Home
http://www.faz.net/-g8r-10256
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Vielseitigkeit Auf dem Sprung zur Goldmedaille

12.08.2008 ·  Ingrid Klimke auf Abraxxas und Hinrich Romeike aus Marius geben Hoffnung: im Dreiteiler aus Dressur, Querfeldeinritt und Springen liegen die beiden deutschen Reiter vorn. Auch der Mannschaftstitel ist in greifbarer Nähe.

Von Hans-Joachim Leyenberg, Hongkong
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Barfuß, mit Schirm und in Shorts war Hinrich Romeike noch einmal die Strecke abgegangen. Es wurde eine Inspektion des Pfades zum Erfolg: 4560 Meter lang, gespickt mit 29 Hindernissen, die 39 Sprünge erforderten, zu absolvieren in acht Minuten - im Sattel eines Pferdes. In der frühen Morgenstunde, kaum dass die Dämmerung dem vollen Tageslicht gewichen war, übertönte schon das Geräusch eines Hubschraubers all jene, die in diesem Revier sonst den Ton angeben: Grillen, Frösche und Rennpferde aus Hongkong, die hier, gut dreißig Kilometer von der Rennbahn entfernt, ihre Sommerfrische genießen.

Doch am Montag ließ nicht nur der Hubschrauber die Galopper ihre Hälse recken. Von den Stallungen aus wurde ein Auftrieb wie noch nie geboten. Die internationale Elite der Vielseitigkeitsreiter ermittelte unter 69 Konkurrenten ihren Reiter mit dem goldenen Auge samt Pferd mit dem siebten Sinn. Nach erfolgtem Casting bot sich der Zahnarzt Hinrich Romeike aus Nübbel bei Flensburg mit seinem Holsteiner-Schimmel Marius an.

Romeikes rasantes Überholmanöver

Im Dreiteiler aus Dressur, Querfeldeinritt und dem an diesem Dienstag abschließenden Springen im Parcours , führt die deutsche Kombination aus dem Norden das Feld vor der Münsteranerin Ingrid Klimke mit Butts Abraxxas und der Amerikanerin Megan Jones mit Irish Jester an. Doch der Vorsprung ist nur knapp, das Trio trennt in der Zwischenwertung, gemessen am Punktestand, nicht ein einziger Springfehler.

Das rasante Überholmanöver von Rang sieben in der Dressur auf Platz eins in der Gesamtwertung spricht schon mal für Romeike und damit auch für das deutsche Team. Das hat nämlich Australien überholt und die Distanz zu den Briten gewahrt. „Alles ist möglich, aber leider auch unmöglich“, sagte Ingrid Klimke mit Blick voraus auf Akt drei. Aber sie tat es mit den strahlenden Augen eines Kindes, das auf die Bescherung wartet. Mit Andreas Dibowski (Egestorf) auf Rang acht gibt es zudem einen weiteren Solisten im Verbund, der zweifache Medaillenhoffnungen hegen darf.

Loblieder auf die Vierbeiner

Natürlich stimmten alle Reiter ein Loblied auf ihre Vierbeiner an. Dibowski, der sich mit dem Attribut „klein und pfiffig“ für seinen Hannoveraner Butts Leon vollauf bestätigt sah. Pferdemeisterin Ingrid Klimke sowieso, die ohnehin über „Braxxi“ (Halbbruder von Leon) spricht, als sei sie mit ihm liiert. Der Warendorfer Frank Ostholt (12. mit Mr. Medicott) war schon deshalb „super zufrieden“ mit dem Neunjährigen aus irischer Zucht, weil er gegenüber der Dressur neun Plätze gutgemacht hatte. Im deutschen Lager blickte nur Peter Thomsen betrübt drein. Sein Ghost of Hamish war am vorletzten Hindernis vorbeigerannt. Das kostete Strafpunkte und zudem noch Zeit, so dass der Starter aus Lindewitt das Streichresultat lieferte.

Eine Verweigerung hat sich Romeikes Schimmel Marius in seinen bislang 23 absolvierten schweren Prüfungen nicht ein einziges Mal geleistet. Mit dem Gleichmaß eines Uhrwerks springt er jeden Geländeparcours, wo immer er aufgestellt wird. Ihm haben weder 29 Grad Celsius, 95 Prozent Luftfeuchtigkeit, UV Index 2 noch die vom Wetteramt Hongkong gemeldete mittlere bis hohe Luftverschmutzung etwas anhaben können. „Er war immer schneller im Kopf als ich“, stellte sein Reiter einen Vergleich zu seinen Ungunsten an, „ich musste ihn nirgendwo retten.“ Doch auch für den Fall des Falles war Romeike gewappnet, hatte kurz vor dem Start eine Extrarunde gedreht, um sich jede Wendung, das ständige Auf und Ab, rechts oder links einzuprägen. Als er erst mal im Sattel war, galoppierte und sprang Marius mit einem Selbstverständnis, als bedürfte er keines Piloten. Ein paar Strafpunkte wegen Zeitüberschreitung fielen nicht weiter ins Gewicht, weil an diesem Tage niemand innerhalb des vom Parcoursbauer Michael Etherington-Smith gesetzten Limits blieb.

Alle Pferde gesund im Stall

Mit seiner Linienführung voller Ecken und Kanten hatte der Engländer auf dem für die Vielseitigkeitsreiter umfunktionierten Golfplatz ein Geschwindigkeitslimit erzwungen. Die Prüfung war schwer genug für die Könner, aber leicht genug für all jene, die das erste Mal einem Niveau von olympischem Kaliber, zumal unter ungewohnten klimatischen Voraussetzungen, begegneten. Acht Pferde kamen nicht ins Ziel, aber gesund und munter in den Stall. Es war eigens eine Lex Hongkong geschaffen worden: Nicht nur der Sturz eines Pferdes, auch der Fall des Reiters bedeutete zugleich das Ende der Tour durch die Natur.

Prinzessin Haya von Jordanien, die Präsidentin der Internationalen Reiterlichen Vereinigung, sprach hernach, als die Eindringlinge im Reich der Golfer, Libellen und Frösche bereits auf dem Rückzug waren, von einem „gelungenen Tag für die Vielseitigkeitsfamilie“. Diese war erst am Samstag wieder durch eine Hiobsbotschaft aus Großbritannien aufgeschreckt worden. Dort war die 23 Jahre alte Engländerin Emma Jonathan bei einer Geländeprüfung ums Leben gekommen. Zwei Tage später war nichts vergessen, aber verdrängt. Und weitere gut dreißig Stunden später werden Reiter und Reiterinnen auf der obersten Stufe des Podestes stehen, das für ihre Passion, die Vielseitigkeit, zeitlebens die Krönung bleibt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1943, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge