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IOC-Vize Thomas Bach im Gespräch „Das Doping-Testsystem funktioniert“

18.08.2008 ·  Kein Generalverdacht: Der Spitzenfunktionär und frühere Fechter Thomas Bach kann herausragende Leistungen noch genießen. Ein Rekord müsse aber schmückendes Beiwerk sein, das Ziel sei der Olympiasieg - sagt der IOC-Vize im F.A.Z.-Interview.

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Bitte keinen Generalverdacht: Der Spitzenfunktionär und frühere Olympiafechter Thomas Bach kann herausragende Leistungen noch genießen. Ein Rekord müsse aber schmückendes Beiwerk sein, das Ziel sei der Olympiasieg - sagt der IOC-Vizepräsident im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zudem spricht Bach über die Ästhetik des Sprint-Weltrekordhalters, die Abschreckung des Doping-Netzes und den Aufstieg Asiens.

Haben Sie erwartet, dass Sie als Vorsitzender der Disziplinarkommission so wenig zu tun haben würden?

Wir haben bis jetzt vier Fälle im Doping-Bereich, am Samstagabend haben wir den Fall der Griechin Fani Halkia aufgenommen und eine Anhörung angesetzt. Es kommt aber nicht darauf an, wie viele Fälle wir bearbeiten. Für uns muss es darauf ankommen, ein möglichst glaubwürdiges und engmaschiges Netz zu bauen. Die Anstrengungen im Vorfeld haben schon geholfen, da ist einiges ausgesiebt worden, und nun zeigt sich, dass das Testsystem funktioniert, auch außerhalb von Peking.

Fani Halkia ist ein gutes Beispiel dafür, dass der optische Eindruck ein deutlicher Hinweis auf Doping sein kann. Jeder erinnert sich an ihre maskuline Erscheinung bei ihrem Olympiasieg über 400 Meter Hürden in Athen. Auch hier in Peking scheint bei manchen Sportlern der optische Eindruck den Ergebnissen der Doping-Tests krass zu widersprechen. Sehen Sie das auch?

Hier verlasse ich mich auf unsere Fachleute. Augendiagnostik ist kein geeignetes Mittel zum Beweis von Doping oder Unregelmäßigkeiten.

Aber Sie haben am Samstag das 100-Meter-Finale der Männer gesehen?

Ja.

Was ging Ihnen beim Anblick von Usain Bolts Weltrekord-Spaziergang durch den Kopf?

Zunächst einmal ist es eine wirkliche Freude, einen so herausragenden Athleten zu sehen. Er hat einen sehr ästhetischen Laufstil. Das Ganze war ein Riesenereignis. Aber man muss sich davor hüten, jetzt dem Generalverdacht nachzugeben.

Man muss sich davor hüten? Skepsis ist doch angebracht.

Wir haben ähnlich herausragende Leistungen hier in vielen Bereichen. Auch dort, wo das Thema Doping nicht im Vordergrund steht. Wenn Sie sehen, mit welcher Präzision und Überlegenheit das Wasserspringen zelebriert wurde. Man muss sich davor hüten, jede herausragende Leistung sofort mit Verdacht zu belegen. Eine gesunde Skepsis ist in Ordnung, aber bitte kein Verdacht.

Auch nicht bei der unheimlichen Serie von Schwimm-Weltrekorden? Schließlich gibt es eine Reihe von Doping-Mitteln, die nicht nachweisbar sind. Gruselt es Sie nicht manchmal?

Das ist wiederum eine Unterstellung. Für die Rekorde gibt es eine ganze Reihe erklärender Faktoren. Die Entwicklung geht einher mit der Entwicklung der Schwimmanzüge, die zumindest einen großen Teil beitragen. Im Übrigen ist auch erkennbar, dass die begleitende Sportwissenschaft Fortschritte erzielt im positiven Sinne. Ich glaube, der größte Fortschritt liegt im Timing, auf den Punkt fit zu sein und die absolut beste Leistung zu erzielen. Dazu spielt die psychologische Vorbereitung eine immer größere Rolle. Daraus lässt sich ein guter Teil der Leistungssteigerung erklären.

Der Deutsche Olympische Sportbund hat bei seinem Bundestag in Hamburg die Empfehlung an das Fernsehen beschlossen, Weltrekorde nicht mehr einzublenden, um Heroisierung und Rekordwut einzudämmen. Ist diese Sorge vergessen?

Ich bin ja nicht gegen Rekorde. Der Gedanke, dem ARD und ZDF dann ja auch gefolgt sind, ist, dass der Olympiasieg nicht hinter dem Rekord - oder gegenüber dem Nicht-Rekord - zurücktreten sollte. Ein Rekord muss schmückendes Beiwerk sein, das Ziel ist der Olympiasieg.

Die Argumentation damals stand aber im Zusammenhang mit Doping.

Ja. Weil das ständige Streben nach Rekorden, auch der mediale Druck nach Rekorden, dazu beitragen kann, Hemmschwellen abzubauen. Hier wird ein falsches „Vorbild“ vermittelt. Mit dem Weltrekord wird eine Anforderung über den Sieg hinaus gestellt. Und dies wird meiner Meinung nach den Athleten nicht gerecht, auch weil es für andere demotivierend wirkt.

Sie bleiben ja sehr vorbildlich bei Ihrer Linie. Wird sich die nicht eines Tages allzu sehr mit der Realität beißen?

Warum? Lassen Sie die Zahlen sprechen. Wir haben hier das engmaschigste Netz. Wir frieren die Doping-Proben für acht Jahre ein. Niemand sollte sich in Sicherheit wiegen. Wir stellen uns der Thematik. Aber man darf nicht den Kübel des Verdachts sofort ausschütten.

Ist es nicht enttäuschend, dass ausgerechnet das olympische Mutterland Griechenland immer wieder mit gravierenden Doping-Fällen in Erscheinung tritt?

Ich habe mich deswegen, zusammen mit unserem Medizinischen Direktor, mit der Chefin der griechischen Nationalen Anti-Doping-Agentur getroffen. Ich habe den Eindruck, dass sie auf einem guten Weg ist. Sie schien sehr entschlossen, und ich hoffe, dass die evidenten Probleme geregelt werden.

Die vietnamesische Turnerin, die wegen Dopings von den Spielen ausgeschlossen wurde, startete mit einer Wild Card und auf Kosten der olympischen Solidarität. Ärgert Sie diese Undankbarkeit?

Ich habe das Mädchen in der Anhörung erlebt. Da war ein ganzer Schuss Naivität dabei. Sie hat mir fast leid getan.

Und der schwedische Ringer, der seine Bronzemedaille aus Protest gegen die Schiedsrichter auf den Boden gelegt hat? Hat der Ihnen nicht leid getan? Ärger ist schließlich menschlich. Trotzdem haben Sie ihn disqualifiziert und heimgeschickt.

Es ist nicht akzeptabel, dass auf dem Rücken der anderen Athleten in dieser Form gegen eine Wettkampfentscheidung protestiert wird. Und zwar bei deren größtem Moment, der Siegerehrung. Schiedsrichterentscheidungen sind zu akzeptieren. Außerdem hat er bei der Anhörung keinerlei Bedauern gezeigt.

Sind Sie überrascht, dass die Angriffe von Seiten der West-Presse gegenüber dem IOC nicht aufhören? Besonders der Vorwurf, zu weich gegen die chinesische Führung zu sein, verstummt nicht.

In Teilen bin ich schon überrascht über die Berichterstattung. Es gibt verschiedene Sachverständige, die nicht unmittelbar mit den Spielen zu tun haben und eine ausgewogenere Sichtweise auf China und die Olympischen Spiele fordern. Der UN-Beauftragte für Sport, Willi Lemke, mahnt das zum Beispiel an. Gleiches hören Sie in noch größerer Deutlichkeit vom früheren Bundeskanzler Schröder. Und auch vom Umweltbeauftragten der Vereinten Nationen über den Einfluss der Spiele auf die Umwelt.

Das Thema Menschenrechte hat aber doch einen realen Hintergrund. Darum hört es auch vor dem Hintergrund der Wettbewerbe nicht auf. Können Sie das verstehen?

Zunächst einmal glaube ich, dass hier ein Punkt liegt, wo auch das IOC gefordert ist. Wir müssen sehr viel deutlicher machen, wo die Möglichkeiten, die Grenzen und die Aufgabe des IOC liegen. Die sind in der Charta klar definiert. Aber offensichtlich ist es uns nicht gelungen, das inhaltlich zu vermitteln. Das Entscheidende ist, dass wir zu einer sozialen Entwicklung beitragen wollen durch Sport, und die Betonung liegt auf dem Sport. Diesem Anspruch stellen wir uns, und daran müssen wir uns messen lassen.

