20.08.2008 · Nach dem schlechten Ergebnis im Nationenspringen heißt es für die deutschen Reiter: abhaken und nach vorne blicken. In der Einzelwertung ist noch alles offen, an diesem Donnerstag fällt die Entscheidung.
Von Hans-Joachim Leyenberg, HongkongDie deutschen Springreiter sind kollektiv baden gegangen. Das ist noch kein endgültiges Urteil über deren sportliches Abschneiden in Hongkong, sondern gibt lediglich wieder, was sich am Dienstag zugetragen hat: Man nutzte den wettkampffreien Tag für eine Bootstour. Mit Ausnahme von Meredith Michaels-Beerbaum, die die Gelegenheit wahrnahm, sich mit ihren aus dem Westen der Vereinigten Staaten angereisten Eltern zu treffen.
Also kein Ausscheren aus der Truppe. Das ansonsten komplette Team machte nach zwei Stunden auf dem Wasser halt auf einer Insel. Man hätte sich wie Robinson Crusoe fühlen können, wenn da nicht noch andere Ausflügler in der Nähe gewesen wären. Man ließ den Ball kreisen, mal mit der Hand, mal mit dem Fuß. Im Wasser und am Strand der „Millionärsinsel“. So heißt das gar nicht mal exklusive Eiland. Dort tat man dann das, was man in Filmen von Millionären auf ihren Inseln des Reichtums zu sehen bekommt. Man lässt es sich gutgehen bei einem Barbecue, lässt die Seele baumeln, geht schwimmen und tankt auf.
Hindernisse nehmen, die Rivalen im Parcours abhängen
Das war Sinn und Zweck des Ausflugs für das deutsche Springreiter-Lager in Hongkong. Denn auf der olympischen Reitanlage in Sha Tin, gleich neben der berühmten Rennbahn des Hongkong Jockey Clubs, stehen die deutschen Springreiter noch ohne Medaille da. Das passt nicht in das seit Jahrzehnten immer wieder neu ausgeschmückte, eindrucksvolle Bild von einer Equipe, die den Rest der Welt das Fürchten lehrt. Mit Galgenhumor hielt Verbandschef Breido Graf zu Rantzau nach Platz fünf im Nationenpreis fest: „Unsere Konkurrenten werden uns nun ein bisschen mehr mögen, als wenn wir schon wieder gewonnen hätten.“
Nun ist man nicht gen Asien aufgebrochen, um die Sympathiewertung zu gewinnen, sondern will all das am olympischen Schauplatz abrufen, was übers Jahr immer wieder klappte: Hindernisse nehmen, die Rivalen im Parcours abhängen. Als das Ergebnis im für die Vergabe der Medaillen unverbindlichen Auftaktspringen reichlich bescheiden ausfiel, taten das alle, von Christian Ahlmann bis Meredith Michaels-Beerbaum, als Lappalie ab. Da saß man immer noch auf einem hohen Ross. Ernüchterung stellte sich nach dem ersten Umlauf des Nationenpreises ein, Ratlosigkeit nach dem zweiten. Ludger Beerbaum, zuvor schon an vier olympischen Schauplätzen dabei, gestand ein: „Wir haben total versagt.“ Bundestrainer Kurt Gravemeier, der zuvor als Animateur und Entertainer bei deutschen Siegesfeiern der Fraktion Vielseitigkeit und Dressur eine tragende Rolle spielte, stellte fest: „Das ist die bitterste Niederlage meiner Karriere.“
„Noch einmal Gold, das ist ein großes Ziel“
Schon vor dem Trip auf die tropische Insel machte man sich im betroffenen Kreis zur Devise: abhaken, nach vorne blicken. Das Reglement spielt den deutschen Reitern auf wundervolle Weise in die Karten, denn an diesem Donnerstag, wenn es um die Einzelwertung geht, sind alle zuvor erzielten Resultate null und nichtig. Mit einer Einschränkung: Man musste es in den vorangegangenen Wettkampftagen unter die 35 Besten des olympischen Feldes geschafft haben. Marco Kutscher zum Beispiel hat das Einzelspringen als 43. verpasst. Aber selbst sein Chef Ludger Beerbaum ist als 33. noch gerade so in den Kreis der Qualifizierten aufgenommen worden.
Das ist nicht die Endstation Sehnsucht des Olympiasiegers von Barcelona 1992. Sein Anspruch hört sich anders an: „Olympia ist das Nonplusultra. Noch einmal Gold, das ist ein großes Ziel.“ Seine Schwägerin Meredith Michaels-Beerbaum spricht als Seelenverwandte: „Ich bin zu den Olympischen Spielen gefahren, um eine Medaille zu holen.“ Wenn alle, also auch Christian Ahlmann, der Vierte im Bunde, bislang so solide geritten wären wie die Amazone des Quartetts, hätte es in der Teamwertung für Bronze gereicht.
Ein Taifun ist im Anmarsch
Von jetzt an gilt einer Medaille, egal welcher Couleur, alles Sinnen und Trachten der drei übriggebliebenen deutschen Solisten. Doch es ist schwer vorstellbar, dass Beerbaum & Co noch einmal aus der Tiefe des Raumes hervorkommen. Zumal sich die Nordamerikaner in Hongkong als Springreitermacht präsentieren und auch der Norweger Tony Andre Hansen mit Camiro und der Belgier Jos Lansink mit Cumano glänzende Runden gedreht haben. Deshalb muss einfach eine Gewinnwarnung ausgegeben werden, wenn es um den Stand der deutschen Aktien im Springreiten geht.
Ein Hinweis auf drohende Gefahr wurde schon gesendet: Ein Taifun ist im Anmarsch. So schlimm werde es wohl nicht kommen, sagt der deutsche Delegationsleiter Reinhard Wendt nach Rücksprache mit den Meteorologen in Hongkong. Die Prognose laufe eher auf ein Gewitter oder eine Schlechtwetterfront hinaus. Auf Regen folgt Sonnenschein. So hätten es die deutschen Springreiter gerne. Dafür werden sie allerdings schlicht und ergreifend besser reiten müssen als bislang.