14.08.2008 · Nadine Capellmann auf Elvis, Isabell Werth auf Satchmo und Heike Kemmer auf Bonaparte haben in Peking das erwartete Mannschafts-Gold im Dressurreiten gewonnen. Die deutsche Siegesserie hält seit 1976.
Von Hans-Joachim Leyenberg, HongkongEs bleibt dabei: Die deutschen Dressurreiter sind seit 1976 bei Olympischen Spielen ungeschlagen. Am Donnerstagabend verlängerten sie in Hongkong die längste Siegesserie in der olympischen Geschichte mit dem Gewinn der Goldmedaille. Das Team, gebildet aus Nadine Capellmann (Würselen) mit Elvis, Heike Kemmer (Winsen) mit Bonaparte und Isabell Werth (Rheinberg) mit Satchmo wehrte somit den Angriff der Niederländerinnen ab. Die Dänen landeten auf Rang drei. Die Holländerin Anky van Grunsven hatte es zwischenzeitlich mit ihrem Wallach Salinero äußerst spannend gemacht. Doch selbst mit der zweithöchsten Note von 74,750 Prozent vermochte es der Star nicht, den Rückstand wettzumachen, den ihr ihre Mitstreiterinnen zuvor aufgebürdet hatten. „Ein bisschen aufgeregt“ sei ihr Salinero gewesen, etwas mehr Ruhe hätte ihm gutgetan, aber so sei er nun mal.
Im vergangenen Sommer sah es nach einer Trendwende zugunsten der Niederlande aus, nachdem die Equipe aus dem Nachbarland die Dressur-Europameisterschaft in La Mandria bei Turin gewonnen hatte. Damals gab die deutsche Vorreiterin Isabell Werth die Losung aus: „Ärmel aufkrempeln, Hausaufgaben machen, abgerechnet wird in China.“ Gesagt, getan. Als dritte und letzte deutsche Reiterin steuerte sie 76,417 Punkte bei, es war die Tageshöchstnote. Eine goldrichtige Leistung - auch des früher mitunter nervigen Satchmo. Isabell Werth lobte seine „Superverfassung“. „Er hat sich superkonzentriert. Ich hatte die ganze Zeit ein Supergefühl. Wir sind alle superstolz.“ Ein Super-Tag eben. Es war der insgesamt zwölfte Olympiasieg einer deutschen Dressur-Mannschaft. Und Isabell Werth holte mit dem Erfolg das fünfte Gold ihrer Karriere. Fortsetzung folgt bestimmt in Kürze.
„Die erste Runde ging an uns“
Die Holländer haben sich ein wenig zu früh gefreut, nachdem sie vorschnell meinten, die Revolution auf diesem speziellen Feld des Pferdesports sei vollzogen. Schon am Mittwoch, als Heike Kemmer den Anfang machte, jagte sie der holländischen Konkurrenz mit ihrer Wertung (72,250 Prozent) einen gehörigen Schrecken ein. „Die erste Runde ging an uns“, stellte die kernige Niedersächsin nach der matten Vorstellung von Imke Schellekens-Bartels aus Holland mit Sunrise fest. Es war nicht patriotische Gesinnung, die die Hannoveraner Stute nicht zur Bestform auflaufen ließ, sondern vielmehr die Stimme der Natur. Die Pferdedame ist rossig, interessiert sich im Vorübergehen schon mal für diesen oder jenen in der Umgebung, selbst wenn es sich um einen Wallach handelt.
Das Fell der 14-jährigen Sunrise glänzte schon, bevor ihr die Grand-Prix-Lektionen abverlangt wurden, als hätte man sie mit Öl eingerieben. Dabei war es körpereigene Flüssigkeit - Schweiß. Er konnte auch Stressbedingt sein, denn die Niederländer stehen nicht gerade im Ruf, ihren Pferden zu wenig abzuverlangen. Doch weniger war unter den klimatischen Bedingungen im Stadion von Sha Tin mehr. Bei Imke Schellekens-Bartels jedenfalls schwang Resignation mit, als sie sagte: „Ich fürchte, die Sache mit dem Teamgold für uns hat sich erledigt.“
„Bonaparte ging immer vorwärts“
70,875 Prozent waren weit unter der für den Triumph eingeplanten Marge. Teamkamerad Hans Peter Minderhoud war im Rahmen seiner bescheideneren Möglichkeiten mit dem holländischen Eigengewächs Nadine mit 69,625 Prozent benotet worden. Kein Wert, mit dem sich der Einbruch von Imke Schellekens-Bartels hätte kompensieren lassen. „Wir wollten die Deutschen schlagen, aber heute hat man gesehen, wie schwer das ist. Es ist vorbei, wir können froh sein, wenn wir überhaupt eine Medaille gewinnen“, stapelte Imke Schellekens-Bartels über die Maßen tief, wie sich nach Anky van Grunsvens Glanzritt festhalten ließ.
Heike Kemmer hatte sich ganz anders angehört als Imke Schellekens-Bartels: „Bonaparte ging immer vorwärts.“ Schon beim Auftakt in der Mitte des Vierecks, als „Bonnie“ tief durchatmete, meinte sie zu wissen, dass sie den „bestmöglichen Start“ für das Team hinlegen würde. Am Ende wurde es ein Start-Ziel-Sieg für das deutsche Ensemble.
Dann heißt es wieder Deutschland gegen Niederlande
Als Strategie bekam Nadine Capellmann mit auf den Weg, nur nicht zu viel zu riskieren. Das Mannschaftsergebnis stand im Vordergrund. Nach ihrem soliden Vortrag im Viereck, bewertet mit 70,083 Prozent, wurde dezent gratuliert - Auftrag erfüllt! Der Anfangsschwung der Kombination verlor sich ein wenig, eine „Galopptour vom feinsten“ wurde abgelöst von Taktfehlern in der Trabtour. „Wenn er angaloppiert, ist keinem geholfen“, so begründete sie ihren Akt der Selbstdisziplinierung. „Zwei bis drei Punkte mehr wären drin gewesen“, stellte die Rheinländerin aus der Nachbarschaft von Aachen fest, tröstete sich dann aber mit einer Feststellung der allgemeinen Art: „Es wird allgemein strenger benotet.“ Ein Verweis auf das Richtergremium, gebildet aus Barnabas Mandi (Ungarn), dem Stuttgarter Gotthilf Riexinger, Gary Rockwell (Vereinigte Staaten) und Leif Tornbald (Dänemark).
Man sieht sich übrigens demnächst an gleicher Stelle erst im Grand Prix Special und dann in der Kür wieder. Dann heißt es wieder Deutschland gegen Niederlande. Dann, in der Einzelwertung mit den besten 25 Paaren des Donnerstags wird das Duell zwischen Isabell Werth und Anky van Grunsven auf die Spitze getrieben.