14.07.2008 · In einem Land, in dem Jedermann-Gymnastik aus dem öffentlichen Leben nicht wegzudenken ist, haben Turner einen hohen Stellenwert. Weltmeister Yang Wei weiß, was er dem Volk schuldet: Zum Ruhme des Staates werden Medaillen von ihm erwartet.
Von Christiane MoravetzKrumme Beine. Man stelle sich vor: Yang Wei bekommt die Knie nicht gerade. Ein Turner, der sich den Kampfrichtern präsentiert und nicht gestreckt von den Haarspitzen bis zu den Zehen an den Geräten hängt und schwingt und wirbelt - geht das denn? Dieser Yang Wei schafft es beinahe spielend, eine Laune der Natur vergessen zu machen. Nein, die Knie, die er nicht vorschriftsmäßig durchdrücken kann, werden ihn nicht für den Rest seines Lebens belasten. Solange er allerdings in dieser typischen weißen Turnerhose unterwegs ist, sind sie ein Manko, mit dem er leben muss. Und wie er damit lebt: Yang Wei ist das Maß aller Dinge im Kunstturn-Mehrkampf.
Klein, zierlich, leichtgewichtig, vor allem aber elegant: So kommen die asiatischen Könner daher. Klein - 1,63 Meter nur misst er -, zierlich, leichtgewichtig, aber irgendwie doch „eckig und kantig, ein wenig ungeschmeidig“, so der deutsche Bundestrainer Andreas Hirsch, wirkt Yang Wei. Und dabei ist er doch der Größte. Denn höchste Meisterschaft erreicht, wer den Balanceakt zwischen Beweglichkeit und Kraft, zwischen Eleganz und Schwierigkeit beherrscht - wer Persönlichkeit in seinen Übungen erkennen lässt und kein Risiko scheut. Yang Wei, der Chinese, tut all dies in höchster Perfektion.
Harte Lehre in der „Wiege der Weltmeister“
„Irgendwie“, sagt Fabian Hambüchen, der junge deutsche Turner-Star, „irgendwie schwebt Yang Wei auf einsamer Höhe.“ Er ist dort hinaufgelangt durch ein Auswahlverfahren, das keine Gnade kennt. Das Talente früh erfasst und Kinder in brutalem Drill zu Goldmedaillengewinnern macht zum Ruhme des chinesischen Volkes - oder sie verstößt. Wei, den Imposanten, nannte die Familie Yang ihren Sohn, der am 8. Februar 1980 in der Provinz Hubei geboren wurde.
Als er fünf war, entdeckten ihn die Talentspäher für die Turnschule von Xiantao, die sich „Wiege der Weltmeister“ nennt. Sozialen Aufstieg und Ehre für die ganze Familie versprechen sich Eltern, die ihre Sprösslinge einem System überlassen, von dessen Schrecken wohl nicht die ganze Wahrheit nach außen dringt. „Das Training war hart“, sagt Yang Wei, „aber ohne Leistung kein Erfolg.“ Außerdem habe er dort nur trainiert. Im Gegensatz zu anderen Kindern habe er zu Hause gewohnt.
Nach Sturz vom Reck: „Es tut mir leid für das chinesische Volk“
Der Erfolg stellte sich ein: Mit 13 Jahren holte er sich bei nationalen Schülerwettbewerben fünf Titel, mit 16 stand er zum ersten Mal in der Nationalriege, mit 18 gewann er bei den Asienspielen seine ersten internationalen Medaillen. Nur knapp verpasste er 2000 in Sydney den Olympiasieg im Mehrkampf, gewann Silber, führte aber seine Mannschaft zu olympischem Gold. Zwei Jahre lang hielt er sich danach von der großen internationalen Bühne fern, kehrte 2003 bei den Weltmeisterschaften in Anaheim zurück, siegte wieder mit dem Team und wurde Zweiter im Mehrkampf.
2004, bei den Olympischen Spielen von Athen, schien endgültig das Terrain für ihn bereitet. Doch er stürzte vom Reck, wurde als bester Chinese Siebter im Mehrkampf, die Mannschaft belegte Rang fünf: für das chinesische Turnen eine Katastrophe. Mit gebeugtem Haupt schlich Yang von der Matte. „Es tut mir leid für das chinesische Volk, ich entschuldige mich.“
Große Sprünge, große Schwünge
Wieder verschwand er hinter verschlossenen Türen - und kam zurück im Triumph. Bei den Asienspielen in Doha 2006 gewann er mit dem Team und im Mehrkampf; mit insgesamt acht AsienTiteln seit 1998 stellte er den chinesischen Rekord ein. Er siegte im gleichen Jahr in Århus bei den Weltmeisterschaften mit seiner Riege und im Mehrkampf und zeigte ein Jahr später in Stuttgart bei der WM der Konkurrenz, dass die Krone des besten Turners der Welt nur einem Einzigen gehört. Obwohl er wieder spektakulär vom Reck stürzte, verteidigte er seinen Titel - als zweiter Turner überhaupt in der langen Geschichte der Weltmeisterschaften. Auch mit der Mannschaft war er unerreichbar.
Es hätte wohl zwei, drei solcher Stürze bedurft, um diesen Ausnahmeathleten am Siegen zu hindern. Yang Wei, der Imposante: Große Sprünge, große Schwünge und - große Fehler prägen das Bild, dramatische Szenen begleiten die Karriere eines Kämpfers, die in Peking ihren Höhepunkt erreichen soll. Er sei, sagte er nach dem Erfolg von Stuttgart, nicht aus dem Häuschen vor Freude, „denn es sind nicht die Olympischen Spiele. Und in meinem Herzen habe ich einen Traum, den Traum von der olympischen Goldmedaille.“
„Ich muss den Kampfgeist bei den Jungen anfachen“
Riesiger Druck lastet auf ihm. Yang Wei versucht, ihn umzuleiten. „Unser Ziel ist es, als Mannschaft Erfolg zu haben“, sagt er. Als Einziger ist er gesetzt für das Team - die Plätze neben ihm waren heftig umstritten. Denn in dieser Olympia-Mannschaft zu turnen, das wissen die Chinesen, ist gleichbedeutend mit der großen Chance auf Gold.
Yang Wei soll sie dahin führen, seine Rolle wird von den Trainern gerühmt. Er, der Älteste, fühlt sich in der Verantwortung: „Andere Turner meines Alters haben sich zurückgezogen oder sind Trainer. Aber ich muss den Kampfgeist bei den Jungen anfachen.“ Im „besten Trainingszentrum der Welt“, so Yang Wei, in Guojian Xuan Lian Zhongju - dem mit neuester Technik ausgestatteten „staatlichen Generaltrainingsamt“ -, bereiten sich Yang und seine Mitstreiter mit ihren Trainern Yubin Huang und Wang Guo Qin, hermetisch abgeschirmt von der Öffentlichkeit, auf ein Ergebnis vor, das die ganze Nation von ihnen erwartet.
Er ist ein angesehener Mann
Aber Yang Wei muss nicht erst Olympiasieger werden, um ein Star im Riesenreich zu sein. Denn sie lieben ihre Turner, die Chinesen - fühlt sich doch fast jeder selbst als einer. Von Kindesbeinen an bis ins Greisenalter halten sie sich mit Gymnastik fit, in aller Öffentlichkeit: auf Schulhöfen, Fabrikgeländen, in Parks; allein und in Scharen, mit und ohne Geräte. Turnen genießt - neben der Begeisterung für Fußball - zusammen mit Tischtennis den höchsten Stellenwert aller Sportarten in China.
Yang Wei ist ein angesehener Mann, ein wohlhabender Mann geworden durch seinen Sport. Er hat vom Staat ein Haus in Peking bekommen - sollte er olympisches Gold gewinnen, wird die Stadt Xiantao ihm ein zweites schenken, ein sogenanntes „Olympia-Adler-Haus“. Er ist „verdientes Mitglied der Kommunistischen Partei“, und mit dem Olympiasieg dürfte er auch finanziell ausgesorgt haben.
Für die internationale Werbung ist er nicht der richtige Mann
Noch ist er kein Superstar, Basketballspieler Yao Ming oder Hürdenläufer Liu Xiang sind ihm voraus. Yang Wei, der Imposante, tritt eher zurückhaltend auf, beinahe schüchtern wirkt er, hat trotz seiner 28 Jahre etwas Kindliches an sich. Für die internationale Werbung ist er nicht der richtige Mann. Yang Wei spricht nicht viel, seine Englischkenntnisse sind sehr begrenzt. Immerhin wurde er nach seinem ersten Einzel-Weltmeistertitel im Mehrkampf 2006 zum „Sportler des Jahres“ gewählt.
Und in seiner Heimatprovinz Hubei - die sich rühmt, bereits 13 Olympiasieger hervorgebracht zu haben, mehr als jede andere im Land - ist er schon jetzt ein Held. Er trug als erster Läufer die Fackel, als das olympische Feuer nach Wuhan, der Hauptstadt, kam. Die Strecke war im Gedenken an die Opfer des Erdbebens verkürzt. Yang wusste, was er seiner Stellung schuldig war: „Als Fackelläufer hoffe ich, den olympischen Geist allen Kindern im Erdbebengebiet zu übermitteln, um ihnen Vertrauen und Optimismus zu geben“, sagte er, „und den Glauben, dass man nie aufgeben darf.“
Und die krummen Beine stören dann niemanden mehr
Nicht zuletzt für diese Tugend steht Yang Wei. „Ich weiß, dass der letzte Moment immer der wichtigste ist“, sagt er. Nach der Enttäuschung von Athen schien er all das vergessen zu haben, wollte seine Karriere beenden. Zu seinem Glück - und wohl zu dem des chinesischen Turnens - gibt es aber Yang Yun, Bronzemedaillengewinnerin am Stufenbarren 2000 in Sydney. Sie motivierte ihn weiterzumachen, „sie hat mir neuen Mut gegeben, hat mir geholfen, meinen Groll und mein Selbstmitleid zu überwinden“.
Yang Yun empfing ihn am Flughafen, als er 2006 als Weltmeister nach Hause kam - umgeben von Kameras und Fotoapparaten. Yang Yun arbeitet als Ko-Kommentatorin bei Turnübertragungen für das chinesische Fernsehen. Wenn die Olympischen Spiele von Peking vorüber sind, werden Yang Wei und Yang Yun heiraten. Er wird dann wohl Olympiasieger sein, Doppel-Olympiasieger womöglich, vielleicht noch mehr Medaillen an den Einzelgeräten gewonnen haben. Und die krummen Beine stören dann niemanden mehr.