13.08.2008 · Nach nur vier Tagen war das Turnier für den Deutschen Boxverband beendet. Vier Kämpfe und vier Niederlagen erreichte des Quartetts aus der Bundesrepublik. Erstmals seit 84 Jahren gibt es keine Medaille für Deutschland.
Von Hartmut Scherzer, PekingSelbst Mauritius, bisher nur als Insel der blauen Briefmarke berühmt, aber wahrlich nicht als Land talentierter Sportler bekannt, ist im Boxen erfolgreicher als Deutschland: Zwei Kämpfe, zwei Siege - das ist die Bilanz der Insulaner aus dem Indischen Ozean. Dagegen stehen vier Kämpfe und vier Niederlagen des Quartetts aus der Bundesrepublik, nachdem als Letzter auch Rustam Rahimow, immerhin Gewinner der Bronzemedaille 2004 in Athen, gescheitert ist.
Das Aus der enttäuschenden vier kam schon in der Vorrunde mit 32 Teilnehmern - und das nicht etwa gegen Favoriten aus Kuba, den Vereinigten Staaten oder Russland. Es war schon ein bisschen peinlich, wie der 33 Jahre alte Routinier Rahimow im Ring umherhampelte und gerade mal zwei gewertete Treffer landete. Die ungestümen, wilden Angriffe des in Kaiserslautern lebenden gebürtigen Tadschiken wurden von dem konzentriert und kompakt boxenden Usbeken Hoorshid Tojibaev immer wieder abgefangen. 2:11 Treffer, davon allein 0:6 in der letzten Runde, dokumentieren die Hilflosigkeit des als Medaillenkandidat eingeschätzten Bantamgewichtlers.
„Nach Olympia muss sich alles ändern“
Seit der Silbermedaille des Halbschwergewichtlers Ernst Pistulla im Jahr 1928 hatten deutsche Boxer stets Medaillen erkämpft. Dieser Nimbus ist dahin. Nach nur vier Tagen war das Turnier für den Deutschen Boxverband beendet. Wie Rahimow waren auch Wilhelm Gratschow (Gifhorn) im Federgewicht von einem Tunesier und Konstantin Buga (Berlin) im Mittelgewicht von einem Ecuadorianer klar besiegt worden. Lediglich Jack Culcay-Keth im Weltergewicht hatte seinen Kampf im Workers' Gymnasium mit einer äußerst unglücklichen Niederlage gegen den Koreaner Kim Jungjoo beendet. Bei gleicher Trefferzahl von 11:11 entschied das nach einem komplizierten Verfahren ermittelte Plus gegen den in Ecuador geborenen Darmstädter.
Schon nach dem „Friedhof von Chicago“, wie das Fachblatt „Boxsport“ die medaillenlosen Weltmeisterschaften - mit zehn Teilnehmern - im vergangenen Jahr bezeichnete, hatte Cheftrainer und Sportdirektor Helmut Ranze angekündigt: „Nach Olympia muss sich alles ändern.“ Nur was? „Ich habe auch keine Zauberformel“, sagte Bundestrainer Adolf Angrick resigniert, als er gebeten wurde, die nun „anstehenden Maßnahmen, die Menge Arbeit und Analysen“ zu konkretisieren. Als hätte Ranze, der dienstälteste Cheftrainer eines deutschen Sportverbandes, geahnt, was in Peking passieren würde, war er zu Hause geblieben. Die beiden Reiseplätze überließ er den beiden Trainern Angrick und Wladimir Pletnew. Auch der Präsident des klammen Verbandes, Friedrich Schupp, hatte auf die Reise aus finanziellen Gründen verzichtet, aber verkündet: „Das Ziel bleiben zwei Medaillen.“
Sein Quartett schlug nicht hart genug zu
Der 64 Jahre alte Angrick, ein Mann, der mit seinem grauen Haarkranz und der Nickelbrille aussieht wie ein Professor, kam mit seiner Lehre bei den Boxern offenbar nicht an. „Es war bekannt, dass es eine neue Linie der Bewertung in Peking geben wird und nur noch deutlich klare Treffer gewertet werden“, sagte der Bundestrainer. Sein Quartett schlug demnach nicht hart genug zu. „Sie hätten so hart einschlagen müssen, dass die Gegner wackeln“, spottete Angrick. „Hier hat nur der Boxer eine Chance, der entweder klar dominiert oder so wuchtig hinlangt, dass den Treffer, auf Deutsch gesagt, auch ein Blinder mit dem Krückstock sieht und keiner dran vorbeidrücken kann.“
Die Klage, dass Kampfrichter auf ihren Zählgeräten Treffer nicht gedrückt hätten, kann sich freilich nur auf den Kampf Culcay-Keths beziehen. „Kurz vor Schluss habe ich noch einen ganz klaren Treffer gesetzt“, sagte Culcay-Keth enttäuscht. Die Kampfrichter hatten es offenbar anders gesehen; das 12:11 wurde nicht angezeigt. Das Amateurboxen, neuerdings olympisches Boxen genannt, ist nun einmal eine seltsame Kampfart geworden. Stil, Strategie, Technik, Bewegung, Ausweichen, Angriff, Verteidigung, Gesamteindruck - das alles zählt nicht. Es gilt allein der Treffer, den drei der fünf Kampfrichter aus vier verschiedenen Perspektiven gleichzeitig sehen und drücken. So wird ein Boxkampf manchmal zum Glücksspiel.
Jack Culcay-Keth, 22 Jahre alter Sohn eines Ecuadorianers und einer deutschen Mutter, liegt der Kampfstil des Latinos im Blut, der bei den Profis eher ankommt. „Die Manager haben bei ihm schon angeklopft“, sagte Angrick und hat bereits die Hoffnung aufgegeben, Culcay-Keth bis 2012 bei der Stange zu halten. Der permanente Abgang der Spitzenboxer zu den Profis ist sein Hauptproblem. „Irgendwann können wir diese Lücken nicht mehr schließen“, beklagte Adolf Angrick. Schon in Peking war dies offensichtlich.