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Doppelgold für Hinrich Romeike „Mein Kopf ist leer und mein Herz ist voll“

13.08.2008 ·  Vielseitigkeitsreiter Hinrich Romeike holt sich mit der Mannschaft in Athen entgangenes Gold ab und ist auch im Einzel mit seinem Holsteiner Marius nicht zu schlagen. Hans-Joachim Leyenberg über die Sternstunde von Hongkong.

Von Hans-Joachim Leyenberg, Hongkong
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Spontan drehte Hinrich Romeike eine Ehrenrunde lange vor der offiziellen Siegerehrung. Innerhalb von knapp zwei Stunden hatte der Vielseitigkeitsreiter aus Nübbel bei Rendsburg am Dienstagabend in Hongkong zwei Goldmedaillen gewonnen. Das schafft ein Holsteiner nur mit einem Holsteiner. Hanfried Haring, der Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, hatte den Schimmel Marius zuvor schon „kurz vor der Seligsprechung“ gesehen.

Haring legte nach dem zweiten Gold nach und erklärte Marius „kurz vor der Heiligsprechung“. Nach dem Einzelerfolg, dem der Mannschaftssieg Romeikes Seite an Seite mit Andreas Dibowski (Egestorf) auf Butts Leon, Ingrid Klimke (Münster) auf Butts Abraxxas, Frank Ostholt (Warendorf) auf Mr. Medicott und Peter Thomsen (Lindewitt) auf Ghost of Hamish vorangegangen war, hätte Romeike sein Goldpferd am liebsten auf Händen getragen. Es blieb beim unerfüllbaren Wunsch.

Kopf leer, Herz voll

„Ohne ihn wäre ich gar nichts“, sagte Romeike auf seinen Marius deutend, ehe er nach seinem Null-Fehler-Ritt mit dem Extralohn für eine grandiose Extrarunde dekoriert wurde. „Mein Kopf ist leer und mein Herz ist voll“, gestand der Zahnarzt. Der zweite Umlauf war den besten 25 Solisten vorbehalten. Romeike ging dort als Führender und letzter Reiter ins Rennen um Gold, Silber und Bronze.

Nicht einen einzigen Abwurf hatte er sich erlauben dürfen. Andernfalls wäre er aus den Medaillenrängen gepurzelt. Genau das war die Konsequenz für die Tochter des vielfachen Dressur-Olympiasiegers Reiner Klimke, die nach einem Springfehler auf Rang fünf abrutschte. Sie wurde noch von der Britin Kristina Cook (Bronze mit Miners Frolic) und der Amerikanerin Gina Miles (Silber mit Mckinlaigh) überholt. Als Solisten gingen die nach der Dressur noch führenden Australier leer aus. In der Mannschaftswertung allerdings waren sie mit Silber vor Großbritannien belohnt worden.

Mit Hinrich Romeike hat einer gewonnen, der sich partout das in Athen verlorene Mannschaftsgold „abholen“ wollte. Dort hatte die deutsche Equipe die Auszeichnung zurückgeben müssen, nachdem Teammitglied Bettina Hoy ein formaler Fehler am Start unterlaufen war. Dass Romeike in Hongkong mit Doppelgold entschädigt wurde, ließ ihn leichteren Herzens auf das Erlebnis Athen zurückblicken. Seinen Kollegen daheim in der Zahnarztpraxis gab er spontan frei, beschwerte sich allerdings umgehend: „Ich trinke hier Wasser und die Champagner.“ Die Sache mit dem Schaumwein wurde allerdings weit nach Mitternacht zur allseitigen Genugtuung geregelt.

„Alles eine Frage der Vorbereitung“

In der Summe bedeutete die Sternstunde von Hongkong die erste deutsche Teammedaille in der Sparte Vielseitigkeit mit Goldprägung seit 1988 in Seoul. „Wenn einer es verdient hat, dann er“, schwärmte Bettina Hoy als Zeugin der Siegerehrungen. Für sie, deren Pferd Ringwood Cockatoo sich vor wenigen Wochen verletzt hatte, war Ersatzmann Dibowski nominiert worden. Der Norddeutsche trug entscheidend sein Scherflein zum großen Triumph im Triathlon hoch zu Pferd bei.

In den vergangenen Tagen hatten sie im deutschen Lager immer wieder betont, dass die Teammedaille Priorität habe. Das individuelle Glück schön und gut, man wollte es aber vor allem im Verbund ganz nach oben aufs Treppchen schaffen. Sie haben es nicht zuletzt dank der Mannschaft hinter der Mannschaft geschafft. Mit Bundestrainer Hans Melzer vorneweg, der es verstand, einen Optimismus zu verbreiten, der im Vorfeld nicht einmal leiseste Zweifel wegen der besonderen klimatischen Gegebenheiten in Hongkong zuließ. „Alles eine Frage der Vorbereitung“, beruhigte er die Gemüter. Das vermeintliche Handicap pflegte er als Vorteil gegenüber der Konkurrenz auszulegen. Aus gutem Grund, denn mit deutscher Gründlichkeit wurde ein Masterplan entwickelt, der dann tatsächlich umgesetzt wurde.

Eine kopfgesteuerte Expedition

Die Vielseitigkeitsreiter standen in der Vergangenheit, wenn es um den Ertrag an Medaillen ging, lange zurück hinter den Dressur- und Springreitern. Mit Chris Bartle wurde ein Honorartrainer verpflichtet, der auf seine stille, aber intensive Art und Weise den letzten, entscheidenden Schliff für das Herzstück dieser Disziplin, den Querfeldeinritt, vermittelte. Jetzt grüßen die Deutschen nach dem Gewinn des WM-Titels vor zwei Jahren in Aachen als die Besten in der Krone der Reiterei. Sehr individuell war in der Vorbereitung auf den Ernstfall verfahren worden. Mit Experten aus dem Dressur- und Springlager. So verkürzten sich Bundestrainer Kurt Gravemeier und Heinrich Hermann-Engemann, Ersatzmann der Equipe um Ludger Beerbaum & Co, die Wartezeit in Hongkong, bis es auch für die sie interessant wird.

In letzter Minute war auch noch Romeikes Heimtrainer Jörg Naewe eingeflogen, um seinem „Hinni“ beizustehen. Die Stippvisite hatte ihn zwar 4200 Euro gekostet, „aber das war es mir wert“, sagte er nach dem Aufreger. Das Versprechen Melzers ist eingelöst: „Unsere Pferdetypen sind genau die richtigen - nicht die größten, aber die wendigsten.“ Eine kopfgesteuerte Expedition kehrt hoch dekoriert heim.

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