Zum Beispiel?

Sehr deutlich wurde das beim russisch-georgischen Konflikt. Keiner im IOC hat das Recht oder auch nur die Möglichkeit einer politischen Vermittlung. Die Betonung liegt auf der Frage: Was können wir tun für die Versöhnung durch Sport? Konkret haben wir die georgische Delegation davon überzeugt, nicht wie beabsichtigt abzureisen. Und dann gab es diese wunderschöne Geste auf dem Podest zwischen einer russischen und einer georgischen Athletin, die sich dort umarmten.

Welches Argument hat die Georgier überzeugt?

Die Gespräche hat Jacques Rogge geführt. Das wichtigste Argument ist der Sinn und Zweck der Spiele. Zu zeigen, dass es einen friedlichen Wettbewerb geben kann, selbst in kriegerischen Zeiten. Dass es das falsche Zeichen wäre, wenn man über den Sport die letzte Brücke abreißt.

Welche besondere Rolle spielt Deutschland im Chor der IOC-Kritiker?

Das IOC achtet schon darauf, wie es in Deutschland wahrgenommen wird. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Sachverständigen, die ich Ihnen vorhin nannte und die eine ausgewogenere Berichterstattung anmahnen, deutscher Zunge sind.

Welche Auswirkung hat es, dass Frau Merkel nicht bei der Eröffnungsfeier war?

Ich glaube nicht, dass wir deshalb eine Medaille weniger gewonnen haben.

Und politisch?

Es ist nicht meine Aufgabe, politische Ratschläge zu geben, schon gar nicht ungefragt und öffentlich.

Könnte die Tatsache, dass Deutschland in den Augen des IOC als ein Land der Kritiker gesehen wird, der Münchner Bewerbung um die Winterspiele 2018 schaden?

München hat hier sehr gute Arbeit geleistet. Oberbürgermeister Christian Ude hat München glänzend und mit großem Charme vertreten. Die Bewerbung ist objektiv gut positioniert. Am Ende spielen natürlich auch Sympathiewerte eine große Rolle. Das IOC vergibt Spiele an ein Land, wo die Athleten und die Olympischen Spiele willkommen sind. Um die öffentliche Zustimmung bewerten zu können, nimmt das IOC unabhängige Meinungsumfragen vor. Es will die Athleten in ein Umfeld bringen, das ihnen Sympathie entgegenbringt. Das ist ein wesentlicher Faktor. Und bei einer solchen Bewerbung müssen Sie kämpfen bis zum letzten Augenblick.

Wie erleben Sie China außerhalb des Organisationskomitees?

Ich erlebe eine große, mit Neugier gepaarte Freundlichkeit. Und ich würde mir wünschen, dass alle Besucher den chinesischen Gastgebern mit der gleichen Freundlichkeit und Neugier begegnen, wie wir hier aufgenommen werden.

Die vielen chinesischen Erfolge geben Olympia ein neues, ein asiatisches Gesicht. Ist Ihnen als Europäer das willkommen?

Das ist ein Zeichen des globalen Sports. Asien stellt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Daher ist es eine logische Entwicklung. Es ist auch ein Ausdruck dessen, dass noch niemals, auch nicht in Zeiten des Kalten Krieges, so viel in Leistungssport investiert worden ist wie heute. Und dass wir national sehr darauf achten müssen, dass wir nicht den Anschluss verlieren. Hier gibt es zum Teil Steigerungsraten von mehreren hundert Prozent, zu denen wir nur aufschauen können.

Was bedeutet das für den deutschen Hochleistungssport?

Ich werde nicht bei Halbzeit der Spiele eine sportpolitische Diskussion beginnen. Jetzt müssen wir unseren Athleten erst einmal die Daumen drücken.

Würden Sie, wenn Sie jetzt auf den Medaillenspiegel schauen, gerne die Zeit anhalten?

Nein, es gibt immer noch Schöneres. Wir freuen uns über jede Medaille. Am Ende werden sich die USA und China um Platz eins streiten. Und dann im Zwischenraum Russland. Dann wird eine Gruppe kommen zwischen Platz vier und elf, wo wahrscheinlich ein, zwei Goldmedaillen den Unterschied ausmachen. Deswegen darf man das nicht überbewerten. Man freut sich für den Tag, aber es ist kein Anlass zur Selbstzufriedenheit.

Das Gespräch führte Evi Simeoni.

Quelle: F.A.Z.
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