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Das Olympia-Attentat von 1972 Eklat um Vortrag eines Sporthistorikers

04.07.2008 ·  Mit gewagten Thesen zum Palästinenser-Attentat während der Olympischen Spiele 1972 in München stellt sich der Sporthistoriker Arnd Krüger ins Abseits. Er unterstellt den neun ermordeten israelischen Sportlern eine Selbstopferung. Der Vortrag sorgt für heftige Reaktionen.

Von Martin Wittmann
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Der Zentralrat der Juden spricht vom „schlimmsten Stück an Hass in akademischen Kreisen seit Jahren“. Die Uni Göttingen hat die universitäre Ombudskommission beauftragt zu untersuchen, ob der Direktor ihres sportwissenschaftlichen Instituts, Professor Arnd Krüger, die gute wissenschaftliche Praxis verletzt habe. Und die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (DVS) prüft den Ausschluss des Sporthistorikers aus ihren Reihen.

Diese heftigen Reaktionen ausgelöst hat ein Vortrag Krügers bei der Jahrestagung der Sektion Sportgeschichte der DVS am 19. Juni zum Thema „Sportgeschichte erforschen und vermitteln“. Darin suchte Krüger den Kontext eines der meistdiskutierten Ereignisse der Sporthistorie aufzuklären.

Warum sind die israelischen Athleten nicht geflohen?

Am 5. September 1972 bei den Olympischen Sommerspielen in München nimmt die palästinensische Terrorgruppe „Schwarzer September“ im olympischen Dorf elf Athleten der israelischen Mannschaft als Geiseln, zwei davon werden schon bei der Geiselnahme ermordet. Die Gruppe der Terroristen um Anführer Mohammad Massalha fordert die Freilassung von über 200 Palästinensern aus israelischen Gefängnissen sowie der RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Bei einem gescheiterten Befreiungsversuch der deutschen Behörden werden in Fürstenfeldbruck ein deutscher Polizist, fünf Terroristen und alle neun israelischen Sportler getötet.

Krüger stellte in seinem Referat die Frage: Warum sind diese Athleten im Gegensatz zu einigen ihrer Kollegen im olympischen Dorf geblieben, da sie doch wussten, dass ein Überfall auf sie geplant war? Als ob die Frage und die Annahme, auf der sie beruht – das Wissen der israelischen Sportler über die Gefahr – nicht heikel genug wären, bietet Krüger in seinem Vortrag noch zwei Antwortmöglichkeiten an: Entweder vertrauten die Sportler dem olympischen Frieden und den Sicherheitsvorkehrungen in München mehr als den Warnungen vor den Palästinensern und blieben deshalb im Dorf. Oder die Sportler sind freiwillig und bewusst in den Tod gegangen.

Merkwürdiger Vergleich mit arabischen Pogromen

Belege für diese Thesen ist der Zeitzeuge Krüger, der bei den Olympischen Spielen in München nach eigener Aussage als Journalist akkreditiert war, schuldig geblieben. Stattdessen verglich der Sporthistoriker in seinem prophetisch „Hebron und München. Wie vermitteln wir die Zeitgeschichte des Sports, ohne uns in den Fallstricken des Antisemitismus zu verhaspeln?“ benannten Vortrag die Situation der Athleten mit jener der 67 Juden, die 1929 bei den Araberaufständen in Hebron ermordet wurden.

Bei den Pogromen in 700 Städten in Palästina sei damals die Hälfte aller jüdischen Opfer in Hebron zu beklagen gewesen, obwohl die Anwohner der Stadt konkret durch die israelische Untergrundorganisation Hagana gewarnt worden seien, sagte Krüger. Die Anwohner seien damals geblieben, weil sie sich nicht hätten vorstellen können, dass die arabischen Nachbarn, mit denen man seit Generationen zusammengelebt habe, zu solchen Greueln fähig sein würden.

Krüger wurde vorgeworfen, dass er den Israelis Selbstopferung unterstelle

Dass dieser Vergleich unangebracht sei, da sich die historischen Hintergründe der beiden Ereignisse zu unterschiedlich gestaltet hätten, sehe er in der Rückschau ein, sagte Krüger in dieser Woche. Allerdings sollte der zwanzigminütige Vortrag als unfertiger „Werkstattbericht“ behandelt werden, in dem es „von Fragezeichen nur so wimmelt“. Die Teilnehmer der Tagung bemängelten freilich nicht bloß methodische Unzulänglichkeiten Krügers.

Vor allem seine zweite Erklärungsmöglichkeit für die angebliche Weigerung der Israelis, den Gefahrenort, das olympische Dorf, zu verlassen, sorgte schon auf der Göttinger Tagung für Aufregung unter den Mitreferenten. Krüger wurde unmittelbar nach seinem Vortrag vorgeworfen, er unterstelle den ermordeten israelischen Sportlern eine Art Selbstopferung, deren Motivation noch dazu in einem kulturspezifischen Körperbewusstsein zu finden sei.

Von einem Opfertod der Israelis will Krüger aber dezidiert nicht sprechen

Tatsächlich zitierte Krüger aus einer israelischen Studie, die den Israelis eine hohe Abtreibungsrate bescheinigt und der jüdischen Kultur unterstellt, „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Leben mit Behinderungen zu verhindern“. Die entscheidende Frage sei hier, wie man in den verschiedenen Kulturen auch mit dem eigenen Leben umgehe, sagte der Sporthistoriker noch in dieser Woche. „Für einen über die Gefahr einer Geiselnahme informierten Deutschen wäre die typische Reaktion: aus dem Dorf wegziehen.“ Von einem Opfertod der Israelis will Krüger aber dezidiert nicht sprechen.

Wie aber sollen seine Aussagen die umstrittenen Thesen stützen, wenn nicht durch die Interpretation, die israelischen Athleten hätten 1972 ihren Tod in Kauf genommen, mit der Hoffnung, dadurch irgendwie der Heimat zu nützen? Zumal Krüger in seinem Vortrag von den Ereignissen in München als „Grundlage für die Verlängerung der Schuld(en) Deutschlands gegenüber Israels“ sprach und das schlechte Gewissen der Deutschen gegenüber Israel erwähnte, das durch die Geiselnahme noch verstärkt worden sei? Eine schlüssige andere als die Märtyrer-Interpretation wusste Krüger selbst zwei Wochen nach dem Referat auf Nachfrage nicht anzubieten.

Causa Krüger bekommt politische Dimension

Der Vortrag ist indes keine einmalige Verzettelung des Sporthistorikers. Schon vor der Tagung, in der Juni-Ausgabe des Göttinger Hochschulsportmagazins „Seitenwechsel“, wird Krüger zitiert mit den Worten: „Als die Attentäter in das olympische Dorf eindrangen, flüchtete einer der Geher als letzter aus dem israelischen Quartier über den Balkon. Er hatte zentimeterdicke Brillengläser, das heißt, er war praktisch blind ohne Brille. Und wenn jemand wie er flüchten konnte, hätte jeder flüchten können. Aber die anderen wollten nicht, sie hatten sich freiwillig gemeldet und wussten, dass die Palästinenser kommen würden.“ Auch auf der Tagung der DVS hat Krüger diese Fluchttheorie angedeutet.

Erst ein Radiobeitrag des Deutschlandfunks über den Tagungsvortrag Krügers löste eine Kettenreaktion an empörten Wortmeldungen aus, deren Bewertung wiederum aus der Causa Krüger eine politische macht. Die DVS, die als erste Konsequenz Krügers Beitrag aus der geplanten Dokumentation verbannte und den Sporthistoriker nicht, wie ursprünglich vorgesehen, als Mitherausgeber des Tagungsbandes fungieren lässt, schildert seit dem 29. Juni den Eklat und die Berichterstattung darüber ausführlich im Internet. Am 30. Juni gab auch die Uni Göttingen eine Erklärung ab. Das Präsidium habe die universitäre Ombudskommission eingeschaltet.

Zentralrats-Vize moniert verspätete Reaktionen

Für Dieter Graumann, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, kamen diese Reaktionen zu spät. Das Schweigen und die „bisherigen Beschwichtigungsversuche der Leitung der Universität Göttingen und der DVS ist mindestens ebenso skandalös wie Krügers Aussagen selbst“, so Graumann. Man hätte sich längst noch entschiedener von Krüger distanzieren müssen, damit nicht der Eindruck entstehe, man stimme klammheimlich den Thesen des Sporthistorikers zu.

Die von Krüger konstruierten Zusammenhänge überschritten die Meinungsfreiheit und grenzten an Volksverhetzung. „Die Behauptung Krügers, im Judentum spiele Leben keine Rolle, ist infam und idiotisch“ und müsse Konsequenzen nach sich ziehen.

Irreparabler Schaden

Erste ernsthafte Folgen für Krüger wurden dann auch am Donnerstag auf der Präsidiumssitzung der DVS beschlossen: ein Verfahren zum Ausschluss Krügers aus der Vereinigung soll eingeleitet werden. Nach der DVS, der Uni und mittlerweile auch dem Deutschen Olympischen Sportbund distanziert sich nun sogar Krüger selbst von seinem Vortrag. Wenige Tage zuvor noch „völlig überrascht“ von der Kritik, zog er seine Äußerungen am Donnerstag „mit dem Ausdruck großen Bedauerns“ zurück.

Der Schaden ist trotzdem wohl irreparabel. Krüger hat sich – nachdem er im vergangenen Jahr bereits einen zweifelhaften Ruf als Doping-Befürworter erlangt hatte („Ich halte es für sinnvoll, dass Athleten mit bewährten Medikamenten zur Leistungssteigerung verantwortungsvoll umgehen dürfen“) – in ebenjenen Fallstricken verhaspelt, die er bei seiner Arbeit vorgeblich zu meiden sucht.

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