So stellt man sich eine internationale Elite vor: Menschen aus der ganzen Welt, in schmucker nationaltypischer Kleidung oder in feinem Schneidertuch, warten auf Einlass in den edlen Konferenzsaal eines Fünf-Sterne-Hotels. Sie unterhalten sich in mehreren Sprachen, gedämpfter Stimme und höflichem Ton, streuen wohlgesetzte Scherze in die Konversation, an ihren Handgelenken blitzen gelegentlich goldene Uhren auf. Nur wenige Frauen sieht man darunter, die allerdings blicken selbstsicher in die Runde.
Wer hier dazugehört, trinkt Whisky von der besten Sorte und fliegt erster Klasse. Er konferiert mit dem Hoch- und Geldadel, mit Nationalhelden und Industriekapitänen. Nur das Thema, um das es gleich gehen wird, ist ein bisschen banal. Man redet über Sport. Aber natürlich nicht wie am Wirtshausstammtisch. Die Entscheidungen der Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) können von großer Tragweite sein. Besonders alle zwei Jahre, wenn es um die Vergabe von Olympischen Spielen geht.
Hier droht wenigstens keine unliebsame Überraschung
Wenn sich am Dienstag im Beijing Hotel die Türen hinter den Mitgliedern des IOC geschlossen haben - wenn alle kommen, sind es 110 -, wird es noch vergleichsweise ruhig zugehen. Die Winterspiele 2014 haben die Olympier schon im vergangenen Jahr auf ihrer Session in Guatemala City Sotschi, Wladimir Putins Urlaubsort am Schwarzen Meer, zugesprochen. Die Entscheidung über die Sommerspiele 2016 fällt erst 2009 beim Kongress in Kopenhagen. Der Exekutive, dem gewählten Ausschuss aus Strategen, Juristen und Praktikern, droht in Peking wenigstens von dieser Seite keine unliebsame Überraschung. Anders als viele Außenstehende denken, macht nämlich das IOC-Volk selten, was seine Regierung will. Und man sollte der Mehrheit der IOC-Mitglieder auch nicht unbedingt Handeln im Interesse übergeordneter (volks-)wirtschaftlicher Ziele unterstellen.
Wie man hingegen in die eigene Tasche wirtschaftet, wussten einige IOC-Mitglieder in der Vergangenheit ganz genau. Der Korruptionsskandal rund um die Vergabe der Winterspiele 2002 in Salt Lake City brachte eine „immanente Geschenke-Kultur“ an den Tag, wie es damals der ehemalige Senator John Mitchell formulierte, der eine amerikanische Untersuchungskommission zu der Affäre leitete. Nach ein paar offenen Worten des damaligen Skipräsidenten Marc Hodler fielen plötzlich die Masken bei diesem erlauchten Ball des Sports.
Jean-Claude Ganga, ehemaliger Botschafter und Minister aus dem Kongo, hatte damals eine einleuchtende Erklärung für die wuchernden Bestechungsfälle. „Die Olympischen Spiele werden von Menschen organisiert, nicht von Engeln oder Heiligen. Wenn man Engel und Heilige will, muss man Olympia im Himmel organisieren und nicht auf der Erde.“
Zweieinhalb Jahre Haft - wegen Bestechung
Die interne Untersuchungskommission bescheinigte dem wandelnden IOC-Gott 1999, dass er 216.000 Dollar Bestechungsgeld angenommen hatte. Obwohl er selbst beteuerte, man habe ihm lediglich ein altes Faxgerät und einen Kühlschrank aufs Zimmer gestellt und er habe dieses Sperrgut nicht nach Hause mitgenommen, gehörte er zu den sechs Mitgliedern, die bei der außerordentlichen Session im März 1999 ausgeschlossen wurden. Es war ein hartes Stück Überzeugungsarbeit für die Exekutive und Samaranch, der um sein Lebenswerk fürchtete. Die korrupten Mitglieder zeigten sich uneinsichtig, und die Session hatte eigentlich nicht vor, ihresgleichen auf Druck von außen zu eliminieren.
