Home
http://www.faz.net/-g8m-10dmb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Dopende Reiter Unter die Hufe geraten

01.09.2008 ·  Mit Rodrigo Pessoa, Olympiasieger von Athen, steht ein Mitglied der ganz feinen Reitergesellschaft unter Dopingverdacht. Das zeigt: das Problem des Sports ist die Angestumpftheit der Reiter gegenüber ihren Pferden.

Von Evi Simeoni
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Gibt es eigentlich noch gute Nachrichten vom Reiten? Wie wäre es damit: Alle Dopingproben vom olympischen Turnier sind jetzt analysiert, der Brasilianer Rodrigo Pessoa ist der letzte ertappte Sünder von Hongkong. Auch die deutschen Funktionäre können sich den Angstschweiß von der Stirn wischen – es kommt nichts mehr nach.

Allerdings handelt es sich bei Pessoa um einen Vertreter der vermeintlich ganz feinen Reitergesellschaft, der nun wie vier andere unter dem verheerenden Verdacht steht, eines der ehrenrührigsten Vergehen in der Springreiterei begangen zu haben: Mit scharfer Salbe die Pferdebeine schmerzempfindlich gemacht zu haben – eine Blistern genannte Methode.

Die Abgestumpftheit der Reiter gegenüber ihren Pferden

Ob auch er wie der deutsche Championatsreiter Christian Ahlmann nun angeben wird, er habe nur Gutes für sein Pferd gewollt und lediglich dessen schmerzenden Rücken mit der Pfeffersalbe behandelt? Gut möglich. In der Folge wird dann wohl auch der reitende Tierfreund aus Brasilien fordern, dass man endlich seine kranken Pferde mit Heilmitteln versorgen darf – und damit von dem eigentlichen Problem ablenken: Der immer wieder erkennbaren Abgestumpftheit von Profireitern gegenüber ihren Pferden.

Und noch eine gute Nachricht: Haya bint Al Hussein, die Präsidentin des Welt-Reiterverbandes, hat in einer englischen Fachzeitschrift eine Art Selbstkritik geübt. Der olympische Status des Reitsports, erklärte die Prinzessin von Jordanien, seit dem vergangenen Jahr Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sei in großer Gefahr.

Distanz- statt Springreiten?

Allerdings sah sie vor allem Dressur und Vielseitigkeit betroffen. Die Popularität der Dressur sei ungewöhnlich niedrig, und es gäbe Klagen über die Richter. Zudem mache sich das IOC ernsthafte Sorgen um die Sicherheit der Vielseitigkeitsreiterei. Und deshalb drohe auch das Ende des olympischen Springreitens, weil man es wohl nicht allein im Programm halten wolle.

Thema verfehlt, möchte man der Highness, einer ehemaligen Springreiterin, am liebsten bescheinigen, aber ihr Mann, Mohammed Al Maktoum, der Regent von Dubai, dürfte ganz anderer Meinung sein. Schließlich kennt er schon lange die Lösung für das reiterliche Statusproblem: Das Distanzreiten, der Lieblingssport seiner Familie, könnte nun ja bald eine der traditionellen Reitsport-Disziplinen ersetzen. Das hätte den Vorteil, dass sein Clan endlich die Chance hätte, sich olympische Medaillen über 160 Kilometer praktisch zu ersitzen.

Obwohl: Bei den letzten Welt-Reiterspielen in Aachen wurden alle teilnehmenden Mitglieder der Familie Maktoum wegen Lahmheit, Kreislaufproblemen oder Erschöpfung ihrer Pferde eliminiert. Keines der Reittiere mit den Stiefsöhnen der Präsidentin überstand alle tierärztlichen Kontrollen. Distanzreiten – die Lösung für die Probleme des Pferdesports? Auch das will bei Olympia niemand sehen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

Jüngste Beiträge