14.08.2008 · Ein paar Sekunden nachdem ihn der Russe Aslanbek Chuschtow durch die Luft gewirbelt hatte, war Mirko Englich enttäuscht. Dann genügte ein Blick zu seiner Frau auf der Tribüne, und er schaltete um auf Begeisterung.
Von Michael Horeni, PekingEin paar Sekunden nachdem ihn der Russe Aslanbek Chuschtow durch die Luft gewirbelt hatte, war Mirko Englich enttäuscht. Das musste einfach so sein nach einem verlorenen Kampf um die Goldmedaille. Aber selten zuvor hat es ein Verlierer eines olympischen Finals wohl geschafft, so schnell von Traurigkeit auf grenzenlose Begeisterung umzuschalten. Für Mirko Englich genügte ein Blick auf die Tribüne, und als er dort seine Frau und die deutsche Fahne entdeckte, „da konnte ich einfach nicht mehr enttäuscht sein“.
Wenn man Mirko Englich kurz nach dem Kampf ins Gesicht schaute, musste man wirklich nicht den Verdacht hegen, dass da ein Sportler der Öffentlichkeit und sich selbst Zufriedenheit nach einem verlorenen Finale nur vorspielen wollte. Mirko Englich sah aus, als würde er vor Stolz und Freude gleich platzen. Er strahlte und strahlte und strahlte.
Bislang war Yvonne die Erfolgreiche im Haus
Die Silbermedaille, die Englich in der Klasse bis 96 Kilogramm im griechisch-römischen Stil nun mit nach Witten nehmen kann, gilt in internationalen Ringerkreisen als Sensation. Nicht aber für seine Frau. „Sie hat mir das Versprechen abgerungen, dass ich in Peking eine Medaille gewinne“, sagt Mirko Englich nach einer Erfolgsstory, die vor allem eine Familiengeschichte ist.
Seine Frau Yvonne war bis gestern nämlich die erfolgreichere Sportlerin im Hause Englich. Und wenn das Leben ein bisschen anders gelaufen wäre, dann hätte nicht Mirko Englich die erste Medaille für den Deutschen Ringer-Bund seit zwölf Jahren gewonnen, sondern vielleicht seine Frau. Aber vor eineinhalb Jahren kam ihr gemeinsames zweites Kind auf die Welt, und da mussten sie sich irgendwann entscheiden, wie sie Familienleben, Beruf und Ringen unter einen Hut kriegen sollten.
„Ohne sie hätte ich es nicht geschafft“
In der Schwangerschaft entschloss sich das Familien-Ringerunternehmen dann, dass nur Mirko Englich die Olympischen Spiele in Angriff nimmt. „Ich hätte ja auch zu Hause bleiben können und mich um die Kinder kümmern können. Aber Yvonne hat es gemacht, und dafür musste ich eine Medaille mitbringen“, sagte er nun mit dem silbernen Teil des Familiendeals um den Hals.
Yvonne Englich hatte es bei der Junioren-Weltmeisterschaft schon auf den zweiten Platz gebracht, und sie ist immer noch deutsche Meisterin, obwohl sie kürzergetreten ist. „Ohne sie hätte ich es nicht geschafft“, sagt Mirko Englich strahlend, und das nicht nur, weil sie für seine Karriere sportlich zurücksteckte: „Sie tritt mir auch immer in den Hintern, und das brauche ich auch manchmal.“
Unerwarteter Siegeszug
Angefeuert von seiner Ehefrau und den beiden Kindern Noah und Lotta startete Englich im Agricultural University Gymnasium einen bis auf für ihn und seine Frau ungeahnten Siegeszug. Im Achtelfinale bezwang der achtmalige deutsche Meister den Südkoreaner Han Tae-young, danach setzte er sich gegen den Albaner Elis Guri durch, und im Halbfinale schlug er nach einer starken Vorstellung den Amerikaner Adam Wheeler.
Erst im Finale hatte er keine Chance gegen den Russen Chuschtow, der ihn auch schon im Finale der Europameisterschaft vor vier Monaten geschlagen hatte. Mit der Silbermedaille hatte Englich, der sich derzeit zum Feuerwehrmann ausbilden lässt, nicht nur seine Familienzusage eingehalten, sondern auch dem Verband erste Hilfe geleistet. „Die Medaille hat ziemlich viel rausgerissen“, sagte er mit Blick auf die Fördergelder, um die der Ringerbund in den letzten Jahren wegen Erfolgsmangels immer wieder bangen musste.
Selbst die Puppen müssen ringen
So wie es bei den Englichs zu Hause zugeht, muss man sich um die Zukunft des deutschen Ringens aber nicht mehr allzu große Sorgen machen. „Es gibt keinen Tag, an dem wir nicht über Ringen reden“, sagt Mirko Englich. Auch für den fünf Jahre alten Noah ist „Ringen das ein und alles. Ich werde kaum vermeiden können, dass er auch Ringer wird“, sagte der Olympiazweite mit dem ganz eigenen Nachwuchsförderprogramm. Bei der eineinhalbjährigen Tochter sieht es auch danach aus, als ob die Ringergene ganze Arbeit geleistet hätte. „Sie spielt mit Puppen“, sagt Mirko Englisch, „aber sie macht mit ihnen Würfe.“
Wenn doch überall die Ringerfamilie so in Ordnung wäre wie bei den Englichs. In der internationalen Ringerszene sieht es etwas anders aus. Vor dem Finale, das den Deutschen trotz der Niederlage so viel Freunde machte, kam es zu einem Eklat. Der Schwede Ara Abrahamian hatte auf der Siegerehrung gar keine Lust mehr auf die Bronzemedaille, die ihm von einem Funktionär umgehängt wurde. Während seine Kollegen in der 84-Kilo-Klasse ihre Medaille erhielten, verabschiedete sich der wütende Schwede vom Podium, nahm seine Medaille und legte sie in der Mitte der Ringermatte nieder - und ging. Er fühlte sich betrogen. Im Halbfinale hatte er gegen den späteren italienischen Olympiasieger Andrea Minguzzi nach einer umstrittenen Entscheidung der Ringrichter verloren. „Die Niederlage war total ungerecht. Die widersprüchlichen Wertungen haben gezeigt, dass die Fila (der Weltverband) nicht fair spielt“, zürnte Abrahamian und verkündete sein Karriereende. „Dieses bronzene Metall ist mir egal - ich wollte Gold.“