Man hielt einander für so untadelig, dass viele Mitglieder den Versammlungssaal mit originalverpackten Unterlagen betraten. Sie hatten sich nicht einmal über die Vergehen der Beschuldigten informiert. Geopfert wurden sowieso nur Repräsentanten aus kleinen Ländern. Der damals noch mächtige Südkoreaner Kim Un-yong wurde lediglich per Post verwarnt. Als Präsident der Vereinigung aller Fachverbände wäre es ihm bei einer Abstimmung leicht gelungen, die nötige Stimmenzahl zusammenzubekommen, um den ganzen angeblichen Reinigungsprozess zu torpedieren. Und das, obwohl seine Familie enorm von Salt Lake City profitiert hatte.
Sein Sohn bekam einen lukrativen Job, seine Piano spielende Tochter durfte mit den Symphonikern der Stadt auftreten. Zwei Jahre später wagte Kim es trotzdem, für das Präsidentenamt zu kandidieren und mit dem Versprechen, er werde jedem IOC-Mitglied 50.000 Dollar zahlen, um Stimmen zu werben. Er scheiterte nur am Sieger der Wahl, zu der vier Kandidaten angetreten waren, dem Belgier Jacques Rogge. Drei Jahre später wurde er in seiner Heimat Südkorea wegen Bestechung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. 2005 kam er mit seinem Rücktritt dem IOC-Ausschluss zuvor.
Ehemalige Olympiasportler, Honoratioren und illustre Gestalten
Der Selbstreinigungsprozess des Jahres 1999 brachte zwar viele Reformen, aber keine grundsätzliche Richtungsänderung. Immerhin sind einige Entscheidungsprozesse transparenter geworden. Auch die Wahl der neuen IOC-Mitglieder unterliegt strengeren Regeln - was nicht heißt, dass sie wirklich demokratisch wäre. Der Präsident persönlich nämlich schlägt die Kandidaten vor, die die Vollversammlung wählen darf. In Peking stehen zwei Neue zur Wahl: Sergej Bubka, bisher als Athletenvertreter dabei, nun als Präsident des ukrainischen Nationalen Olympischen Komitees. Und der Türke Ugur Erdener, Präsident des Internationalen Bogenschieß-Verbandes.
Mit waidwundem Blick hat diese Mitteilung Klaus Schormann zur Kenntnis genommen, der Präsident des Internationalen Verbandes für Modernen Fünfkampf aus Darmstadt. Seit Jahren bemüht er sich, so bescheiden er kann, um einen Sitz im IOC. Als Präsident eines internationalen Fachverbandes wäre er ein ebenso bedeutender Kandidat für einen IOC-Sitz wie der oberste Bogenschütze.
15 Spitzenfunktionäre und 15 während der Olympischen Spiele gewählte Athletenvertreter erhalten für die Dauer ihrer Amtszeit beziehungsweise für acht Jahre Sitz und Stimme im IOC. Die Mehrheit setzt sich aus ehemaligen Olympiasportlern, Honoratioren und illustren Gestalten zusammen. Im Gegensatz zum Türken arbeitet Schormann sich seit Jahren die Finger wund für das IOC, ganz besonders bei der Entwicklung von Rogges Lieblingskind, den Olympischen Jugendspielen, hat er sich mit großem Fleiß engagiert. Aber seit er die jüngsten Vorschläge Rogges kennt, klingen Schormanns Kommentare verzagt. Wieso nicht er?
Nur eine Delegation erstarrte bei der Ergebnis-Verkündung
Schon im vergangenen Jahr schienen seine Nerven nachzugeben. Damals wurde die jordanische Prinzessin Haya bint al Hussein kooptiert, eine der Gattinnen des Regenten von Dubai. Sie war zunächst von Rogge zum Mitglied der Athletenkommission ernannt worden. 2005 wählte die Internationale Reiterliche Vereinigung sie zur Präsidentin - die Araberin hatte dem Verband zehn Millionen Schweizer Franken im ersten Jahr als Mitgift versprochen. Nun gehört sie als Verbandspräsidentin der erlauchten Versammlung an. Kritiker sogar aus IOC-Kreisen sprechen von Ämterkauf.
