17.08.2008 · Plötzlich stockte Satchmo. Isabell Werth nordete ihn aber wieder ein und liegt deshalb trotz eines groben Patzers auf Rang eins vor Anky van Grunsveen.
Von Hans-Joachim Leyenberg, HongkongWas war nur in Satchmo gefahren? Bilder von früher waren plötzlich aktuell. Der Wallach war einst ein unsicherer Kantonist zwischen Genie und Wahnsinn. Diese Wechselbäder kosteten Isabell Werth den Startplatz bei den Olympischen Spielen in Athen.
Wurden die Gespenster der Vergangenheit wieder lebendig, oder war es nur ein Spuk, ein flüchtiger Schrecken in der Abendstunde? Die Dressurreiterin aus Rheinberg beharrte darauf, dass das gerade Erlebte kein Rückfall in längst vergangen geglaubte Zeiten war: „Das Pferd wird sich doch wohl mal erschrecken dürfen.“
Satchmo wieder eingenordet
An diesem Abend unter Vollmond in Hongkong gelang ihr erst das Krisenmanagement im Sattel, ehe sie auch noch all jene beruhigte, die um ihr Seelenheil bangten. Bei der ersten Piaffe, mitten im Grand Prix Special, brach Satchmo die Lektion ab, machte sogar Anstalten, aus dem Viereck zu flüchten. Aber nach ein paar Sekunden hatte die Weltmeisterin Satchmo wieder eingenordet, „auf Linie gebracht“, wie sie das nennt.
Was den vierzehnjährigen Hannoveraner irritierte, blieb letztlich ein Rätsel. Und Isabell Werth war mit der knappen Führung (75,200 Prozent) vor der Holländerin Anky van Grunsven (74,960) mit Salinero noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. „Shit“, sagte die Dressurqueen, von einer englischen Reporterin um einen Kommentar gebeten. Bisweilen sind Dressurreiter so direkt, wie man es Herrschaften im Frack mit Zylinder nie und nimmer zutraut.
Ganz eng
Isabell Werth war auf dem besten Wege, eine Wertung um die 80 Prozent zu bekommen, weil sie nahe an der Perfektion ritt. Damit wäre ihr die Goldmedaille, die nach der Addition von Grand Prix und der für Dienstag angesetzten Kür vergeben wird, kaum noch zu nehmen gewesen. So bleibt es „ganz eng“, wie Isabell Werth hochrechnete. Diese Sicht der Dinge teilt sie mit Anky van Grunsven, deren Salinero im Special auch seine Macken hatte, im Ausgang der Passage nicht so wollte wie die Reiterin. „Das Dumme ist, es passiert nie im Training“, gab die Holländerin eine Erkenntnis zum Besten, die sie mit anderen teilt.
Besonders komfortabel ist ihre Ausgangsposition, mit Isabell Werth vor sich und Heike Kemmer im Nacken, nun auch wieder nicht. Mit 72,960 Prozent hat die Winsenerin Kemmer eine realistische Chance, erstmals eine olympische Einzelmedaille zu gewinnen. Ihr Wallach Bonaparte präsentierte sich so vital wie längst nicht alle Vierbeiner bei der Spätschicht, die für Isabell Werth als letzter Starterin der Konkurrenz erst nach Mitternacht endete. „Was für eine coole Socke“, entfuhr es Hanfried Haring, dem Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, als Isabell Werth den Grand Prix Special zu Ende brachte, als hätte es den Zwischenfall mit Satchmo nie gegeben.
Elvis „war eigentlich super drauf“
Zu diesem Zeitpunkt stand Nadine Capellmann aus Würselen noch immer am Rande des Abreiteplatzes und fand keine Erklärung für das, was ihr widerfahren war. Ihr Elvis „war eigentlich super drauf“, aber als es galt, „machte er zu.“ Ein so schlechtes Ergebnis (67,240) hatte sie mit Elvis noch nie erzielt. Die „Anlehnung“, die Verbindung „zwischen Hand und Maul“ habe gefehlt. Eine unfreiwillige Pause für Pferd samt Reiterin wird fällig. Die Kür mit Musik bleibt den 15 Besten des Grand Prix Special vorbehalten.
Als 17. gehört Nadine Capellmann nicht mehr zum erlesenen Kreis. Bereits vor dem Special hatte Imke Schellekens-Bartels aus den Niederlanden, Dritte der letzten Europameisterschaft, wegen Lahmheit ihrer Stute Sunrise passen müssen. Ein weiterer prominenter Ausfall nach dem Verzicht der Spanierin Beatrize Ferrer-Salat. In Athen hatte sie mit Beauvalais noch Bronze gewonnen, in Hongkong erwies sich ihr Hannoveraner Faberge als unpässlich.
Brasilien neu dabei
„Pause machen, neu sortiert wiederkommen“. Nadine Capellmanns Blick voraus gilt für alle, die sich in der Dressur engagieren. Besonders für jene, für die Hongkong ein erster olympischer Schnupperkurs in dieser Disziplin war. Die Chinesin Lina Liu etwa, die die Herausforderung mit einem Ross namens Piroschka anging. Oder die erst 16-jähige Luiza Almeida. Samba, der Name ihres Pferdes, lässt tatsächlich mal Rückschlüsse auf die Nationalität im Sattel zu: Brasilien.
Nie zuvor war dieses Land in der olympischen Dressur vertreten. 2012 in London will Luiza Almeida wieder dabei sein, Lina Liu auch. Und natürlich Hiroshi Hoketsu. Ein Fossil der Szene. Der Japaner gab sein Olympisches Debüt 1964 bei seinem Heimspiel in Tokio - als Springreiter. Da war er 23. Das olympische Comeback nach 44 Jahren glückte im Dressursattel - als 35. im Grand Prix. „Wenn du ein Ziel hast, bleibst du jung“, begründet er seinen Ehrgeiz, weiterhin bei Ton de Ridder in Aachen für seinen Start in London zu trainieren.
„Es gibt ein Leben nach Olympia“, sagte Nadine Capellmann in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Und es klang so, als wollte sie erstmal Abstand gewinnen. Für den nimmermüden Hiroshi Hoketsu bleibt es bei seinem alterslosen Rezept für die Zukunft: Es gibt ein Leben vor Olympia.