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Reiterin Angelika Trabert „Dann leih’ mir mal dein Bein“

13.08.2008 ·  Die hessische Reiterin Angelika Trabert startet bei den Paralympics. Hindernisse lauern für die 40 Jahre alte Sportlerin überall. So fehlen ihr die Schenkel, mit denen sie dem Pferd die Hilfen geben könnte.

Von Julia Roebke
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Morgens früh um acht ist es noch ruhig in der Reithalle in Herbstein im Vogelsberg. Einzig Angelika Trabert ist mit ihrer Fuchsstute Londria in der Bahn unterwegs. Vor dem Übergang vom Trab zum Galopp schnalzt sie leise mit der Zunge und gibt dem Pferd unmerklich mit einer der beiden Gerten ein Zeichen. Die Schenkel, mit denen sie dem Pferd die Hilfen geben könnte, fehlen der 40 Jahre alten Reiterin, die für Deutschland bei den Paralympischen Spielen vom 6. bis 17. September in Hongkong starten wird. „Aber auch mit Handicap kann man professionell Sport treiben. Man braucht nur Mut“, sagt die lebendige Frau, deren schulterlanges rötlich-blondes Haar perfekt zum Fell des Hannoveraners passt.

Die gebürtige Frankfurterin Angelika Trabert ist dafür das beste Beispiel. Schon im Alter von sechs Jahren saß sie zum ersten Mal auf dem Pferd, seit 1991 ist sie auch international im Reitsport aktiv. Bei drei Paralympischen Spielen, vier Weltmeisterschaften und zwei Europameisterschaften gewann sie insgesamt schon zehn Silber- und eine Goldmedaille. Je nach Schwere der körperlichen Beeinträchtigung werden die behinderten Dressurreiter in die Grade I bis IV eingeteilt. Da der Hessin von Geburt an beide Beine fehlen und sie an der rechten Hand nur drei Finger hat, startet sie international in Grad II. In Deutschland misst sie sich auch mit Reitern ohne Behinderung, auf Turnieren bis zur Klasse M war sie schon erfolgreich.

„So ganz nebenbei muss ich ja auch noch Geld verdienen“

In der Halle galoppiert Angelika Trabert auf dem Zirkel. Kleine Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn. „Schieb‘ sie wieder nach außen“, ruft Trainer Heinrich Brähler. „Dann leih’ mir mal dein Bein“, antwortet die Reiterin kess, und beide lachen. Aus dem Spaß wird jedoch schnell wieder Ernst: „Eigentlich bräuchte sie jetzt für Hongkong noch mal zwei Wochen intensives Training“, sagt Brähler, mit dem Angelika Trabert seit viereinhalb Jahren zusammenarbeitet. „Zumal sie die Stute erst seit etwas mehr als einem Jahr reitet.“ Aber eine nachhaltige Vorbereitung auf die großen Wettkämpfe ist für sie nicht drin. „So ganz nebenbei muss ich ja auch noch Geld verdienen“, sagt Trabert, die in Dreieich wohnt.

Die promovierte Narkoseärztin arbeitet freiberuflich im Rhein-Main-Gebiet und als Angestellte in der Tagesklinik Höchst. Allein für die Spiele in Hongkong muss sie fünf Wochen Urlaub nehmen. „Da braucht man einen verständnisvollen Chef.“ Leider sei es für behinderte Sportler, selbst auf ihrem Niveau, noch immer schwer, Sponsoren zu finden, sagt sie. Und auch die offizielle Förderung der Athleten könne deutlich besser sein. Dankbar ist Angelika Trabert, die für das Hofgut Petersau in Frankenthal startet, jedoch für die Förderung durch den Landessportbund Rheinland-Pfalz. „Nur so war es mir t möglich, dieses Pferd zu kaufen.“