Schormann hat mittlerweile seine Illusionen verloren. Aber auch Präsident Rogge selbst traut seinen elitären Pappenheimern offenbar nicht über den Weg. Dies jedenfalls lässt sich aus einer verblüffenden Entscheidung bei der jüngsten Exekutivtagung im Juni in Athen schließen. Dort wurde der technische Bericht über die Bewerber für die Sommerspiele 2016 vorgestellt. Aufgrund dieses Berichtes sollte die Liste der Kandidaten von sieben auf vier oder fünf reduziert werden. Es endete fast alles wie erwartet: Prag und Baku schieden aus, Tokio, Madrid, Chicago und Rio de Janeiro dürfen weitermachen.
Nur eine einzige Delegation, aus der eine tiefschwarz verhüllte Frau herausstach, erstarrte bei der Verkündung des Ergebnisses. Offenbar kam die Nachricht wirklich überraschend, dass die Hauptstadt von Qatar ausgeschieden war. Im Bericht, der die Grundlage der Entscheidungen liefern sollte, hatte sie jedenfalls noch fast gleichauf mit Chicago und weit vor Rio de Janeiro gelegen. Die offizielle Begründung des IOC war denn auch seltsam karg: Termingründe. Inoffiziell aber hieß es, Doha sei auf persönlichen Wunsch Rogges gestrichen worden. Die Sorge, die Bewerber könnten mit ihren Petrodollars allzu verführerisch auf anfällige IOC-Mitglieder einwirken, habe den Belgier umgetrieben.
Kaviar, Wodka und schöne Frauen
Zu frisch war offenbar noch der peinliche Eindruck, den das Wettbieten der Bewerber um die Winterspiele 2014 bei der Session in Guatemala hinterlassen hatte. Schlimmer noch war es, dass am Ende der obszöne Auftritt der russischen Oligarchen gewann. Stargast war Wladimir Putin, der den Olympiern mächtig schmeichelte und ihnen das Geschenk machte, vor der Vollversammlung erstmals öffentlich französisch zu sprechen. Am Vorabend der Wahl hatte der damalige russische Staatspräsident trotz eines in den IOC-Regularien festgelegten Kontaktverbotes die Repräsentanten der drei mächtigen Wintersport-Fachverbände im Skisport, Eishockey und Eiskunstlauf, Gianfranco Kasper, René Fasel und Ottavio Cinquanta, zum Essen geladen.
Tagelang hatten auf einer im tropischen Guatemala-City direkt gegenüber dem IOC-Hotel errichteten Eisbahn das Bolschoi-Ballett und der Eiskunstlauf-Olympiasieger Jewgeni Pluschenko ihre Kurven gedreht. Dazu sollen Kaviar, Wodka und schöne Frauen im Angebot gewesen sein. Allerdings machte die IOC-Führung seine Mitglieder noch rechtzeitig schriftlich darauf aufmerksam, dass sie dort nicht hinein durften.
Sie hätten sonst gegen die seit 1999 bestehenden Ethik-Regeln verstoßen. Diese verbieten es den Olympiern seit dem Korruptionsskandal auch, Bewerberstädte persönlich zu inspizieren. Deshalb sind die Anbieter auf die Arbeit geschäftiger Vermittler, Berater und angeblicher Stimmenfänger angewiesen, die in den Lobbys der IOC-Hotels ihre diskrete Arbeit verrichten. Auf diese Weise ist durch die Reformen ein eigenes Gewerbe entstanden. „Die sehen Sie morgen mit einem anderen Bewerber wieder“, sagt IOC-Vizepräsident Thomas Bach genervt. Manche Phänomene wird man eben einfach nicht los.
Früher war man naiv...
Michael Meier (never1)
- 02.08.2008, 12:28 Uhr
Guter Artikel
Marvin Parsons (mapar)
- 02.08.2008, 14:51 Uhr
