18.08.2008 · Taiwan beschäftigt die FAZ.NET-Leser: Dr. Heidrun Frießem fragt, ob Taiwan „eigentlich an en Spielen teilnimmt“. Jochen Polke fordert, die Flagge Taiwans statt der vom IOC aus diplomatischen Gründen diktierten Olympia-Fahne im Medaillenspiegel anzuzeigen.
Von Daniel MeurenDie Teilnahme Taiwans an den Olympischen Spielen in der Hauptstadt des benachbarten, aber verfeindeten China beschäftigt die FAZ.NET-Leser: Dr. Heidrun Frießem fragt, ob Taiwan „eigentlich bei den Olympischen Spielen teilnimmt“. Jochen Polke fordert, dass westliche Medien in Ihren Medaillenspiegeln die Flagge Taiwans zeigt statt der vom IOC aus diplomatischen Gründen diktierten Olympia-Fahne.
Grenzfall der Sportdiplomatie: China, Taiwan und die Olympischen Spiele
Taiwan nimmt tatsächlich an den Olympischen Spielen von Peking teil und hat auch schon zwei Bronzemedaillen gewonnen. Dem Olympiastart der Sportler von der vor Festland-China liegenden Insel gingen indes lange Debatten voraus. Grund ist der Taiwan-Konflikt, der zwischen der Volksrepublik China und dem von den Taiwanesen als Republik China bezeichneten Staat auf der Insel Taiwan.
Dieser Staat ist das Ergebnis des Bürgerkriegs, der bis 1950 China spaltete. Die im Kampf um die Vorherrschaft in Peking unterlegenen Anhänger von Tschiang Kai-schek zogen sich nach Ausrufung der Volksrepublik China auf die Insel Taiwan zurück, während Festland-China bis auf die Kolonien wie Hongkong oder Macau zur Machtsphäre der Kommunistischen Partei Chinas unter Führung von Mao Tse-tung fiel. Noch heute beharren die politischen Nachfolger Maos auf der Ein-China-Politik, die eine Anerkennung Taiwans untersagt. Nur wenige Staaten haben sich über diese politische Forderung Chinas hinweggesetzt und Taiwan anerkannt, der Vatikan unterhält als einziger Staat Europas diplomatische Beziehungen.
Auch im Sport hatte der Konflikt zwischen China und Taiwan gravierende Folgen. 1952 verzichtete zunächst Taiwan auf eine Olympiateilnahme wegen der Startberechtigung für die Volksrepublik, zwischen 1956 und 1980 boykottierte Festland-China die Spiele vornehmlich wegen der Akzeptanz Taiwans im Zirkel des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Auslöser war ein Flaggen-Eklat bei den Spielen in Melbourne: taiwanesische Olympiateilnehmer rissen die versehentlich zu Ehren Taiwans gehisste rote chinesische Flagge vom Mast.
Viele Zugeständnisse Taiwans
Im Zuge der Bewerbung Pekings um die Olympischen Spiele 2008 mussten die Pekinger Organisatoren zugestehen, dass Taiwan mit einer Mannschaft teilnehmen darf. Die Sportler Taiwans dürfen indes aufgrund einer Entscheidung des IOC aus dem Jahr 1979 bei den Eröffnungsfeiern nicht unter der Flagge ihres Staates, sondern nur mit einer eigens kreierten Fahne mit den fünf olympischen Ringen und den Umrissen der Insel Taiwan einlaufen. Dieses Einknicken des IOC wurde damals als eine Verbeugung vor der wachsenden wirtschaflichen Macht Chinas gewertet.
Zudem müssen taiwanesische Athleten gemäß eines Kompromissvorschlags des IOC mit dem Fantasienamen „Chinese Taipei“ (Taipeh ist die Hauptstadt des Inselstaates) auf den Trikots antreten, was wie ein diplomatisches Eingeständnis der fehlenden Eigenständigkeit gewertet werden kann. Sollte ein Taiwan-Chinese eine Goldmedaille gewinnen, so würde zudem eine eigens komponierte Melodie statt der Nationalhymne ertönen.
Positiver Dopingtest als diplomatischer Sieg?
China-Kritiker werten diese Eingeständnisse als diplomatischen Sieg der chinesischen Führung, die die taiwanesischen Politiker zudem mit Einladungen zur Eröffnungsfeier oder dem Vorschlag, das olympische Feuer gemeinsam von Athleten aus Taiwan und China ins Olympiastadion tragen zu lassen, in Zugzwang brachten. Solche Aktionen hätten in den Augen taiwanesischer Politiker den Eindruck erwecken können, dass sich Taiwan akzeptiere, ein Teil Chinas zu sein.
Wie ein diplomatischer Sieg könnte in diesem Zusammenhang auch erschienen, dass unter den bislang lediglich vier positiven auf Doping getesteten Sportlern ausgerechnet ein Taiwanese gehört. Der Baseball-Spieler Chang Tai-shan ist vor den Olympischen Spielen in Peking bei einer Doping-Kontrolle positiv getestet und für die Spiele gesperrt worden.