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Guo Jingjing Königin und Leibeigene der Volksrepublik

21.07.2008 ·  Wasserspringerin Guo Jingjing ist die populärste und bestbezahlte chinesische Sportlerin. Für sie beginnt die große Freiheit wohl erst nach den Olympischen Spielen in ihrer Heimat.

Von Bernd Steinle
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Eigentlich kann man Guo Jingjing kaum erkennen. Was man sieht, sind Köpfe, Mützen, Hüte und Digitalkameras, mitsamt den zugehörigen Chinesen. Was man in dem Gedränge nicht sieht, ist die Person, um die sich alles dreht, ist Guo Jingjing. Man wundert sich ein bisschen, warum sich jemand bemüßigt fühlt, ein so unspektakuläres Video ins Internet zu stellen, und man wundert sich noch mehr, wenn man sieht, dass selbst ein solches Video mehr als 1100 Mal angeschaut worden ist. Andererseits geht es hier nicht um irgendwen. Es geht um Guo Jingjing.

Guo Jingjing, 26 Jahre alt, 1,63 Meter groß, 49 Kilogramm schwer, ist Wasserspringerin. Und die populärste, bestbezahlte chinesische Sportlerin. In Deutschland wäre diese Kombination unmöglich. In China ist sie selbstverständlich. Wasserspringen ist nationale Herzenssache, wie Turnen, Tischtennis oder Volleyball. Bei den Olympischen Spielen in Athen gewannen die Chinesen in acht Wettbewerben sechsmal Gold.

Guo Jingjing - ein Kind des Systems

Als der amerikanische Fernsehsender NBC mit all seinem Geld erreichte, dass die Schwimmfinals bei den Spielen 2008 in Peking zur amerikanischen Primetime angesetzt wurden, und damit am chinesischen Vormittag, ging das für die Chinesen gerade noch hin. Beim Wasserspringen freilich hörte der Spaß auf. Da gab es nichts zu verhandeln. Um Gold gesprungen wird in Peking abends. Zur chinesischen Primetime.

„Die körperliche Ausbildung hat in China von jeher einen hohen Stellenwert“, erklärt Lutz Buschkow, Bundestrainer der deutschen Wasserspringer, die Bedeutung seines Sports im Reich der Mitte. Kampfkunst und Akrobatik sind andere Beispiele, bei denen extreme Körperbeherrschung, gewissenhafte Trainingsarbeit und über lange Jahre perfektionierte komplexe Bewegungsabläufe eine wichtige Rolle spielen. Bei den Wasserspringern kommt dazu ein „ausgeklügeltes Nachwuchskonzept“, so Buschkow, in dem schon Sechsjährige gezielt gesichtet und gefördert werden.

Guo Jingjing ist ein Kind dieses Systems. Und gleichzeitig sein Idealtyp, seine Vollendung. „Sie ist vom Ansehen und vom Auftreten her eine Persönlichkeit“, sagt Buschkow. „Mit den Meriten, die sie hat, ist sie die absolute Königin im Wasserspringen.“ Guo Jingjing war sechs, als sie mit dem Wasserspringen begann, im Baoding Trainingszentrum in der Provinz Hebei. Mit elf rückte sie ins Nationalteam auf, zwei Jahre später, im September 1995, im Alter von noch nicht mal 14 Jahren, gewann sie in Atlanta ihr erstes Weltcup-Springen. Ein Jahr darauf begann am selben Schauplatz ihre olympische Leidensgeschichte. Angereist als Riesentalent, als Goldhoffnung, kam sie bei den Spielen in Atlanta über Rang fünf nicht hinaus.

Sie sei zu nervös gewesen, sagte sie später, sie habe noch gezittert, als sie schon oben auf dem Turm stand. Die nächste Chance kam 2000 in Sydney. Da war Guo Jingjing nicht mehr die Goldhoffnung, sie war die Goldfavoritin. Doch ein Fehler kurz vor Schluss bedeutete das Ende aller Träume. Guo Jingjing wurde Zweite, Silbermedaillengewinnerin vom Dreimeterbrett, eigentlich aber doch nur Goldmedaillenverliererin. Als sie auch noch im Synchronwettbewerb zwei Russinnen unterlag, gerieten die Spiele von Sydney endgültig zum Desaster. Sie wollte aufhören, nichts mehr mit dem Wasserspringen zu tun haben.

Politische Turbulenzen

Ein Jahr später war sie zurück. Guo Jingjing wurde Weltmeisterin 2001 vom Dreimeterbrett, im Einzel- und im Synchronwettbewerb, wie auch 2003 und 2005 und 2007. Nie zuvor hatte eine Wasserspringerin die beiden Titel viermal nacheinander gewonnen. Doch vor den Olympischen Spielen in Athen kam der nächste Tiefschlag: Beim Grand Prix im Mai 2004 in Atlanta fiel sie vom Brett, einfach so. Eine Unachtsamkeit, ein Blackout. Der Bauchplatscher war wie eine kalte Dusche, ein Weckruf, wie leicht auch die Spiele in Athen trotz aller Dominanz zur dritten großen Enttäuschung ihrer Karriere werden könnten. Sie nahm die Warnung ernst. In Athen fand sie sich am Ziel aller Wünsche wieder: Sie wurde Olympiasiegerin vom Dreimeterbrett, im Einzel- und im Synchronspringen.

Kaum sportlich auf dem Gipfel, geriet Guo Jingjing in politische Turbulenzen. Der Triumph in Athen brachte nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch jede Menge Werbeverträge. Guo Jingjing wurde zur nationalen Traumfigur, zur Identifikationsgestalt der Massen: Sie war jung und schön, sie war erfolgreich, sie war die Beste der Welt in ihrem Sport, sie stand für sozialen Aufstieg und für wirtschaftlichen Erfolg. Also posierte Guo Jingjing für Modelabels und Kosmetikfirmen, für Coca-Cola und McDonald's und für vieles mehr. Mit dem Wasserspringer Tian Liang, ebenfalls Olympiasieger in Athen, mit dem sie eine enge Beziehung verband, nahm sie für einen Getränkehersteller einen Spot auf, in dem die beiden „Romeo und Julia“ nachspielten.

Ein Leben an der Schnittstelle

Das muntere Treiben ging so lange, bis es dem Sportministerium zu bunt wurde. Und die Bürokraten die kurzzeitig entglittene Kontrolle wieder an sich rissen. Anfang 2005 tauchten Guo Jingjing und Tian Liang nicht mehr im Aufgebot des Nationalteams auf. Für Tian blieb die Tür zu, er beendete seine Laufbahn, baute in der Folgezeit eine Springerschule auf, drehte Fernsehsendungen und Werbespots. Guo Jingjing ging in sich, fand dort viel zu bereuen und übte öffentlich Selbstkritik: Das Team sei ihre Familie, sie wolle ein Vorbild für die Jugend werden, sagte sie, und: „Ich gehöre dem ganzen Land.“ Das tut sie buchstäblich.

Sie ist in Anzeigen und auf Werbetafeln zu sehen, sie füllt Klatschspalten und Gesellschaftsmagazine. Sie springt zum Ruhme Chinas und verkauft nebenher BigMacs. Rund die Hälfte ihrer Werbeeinnahmen geht dabei anteilig an Trainer, Mannschaft, Staat und Heimatprovinz. Die Kräfte sind sorgsam ausbalanciert. Guo Jingjing führt ein Leben an der Schnittstelle zwischen dem chinesischen Sporthelden alten Stils, der vor allem dem System verbunden war, das ihn hervorgebracht hat, und dem chinesischen Sportstar der Zukunft, der sein enormes Marktpotential erkennt und ausreizt, der die Chancen ergreift, die ihm seine Popularität eröffnet, und der am öffentlichen Interesse Gefallen findet - und von ihm profitieren will.

Arrogant und unhöflich?

Die Gratwanderung ist zuweilen heikel, Guo Jingjing hat das erfahren. Auf der einen Seite stehen die Ansprüche von Staat und Nation. Bei den Spielen im eigenen Land möchte China glänzen, auch im Medaillenspiegel. Die Wasserspringer gelten da als verlässlichste Kandidaten, und das heißt für Guo Jingjing: Alles andere als Gold ist eine Enttäuschung. Auf der anderen Seite spürt sie die Begleiterscheinungen der Marketingmaschinerie - die Promibegeisterung, die Paparazzi, die Skandalreporter. Mal ist die „Diving Diva“ angeblich mit dem reichen Hongkonger Playboy Kenneth Fok verlobt, dann haben sich die beiden wieder getrennt, mal ist sie kurzzeitig schwanger.

Die Falschmeldungen ärgerten sie, sagt sie, egal, was sie sage, die Reporter schrieben sowieso, was sie wollten. Da könne sie ja gleich den Mund halten. Das erwies sich freilich auch nicht als Königsweg. Als sie auf der Pressekonferenz nach einem olympischen Testwettkampf die Journalisten kühl abblitzen ließ und auf vier Fragen in ganzen zwanzig Worten antwortete, wurde sie von der heimischen Presse als arrogant und unhöflich gegeißelt.

Perfekte Sprünge, perfekte Sätze

Doch Druck ist für Guo Jingjing nichts Neues. Manchmal wirkt es, als sei ihr ganzes Leben auf diesen Wettkampf bei den Olympischen Spielen in Peking ausgerichtet. Danach, hat sie angekündigt, will sie ihre Karriere beenden. Sieben Tage die Woche trainiere sie für die Spiele, sagte sie dem amerikanischen Sender CNN, „es ist hart, aber das ist unsere Aufgabe“. Zumal die Konkurrenz aufgeholt hat. Das Niveau sei insgesamt gestiegen, sagt die Trainerin Zhou Jihong, „unser Vorteil ist längst nicht mehr so groß wir früher.“ Und dass Guo Jingjing immer noch nicht unfehlbar ist, zeigte das Weltserien-Springen in Nanjing im Mai: Da schied sie nach einem schweren Patzer im Vorkampf aus. Das änderte nichts daran, dass für viele Chinesen die Goldmedaillen vom Dreimeterbrett fest vergeben sind.

Eigentlich kann man Guo Jingjing kaum erkennen. Was man sieht, sind perfekt einstudierte Sprünge, was man hört, perfekt einstudierte Sätze, man sieht Fotos und Filme, hört Geschichten und Gerüchte. Was man kaum sieht, ist der Mensch Guo Jingjing. Für den beginnt die große Freiheit wohl erst nach den Olympischen Spielen in Peking. Wenn die Goldmedaillen verteilt sind, wenn ihre sportliche Karriere vorbei ist, sie nicht mehr dem ganzen Land etwas schuldig ist. Dann erst wird Guo Jingjing nach zwanzig Jahren Wasserspringen ins wirkliche Leben eintauchen.

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