Home
http://www.faz.net/-g8q-1042v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Nach dem Finale Der schnellste Mann der Welt

18.08.2008 ·  Das olympische Sprintfinale ist ein kaum fassbares Ereignis. Wenn der Startschuss fällt, ist es fast schon vorbei. Wer es gewinnen will, darf nur sehr flüchtig in der Realität verankert sein. Über ein knapp zehn Sekunden währendes Rennen und seinen Sieger.

Von Thomas Thiel
Artikel Bilder (1) Video (1) Lesermeinungen (0)

Es kommt jetzt wieder dieser Moment der Stille, des versammelten Schweigens, der unerträglich gedehnten Zeit. Das strenge Zeremoniell der Startvorbereitung legt sich über das Olympiastadion von Peking, die Leichtathletik, die vom Nebeneinander und der Gleichzeitigkeit der Disziplinen geprägt ist, die ihre Aufmerksamkeit auf Wurfring, Sprunganlage und Laufbahn verteilen muss, konzentriert ihren Blick. Reporter reihen Bühnenmetaphern aneinander und stapeln Superlative, alles macht sich bereit für die jähe Zäsur, die die ins Äußerste gesteigerte Kluft zwischen der Flüchtigkeit des Ereignisses und der Dauer seiner Anbahnung auflösen wird. Ein Raunen noch, ein aufbrandender Applaus, dann senkt sich die Stille. Ein einziger Satz genügt, um die Bedeutung des Kommenden zu resümieren: Wer ist der schnellste Mann der Welt? Doch es ist ein so schwer greifbarer Moment.

Die Bewerber für diesen Titel stehen nebeneinander aufgereiht, höchst irritable Muskulaturen in fiebriger Erwartung, alles ist zuckende Bereitschaft, nervöse Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere, die Blicke von 91.000 Zuschauern im Stadionoval und eine geschätzte Milliarde vor den Fernsehschirmen auf sie gerichtet. Es kommen jetzt die Minuten der Schwere, die sich in ihren Körpern einnistet. Die Momente, in denen ihre Bewegungen nur noch Andeutungen jener Leichtigkeit und Explosivität, jener federnden Körperbeherrschung und tänzelnden Beinkontrolle sind, die ihnen sonst ihre aufreizende Lässigkeit gibt. Es gehört zu diesem Ereignis, dass die Schnellsten des Erdkreises noch einmal ganz klein werden, bevor sie ihre körperliche Macht entfalten. Dass sie diese Augenblicke durchleben müssen, in denen ihnen alles fraglich wird, in denen sie die Kommandos der Kampfrichter, die Fokussierung durch die Kameras als Zumutung empfinden, in denen ihnen die Kampfrichter in den weißen Hosen und blauen Jacketts wie Gefängniswärter erscheinen. Eine unheimliche Verlangsamung vor der stoßartigen Entfaltung höchster Geschwindigkeit greift Raum.

Kognitive Überforderung

Es muss alles vorher geschehen. Wenn der Startschuss fällt, herrscht Bewusstlosigkeit und kognitive Überforderung für Zuschauer und Athleten. Es bleibt dann keine Zeit, ein Gerüst für die Wahrnehmung aufzubauen, für die Verschiebungen innerhalb des Sprinterfeldes, für das Voranpreschen einiger und das Zurückfallen anderer. Es muss dann alles Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit sein, höchstens ein leichtes Justieren des Körperschwerpunktes, ein kurzer Blick für die Position der Gegner. Es darf kein Bemühen, kein bewusstes Sich-Anstrengen, kein Wollen dazwischenkommen, der Schritt muss frei werden, die Bewegungen locker, die Kontaktzeiten kurz. Es gilt, das Paradox der Gleichzeitigkeit von höchster Anspannung und Lockerheit zu bewältigen. Die Bewegungsabläufe sind einstudiert, über ein Jahr hinweg wurden die Bewegungen der einzelnen Körperareale zerteilt, verlangsamt, beschleunigt, synthetisiert, es muss jetzt nur ineinandergreifen, zum gegebenen Zeitpunkt, wie eine Marionette, die sich selbst in den Händen hält. Der Moment bricht von außen herein.

FAZ.NET-Olympiavideo: Zweifel an Bolt

Die Kamera streift über die Gesichter, ohne steile Zuversicht darin zu finden. Sie haben sich Rituale zurechtgelegt, um die Anspannung zu bändigen. Asafa Powell, der jamaikanische Ex-Weltrekordler, bislang bei Großereignissen zuverlässig gestrauchelt, lenkt den Blick stur und regungslos auf den Boden, als würde der Tartan ein ewiges Geheimnis bergen. Der Amerikaner Darvis Patton trommelt sich mit Faustschlägen Zuversicht in die Brust. Der gedrungene amerikanische Kraftbolzen Walter Dix versucht sich in Paradiesvogelposen, der angesichts des versammelten Muskelbombasts geradezu kleinwüchsig wirkende Churandy Martina quetscht ein Lächeln aus seinem Kiefer hervor. Dix und Patton müssen die Last der sieggewohnten amerikanischen Sprinttradition tragen und scheinen doch etwas zu klein geraten für dieses Erbe. Es hatte das Duell der großen drei werden sollen. Doch der Amerikaner Tyson Gay, auch schon einmal Weltrekordhalter und im engsten Favoritenkreis, musste im Halbfinale die Segel streichen. Mit breiigen Bewegungen, sein Schritt mehr auf die Breite als auf die Länge der Bahn verteilt, taumelte er ins Ziel. Zu zweit müssen Dix und Patton die nordamerikanische Suprematie gegen die Karibiksprinter aus Jamaika, Trinidad & Tobago und von den Niederländischen Antillen behaupten. Kein Europäer, kein Weißer hat die Vorläufe überstanden.

