer nicht mitspielt, ist selber doof. Und naiv.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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