17.08.2008 · Carolina Klüft über den Erfolgsdruck, Motivationsprobleme und Frauen, die wie Monster aussehen
Carolina Klüft ist eine Ausnahmeathletin der internationalen Leichtathletik. Die 25 Jahre alte Schwedin ist in 19 Siebenkämpfen seit dem 22. Juli 2001 unbesiegt. Klüft gewann Olympia-Gold 2004 in Athen, wurde dreimal Weltmeisterin und zweimal Europameisterin. Aber nun geht sie in Peking nur noch im Dreisprung (an diesem Sonntag) und im Weitsprung (am Freitag) an den Start.
Sie sind das größte Idol Schwedens. Der Druck der öffentlichen Erwartungshaltung muss immens sein.
Bin ich das? Es gibt hier so viele großartige Athleten und Künstler. Ich weiß nicht, ob die alle nur die Klüft super finden. Ich kann allerdings verstehen, dass die Leute so viel von mir erwarten, wenn du so viele Jahre so erfolgreich bist. Das Problem ist: Der Druck lässt ja nicht nach, der ist immer da. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen, um nicht verrückt zu werden.
Sie haben im März erklärt, dass Sie in Peking nicht im Siebenkampf, sondern nur im Weit- und im Dreisprung an den Start gehen werden. Das hat viele überrascht.
Ich habe auch eine Menge Respekt bekommen für diese Entscheidung. Klar, alle werden es nie verstehen und hätten in meiner Situation auch nicht so gehandelt. Aber viele haben verstanden, dass es das Beste für mich ist. Das war großartig. Die Erwartungen an mich haben sich stark verändert. Früher im Siebenkampf musste es Gold sein, jetzt wissen die Leute nicht mehr, was sie denken sollen.
Sie sind erst 25 Jahre alt, waren sechs Jahre lang unbesiegt und dann der scheinbar willkürliche Verzicht auf eine sichere Goldmedaille. Das ist verwirrend.
Mit dem Alter hatte meine Entscheidung nichts zu tun. Es geht viel mehr um die Jahre, die ich schon im Sport bin. Ich habe meinen ersten Wettkampf bei den Senioren gewonnen, da war ich 19. Es geht mir um Motivation und Inspiration. Beides muss 100 Prozent da sein. Wenn ich nicht einhundert Prozent motiviert bin, dann bin ich nicht bereit für all die Anstrengungen, die ich täglich über mich ergehen lassen muss.
Sie klingen fast ein bisschen desillusioniert, müde.
Ja, ich bin müde. Physisch und mental. Ich brauchte was Neues. Während der letzten Saison habe ich etwas verloren, es war nicht mehr dieselbe Freude da, nicht mehr dieselbe Inspiration. Tief in mir drin spürte ich, dass ich etwas in meinem Leben ändern musste, ich war nicht mehr ehrlich zu mir.
Haben Sie an Rücktritt gedacht?
Das nicht, aber ich entscheide jetzt von Jahr zu Jahr neu. Wenn ich motiviert bin, mache ich weiter, sonst nicht. Ich lebe nur einmal, und ich werde mein Leben sicher nicht mit Sport verbringen, wenn ich keine Lust mehr dazu habe. So wichtig ist der nicht. Familie, Freunde, die Liebe sind viel wichtiger.
Sie hatten über viele Jahre keine ebenbürtige Konkurrentin. Waren Sie schlicht und einfach zu erfolgreich?
Ich glaube nicht, dass man zu erfolgreich sein kann, solange man beide Füße am Boden hat. Es waren verschiedene Ursachen, warum ich mein Gefühl verloren habe. Jetzt bin ich bereit, den nächsten Schritt zu machen, mich neuen Herausforderungen zu stellen. Man kann nicht sagen, dass ich den Siebenkampf am Ende gehasst habe, aber er stand mir bis zum Hals.
Kam nach Ihrer Entscheidung das alte Gefühl wieder zurück?
Die Motivation kam sofort zurück. Ich war vorher ein bisschen nervös und habe mir die Entscheidung viele Male durch den Kopf gehen lassen. Ich wollte einfach sichergehen, dass sie aus meinem Herzen kommt, und nicht, dass ich irgendjemandem einen Gefallen tun wollte. Als ich den Wechsel vollzogen hatte, spürte ich sofort eine totale Inspiration. Ich fühlte mich so ehrgeizig wie lange nicht mehr und bin jetzt wieder bereit, dem Sport die erste Priorität einzuräumen und mein Privatleben für ein paar weitere Jahre hintenanzustellen. Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich mich dazu durchgerungen habe. Diese Entscheidung hat mich noch stärker gemacht, weil sie beweist: Ich lebe meine Philosophie.
Ist eine Rückkehr in den Siebenkampf ausgeschlossen?
Nein, es gibt für mich immer eine offene Tür zurück.
Ihre Mutter war früher eine sehr erfolgreiche Weitspringerin. Hat Sie Ihnen zum Wechsel geraten?
Nein, damit hatte sie gar nichts zu tun. Weitsprung hat mir einfach schon immer am meisten Spaß gemacht. Und es ist sicher die Disziplin, bei der ich weiß, dass ich mich noch am meisten verbessern kann. Ich mag Hochsprung auch, aber ich denke, ich bin wohl schon so hoch gesprungen, wie ich kann. Da ist nicht viel mehr drin. Da habe ich im Weitsprung sicher noch ganz andere Möglichkeiten.
Was haben Sie sich für Peking als Ziel gesteckt?
Hingehen und in der besten Form aller Zeiten sein. Ich hatte eine klasse Vorbereitung, ein tolles Trainingslager, super Wettkämpfe davor. Ich will in Peking weiter springen als je zuvor in meinem Leben.
Und die Leute erwarten wieder Gold!
Was die Leute von mir erwarten, ist nicht das Gleiche, was ich von mir erwarte. Ich habe noch nie über Medaillen, Siege oder Gold oder Weltrekorde gesprochen. Der Weltrekord von Jackie Joyner-Kersee im Siebenkampf war für mich nie eine persönliche Motivation. Ich will meine persönliche Bestleistung brechen, darum geht es.
Und die Trainingsergebnisse geben Ihnen recht?
Absolut. Im Training lief es sehr gut. Ich habe meine Technik umgestellt, und ich habe mich deutlich verbessert.
Sie haben mal gesagt, Sie trainieren auf den „perfekten Wettkampf“ hin. Sind Sie der Perfektion zumindest schon mal nahe gewesen?
Das soll ich gesagt haben? Ich benutze eigentlich nie das Wort „perfekt“. Das hat im Sport nichts zu suchen, so was gibt es doch gar nicht. Und selbst wenn, ich würde sie gar nicht als solches erkennen. In Osaka bei der Weltmeisterschaft hatte ich meinen besten Siebenkampf überhaupt, ich hatte nach vier Jahren wieder meine persönliche Bestleistung gesteigert, das war mein Ziel. Ich war sehr glücklich, dass mir das noch mal gelungen war. Aber perfekt? Was soll das sein?
Von der scheinbaren Perfektion im Sport hin zum Doping-Missbrauch ist es nur ein kleiner Schritt. Hat Ihnen das Dauerthema der Leichtathletik oft die Lust an Ihrem Sport genommen?
Nein, das kann man eigentlich so nicht sagen. Das hat mit meiner persönlichen Motivation nichts zu tun. Ich mache Sport nur für mich selbst. Ich arbeite hart und versuche, für einen sauberen Sport zu kämpfen. Ich mache alle Untersuchungen, sie können kommen und mich testen, wann immer sie wollen. Aber natürlich ist es traurig für den Sport, es ist traurig für die Menschen, es ist traurig für die sauberen Athleten, dass Doping eine so große und zentrale Rolle einnimmt in der Leichtathletik. Mein großer Traum ist, dass unser Sport sauber wird. Dass wir eines Tages sagen können: Wir sind dopingfrei! Daran glaube ich fest.
Sie selbst waren, trotz Ihrer unglaublichen Erfolge, bis dato immer unverdächtig, was Doping angeht. Sie gelten als die mustergültige Superathletin. Wie haben Sie das angestellt?
Ich verstehe Sportler nicht, die sich dopen. Für mich ist das so, als würde ich ein Verbrechen begehen. Es ist illegal, aber leider glauben immer noch viel zu viele, es handele sich um ein Kavaliersdelikt. Wahnsinn! Wir brauchen sehr schnell einen sauberen Sport, denn was würde denn passieren, wenn sich alle was einwerfen? Ein Zirkus voller Frankensteins? Frauen, die aussehen wie Monster? Sie gefährden ihr eigenes Leben, sie ruinieren ihre Gesundheit. Das ist verboten! Es ist ein Verbrechen! Und: Es ist gegen die Regeln. So einfach ist doch der Sport: Beachte die Regeln, und du darfst mitspielen. Mein Gott noch mal!
Aber die Liste der prominenten wie namenlosen Athleten, die überführt sind, ist lang.
Ja, ich weiß, und das macht mich sehr wütend. Die Liste der Menschen, die Verbrechen begehen, ist ebenfalls sehr lang. Das ist ebenfalls sehr traurig, aber wir hören deshalb nicht auf, sie zu verfolgen. Wir müssen den moralisch schwachen Athleten eine Alternative aufzeigen, ich auch ganz persönlich. Wir müssen zeigen, dass wir komplett anders gestrickt sind. Wir müssen zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, sauber zu sein und spitze. Wir müssen zeigen, dass es nicht okay ist, ein Doping-Verbrechen zu begehen, und wir Athleten müssen unsere Stimme noch viel lauter zu Gehör bringen. Ich habe oft den Eindruck, alle reden über das Thema, und von uns hört man nichts dazu, bis der Nächste überführt ist.
Haben Sie Ihren Siebenkampf-Kolleginnen immer und zu jeder Zeit vertraut?
Ich gehe natürlich nicht herum und verdächtige wahllos Menschen oder meine Konkurrentinnen. Du vielleicht oder du? Meine Einstellung ist: Solange jemand nicht überführt ist, ist er sauber. So einfach ist das. Ich bin nicht die Drogenpolizei.
Haben Sie das Gefühl, dass Sie der Öffentlichkeit beweisen müssen, dass Sie sauber sind?
Es ist schwer für mich, das zu beweisen. Das tut mir selbst leid. Ich kann nur sagen, dass ich oft getestet werde, im Training, vor oder nach Meisterschaften. Aber was heißt das schon? Ich kann nur bei meinem Leben schwören, dem Leben meiner Familie und meiner Freunde: Ich bin total clean! Ich hoffe, die Leute glauben mir. Ich kann auch beschwören, dass alle schwedischen Spitzenleichtathleten frei von Doping sind. Das weiß ich. Für mich ist das eine große Hoffnung. Denn die alle haben schon bewiesen, dass es möglich ist, der Beste der Welt zu sein, ausschließlich mit harter Arbeit, totaler Hingabe und Ehrlichkeit. Das ist das Licht, das mich führt.