Er ist bereit

Es sind nicht die Selbstdarsteller vergangener Jahre, die vor den Blöcken stehen, die Bad Guys und Hollywoodaspiranten, aus denen die selbstverliebten Posen nur so herausperlten: nicht der großsprecherische Carl Lewis, der in Stein gemeißelte Brite Linford Christie, der giftige Maurice Greene oder der mimosenhafte Jon Drummond, der sich bei den Weltmeisterschaften minutenlang auf die Bahn legte, als er einen Fehlstart zu viel verursacht hatte. Nur Usain Bolt, der geschmeidige Weltrekordhalter, der mit großartiger Souveränität durch die Vorläufe spazierte, stellt sich der stillschweigenden Verpflichtung des Sprinters, auch Alleinunterhalter zu sein. Seine Arme beschreiben schwungvoll einen weitausholenden Bogen, in seinem Augenwinkel lauert ein Lächeln. Der Spannungsbogen steht, er ist bereit.

Man müsse eine starke Psyche haben, wenn man seine Geschwindigkeit grundlegend verändert, hat der amerikanische Startrainer John Smith einmal gesagt. Ein esoterisch klingender Satz, der auf die fragile Psyche des Sprinters verweist, der ständig neue Energie aufnimmt, den Spannungszustand seines Körpers mit jeder Bodenberührung erhöht, doch nie bis zur körperlichen Ermattung geht. Wohin mit dieser berstenden Muskulatur? Sprinter sind notorisch unausgeglichene, leicht aus dem Takt zu bringende Wesen.

Frei und spielerisch

Das Kommando kommt gellend, schmerzhaft, metallisch. Es bleibt jetzt noch etwas Zeit, seine Individualität zu stilisieren, die Hände zum Himmel zu heben wie Marc Burns oder höhere Mächte an eine geheime Verabredung zu erinnern wie Usain Bolt. Die anderen haben schon die Hände sicher plaziert, die Fußsohlen griffig gegen den Startblock gedrückt. Die Haftung auf dem Boden muss griffig und gleichzeitig jederzeit lösbar sein.

Dann richten sich die Körper auf, es fällt der Schuss, die Athleten lösen sich aus den Blöcken, stoßen die Schenkel nach hinten, um nach vorne zu kommen, richten ihre Körper langsam auf, nicht zu schnell, um nicht ins Leere zu treten, mit jedem Schritt verschiebt sich die Aktivität der Muskelgruppen. Der Gazellenkörper von Usain Bolt ist von Beginn an mit vorn, noch bewegt er sich auf einer Linie mit dem fulminant gestarteten Richard Thompson, dann richtet er sich auf, sein Schritt wird raumgreifend, seine Hüfte ruhig, der Oberkörper aufrecht und kontrolliert, die Oberschenkel pendeln wie Rotorkolben, die Unterschenkel werden frei und spielerisch. Mit großartiger Gleichmäßigkeit schieben sich die Körperteile um einen imaginären Punkt aneinander vorbei.

Die Arroganz des Triumphators

Und dann macht Bolt das Finale zur Farce. Schon nach sechzig Metern geht sein Blick zur Seite, lässt er die Bewegung mechanisch weiterlaufen, hebt seine Arme wie Adlerschwingen zum Jubel, bremst ab, als wollte er seine Leistungsfähigkeit für weitere Weltrekorde aufsparen. Schon auf dem Zielstrich, wo sonst der Oberkörper sturzartig über die Linie gepresst wird, hat er die Hand auf der Brust. Es ist ein Weltrekord, natürlich, ein Fabelweltrekord. Zwei Zehntel vor dem Rest des Feldes überquert er die Linie, läuft als erster Mensch unter 9,70 Sekunden. Er hätte schneller laufen können, er hat bewusst verschenkt.

Auf den Tribünen herrscht Sprachlosigkeit angesichts dieser Demonstration, Reporter suchen Erklärungen, äußern Verdachtsmomente, die sich jedoch gegen alle Finalisten richten. Wie aufgezogen geht Bolts Bewegung weiter, als würde er ein unendlich fortlaufendes Programm abspulen, ein Elektronengefühl trägt ihn in die Kurve hinein, in die Kameras und Blitzlichter, während die Gescheiterten ihre Enttäuschung stumpf in den Tartan stapfen. Die Bewegung, die ihn zum Sieg führte, ist gespeichert, nicht beliebig reproduzierbar, aber doch ein Erinnerungspunkt für die weiteren Rennen. Ganz offensichtlich scheint es, jenseits der medial produzierten Erregungsroutinen, von Belang, der schnellste Mann der Welt zu sein. In solchen Momenten wirkt der Sieger unantastbar.

Später aufs Nachrichtenformat gebracht und tausendfach um den Erdball versendet, wirkt das Rennen beiläufig. Man weiß dann, dass es nicht unerheblich ist, das schnellste Rennen und den schnellsten Mann der Welt vor Augen zu haben. Doch man sieht nur eine sich verschiebende Linie von Menschen und eine Anzeigetafel, die einen objektiven Messwert anzeigt. Es schlägt die Stunde der Statistiker und Sporthistoriker. Das Ereignis hat seine Spuren längst verwischt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge