14.08.2008 · Christine Brückner stand einst im Fußballtor. Dann lernte sie einen Schützen kennen, versuchte es im Skeet - und hat nun die Bronzemedaille gewonnen: „Für mich ist sie Gold wert. Ich war schon glücklich, im Finale zu stehen.“
Von Elisabeth SchlammerlAm Ende war alles nass. Sogar in den Schuhen stand das Wasser. Aber Christine Brinker merkte nichts davon. Ihr ging es nur um das Gewehr, damit das nicht zu viel abbekam von dem Regenguss, der am Donnerstag während des Skeet-Finales im Westen von Peking niederging. „Ich habe versucht, mit dem Handrücken den Regen abzuhalten. Wenn das Gewehr nass wird, ist es, wie wenn man einen Fisch in der Hand hält.“ Aber ihr entglitt nichts an diesem Tag. Weder die Flinte noch die Medaille, nach der sie schon zu Beginn des Finales gegriffen hatte. Die 27 Jahre alte Sportsoldatin aus Ibbenbüren bescherte mit Bronze dem Deutschen Schützenbund am sechsten Tag die zweite Medaille.
Fast hätte Christine Brinker es noch weiter nach oben auf dem Podest geschafft. Denn drei Damen lagen am Ende des Skeet-Finales mit 93 Punkten gleichauf an der Spitze und mussten somit in einem Stechen die Farbe ihrer Medaillen ausschießen. Christiane Brinker schoss zweimal daneben, einmal mehr als Kimberly Rhode aus den Vereinigten Staaten, die somit Silber gewann, und zweimal öfters als die Italienerin Chiara Cainero, die neue Olympiasiegerin. „Für mich ist die Bronzemedaille Gold wert. Ich war schon glücklich, im Finale zu stehen“, sagte die Deutsche.
Im Fußball-Tor von Schwarz-Weiß Esch
Sie hätte allerdings gar nicht so bescheiden auftreten müssen bei ihren ersten Olympischen Spielen. Immerhin war sie vor knapp einem Jahr Weltmeisterin in dieser Disziplin geworden und hatte im Juli auf Zypern bei der Europameisterschaft Silber gewonnen. Außerdem ist es bisher in ihrer Karriere noch nie abwärts, sondern immer nur aufwärts gegangen, langsam aber kontinuierlich. Immerhin begann sie erst 2001 mit dem Schießsport. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihre nur zwei Jahre ältere Konkurrentin Kimberly Rhode bereits zwei olympische Goldmedaillen gewonnen.
Vor acht Jahren lernte Christine Brinker Tino Wenzel kennengelernt, damals schon ein guter Skeet-Schütze, jetzt ist er ihr Lebensgefährte. Anfangs konnte sie nicht viel anfangen mit dem Sport ihres neuen Freundes. Sie hatte damals gerade ihre Karriere im Fußball-Tor des Kreisligaklubs Schwarz-Weiß Esch beendet. Mehr zum Spaß griff sie dann doch mal zur Flinte - und fand Gefallen daran. Schnell stellte sich heraus, dass sie hochtalentiert ist.
„Ich habe das Talent, die Ratschläge umzusetzen“
Zwei Jahre später kündige sie ihren Job als Arzthelferin und wechselte in die Sportfördergruppe der Bundeswehr. Nebenbei absolviert sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin, taucht bei jedem Wettkampf und bei jedem Lehrgang mit Büchern im Gepäck auf. „Wenn ich nur Sport treiben würde, fiele mir ja die Decke auf den Kopf.“ Mittlerweile ist sie erfolgreicher als ihr Freund, der an diesem Samstag im Skeet-Wettbewerb um Medaillen kämpft, allerdings gehört er nicht zu den Favoriten. Dass sie gemeinsam in Peking starten können, damit sei „ein Lebenstraum“ in Erfüllung gegangen, sagt Christine Brinker.
Den Wettkampf seiner Freundin verfolgte Tino Wenzel natürlich am Schießplatz und war dann auch einer der ersten Gratulanten. Daheim ist er ihr Trainer, inoffiziell, denn natürlich gibt es beim SSC Schale einen offiziellen Betreuer. „Aber er sieht mich Tag für Tag. Er sieht die Fehler, die ich mache. Er hat die Fähigkeit, die Schrotgarbe zu verfolgen und mir damit genau zu sagen wo ich getroffen habe oder wo vorbei geschossen. Und ich habe das Talent, die Ratschläge umzusetzen.“ Fehler schleichen sich so erst gar nicht ein.
„Wir haben ein Dach über dem Schießstand“
Am Donnerstag musste Tino Wenzel kaum eingreifen, schon in der Qualifikation präsentierte sich Christine Brinker fast fehlerfrei und erstaunlich nervenstark. Ganz anders war es ihr in den Tagen zuvor ergangen, „ich war ziemlich aufgeregt“, gibt sie zu. Deshalb suchte sie Rat bei einem der Teampsychologen, den der Deutsche Schützenbund für die Zeit in Peking engagiert hat. Nach vielen Gesprächen schaffte sie es, „positiv an die Sache ranzugehen. Dann kann man keine Angst aufbauen.“
Sie ließ sich nicht ablenken von Gedanken an eine Medaille nach der Qualifikation, sie ließ sich auch nicht beeinflussen von den widrigen Wetterbedingungen, mit denen aber fast alle der sechs Finalistinnen erstaunlich gut zurechtkamen. Am meisten Schwierigkeiten hatte die Chinesin Wei Ning, die nach der Qualifikation noch gleichauf mit Christine Brinker gelegen hatte, dann aber viermal die Wurfscheibe verpasste.
Die Olympiasiegerin führte die Gelassenheit im Umgang mit dem Nass und dem zeitweise heftigen Wind auf ihre Vorbereitung zurück. „Ich komme aus Friaul, da regnet es häufig, und ich muss bei Regen trainieren“, sagte Chiara Cainero, die vor vier Jahren in Athen auf dem achten Platz gelandet war. Christine Brinker ist derartige Nässe eigentlich nicht gewohnt. „Wir haben bei uns daheim ein Dach über dem Schießstand.“