Hilfsmittel müssen genehmigt werden

Trotz aller Widrigkeiten schafft sie es, rund vier Mal in der Woche zu reiten. „Zusätzlich gehe ich noch zweimal Schwimmen, als Konditionstraining“, sagt sie, als sie flink vom Pferderücken auf die Bande der Reitbahn und von dort in ihren Rollstuhl klettert. „Meine Rücken- und Bauchmuskulatur sind durchs Reiten stark ausgebildet“, erzählt Angelika Trabert, „das hilft mir beim Laufen mit den Prothesen.“ Diese nutzt sie bei der Arbeit, zum Reiten legt sie die Prothesen aber schon lange beiseite. „Mit den Dingern scheuere ich mir alles wund.“

Über die Jahre hat sich Angelika Trabert eine eigens für sie angefertigte Reitausrüstung zusammengestellt. Der Sattel ist ihr ganzer Stolz. Er wurde speziell von einem Sattelhersteller für sie angefertigt und gibt Reitern ohne Beine besseren Halt. „Die Pferde können mit mir alles machen, nur keinen Satz zur Seite, dann liege ich unten“, sagt sie. Für die zweite Gerte, die sie in der rechten Hand schlecht halten kann, hatte sich ihr Freund etwas einfallen lassen: Die spezielle Halterung ist Marke Eigenbau. Natürlich müssen alle Hilfsmittel vom internationalen Reitverband FEI vorher genehmigt werden.

Eine quirlige Reiterin

„Man muss erfinderisch sein“, sagt die energiegeladene Sportlerin. Auch wenn „die Chinesen“, wie sie sagt, ihr mit bürokratischen Auflagen schon so manche Steine in den Weg gelegt haben. „Mein portabler Sattelschrank, der mir auch als Aufsteighilfe dient, steht gerade bei mir im Keller.“ Dort werden die Teile aus Holz von Angelika Trabert eigenhändig lackiert. „Sonst darf das gute Stück nicht mit auf die Reise.“ Und auch über eine andere unvorhergesehene Schwierigkeit kann Trabert nur schmunzeln: „2008 werden erstmals die Reiter der Paralympics von denselben Sponsoren ausgestattet wie die Reiter der Olympischen Spiele. Das finde ich super! Doch leider bekomme ich meine Reithosen erst eine Woche bevor für uns die Quarantäne beginnt. Da bleibt mir nicht vier Zeit, die Hosenbeine umnähen zu lassen.“

Auch sonst hat die quirlige Reiterin vor dem Abflug ihres Pferdes am 26. August noch einiges zu tun. So viel wie möglich möchte sie selbst erledigen. „Man darf die vielen Freunde und Helfer nicht zu sehr einspannen.“ Daher wird sie ihr mit acht Jahren noch sehr junges Olympiapferd Londria auch eigenhändig am 18. August in die Quarantänestation nach Aachen fahren. „Die Ankunftszeit ist zwischen neun und zehn Uhr in der Früh, da müssen wir mitten in der Nacht los.“ Ein wenig sorgt sie sich, wie ihre Stute den ganzen Rummel verkraften wird. „Es ist ihr erster Flug, dazu noch der ständige Stallwechsel und zusätzliche Impfungen.“ Nominiert sei seine Schülerin nur mit diesem einen Pferd, sagt Trainer Brähler. „Wenn Londria krank wird, sind die Spiele für Angelika gelaufen. Doch man versuche alles, um die Stute fit zu halten. So habe man sie an das Trinken aus dem Eimer und zusätzliche Elektrolyte im Futter gewöhnt.

In Hongkong stehen drei Prüfungen für Ross und Reiter auf dem Programm: ein Team-Test, eine Championatsaufgabe und die Kür, die an Angelika Traberts 41. Geburtstag stattfinden wird. Einen gelungenen fliegenden Galoppwechsel will sie sich selbst zum Geschenk machen. Und dann vielleicht noch eine Medaille. „Die wäre mal wieder dran.“

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