19.08.2008 · Fabian Hambüchen verpasste die Olympia-Goldmedaille am Reck, gewann aber zumindest Bronze. Sein größter und unbezwingbarer Gegner war er selbst. Später haderte Hambüchen mit seiner „fast dummen Einstellung“.
Von Michael Horeni, PekingAls Fabian Hambüchen eine halbe Stunde nach der Siegerehrung mit der Bronzemedaille um den Hals in der Mixed Zone stand und versuchte zu erklären, was mit ihm bei den Olympischen Spielen passiert war, da erkannte er endlich seinen größten und unbezwingbaren Gegner: sich selbst. Während sein Vater in dem Moment der Selbstfindung seines zwanzig Jahre alten Sohnes weiter die Videokamera laufen ließ, um darauf jede Äußerung zu verewigen, merkte Fabian Hambüchen auf einmal, was er sich auf dem langen Weg nach Peking angetan hatte - und wovor ihn niemand hatte bewahren können, weder sein Trainervater noch sein Psychoanalytikeronkel. „Wenn man sich im ersten Moment nicht über Bronze freut, dann fragt man sich schon, was man da die ganzen Monate eigentlich gemacht hat“, sagte Fabian Hambüchen. Er erschrak über sich selbst.
Fabian Hambüchen, der fröhliche Junge, der dazu bestimmt war, in Peking zum deutschen Olympiastar aufzusteigen, hielt im National Indoor Stadium öffentlich Zwiesprache, und dabei ging es nicht um die Klasse des chinesischen Olympiasiegers Zou Kai und des amerikanischen Silbermedaillengewinners Jonathan Horton. Es ging um den Druck, der auf ihm gelastet hatte. Es ging um die hohen Erwartungen, die er erfüllen wollte. Es ging um die großen Hoffnungen, die er gehegt hatte. Es ging um Fabian Hambüchen, der daran gescheitert war.
Er war so fixiert, dass sein Talent blockierte
Fabian Hambüchen schonte sich nicht. Er gab sich selbst die Antwort darauf, wie es dazu kommen konnte, und vielleicht wirkte er deswegen befreit. „Ich war so auf diese verdammte Goldmedaille fixiert. Es war eine fast dumme Einstellung. Wenn immer nur von Gold geredet wird, dreht man irgendwie selbst nur noch am Rad“, sagte er und schüttelte den Kopf über den fixierten Fabian Hambüchen, der er war.
Er war so fixiert, dass sein Talent blockierte. Er war so fixiert, dass er sich dazu zwingen musste, sich über die Bronzemedaille zu freuen. Aber das geht natürlich nicht: erzwungene Freude. „Eigentlich ist es schlimm, dass man sich über Bronze nicht freuen kann. Das dauert noch“, sagte er.
Auch Schwierigkeitsgrad 6,8 war noch zuviel
Der Weltmeister war der Erste, der ans Reck musste, und noch bevor er mit zwei Riesenfelgen Tempo für seine 47-Sekunden-Übung aufnahm, hatte er seinen Kampf ums verdammte Gold eigentlich schon verloren. Er hatte sich ursprünglich vorgenommen, eine Übung mit dem Schwierigkeitsgrad 7,1 zu turnen, doch nach den Missgeschicken im Mehrkampf und im Mannschaftswettbewerb, als er zweimal an der Reckstange vorbei gegriffen hatte, ging das nicht mehr, wie Trainer Wolfgang Hambüchen sagte. Sie reduzierten auf 6,8, aber auch das war noch zuviel.
Beim Kolmann-Salto kam Fabian Hambüchen wieder nicht ganz richtig hin, und als er dann auch noch einen unbeabsichtigten Richtungswechsel einschlug, „ging in meinem Kopf gar nichts mehr vor“. Er schaltete auf Autopilot. Er rief nur noch die „Automatismen ab“ und turnte die Übung an seinem Lieblingsgerät ohne innere Beteiligung zu Ende. Es waren jene 47 Sekunden für die er gelebt hatte und die aus Fabian Hambüchen, dem Turner der TSG Niedergirmes, den Olympiastar Fabian Hambüchen hätten machen sollen.
In sich versunken verfolgte er den Wettkampf
Als Fabian Hambüchen wieder zur Erde zurückgekehrt war, schoss ihm nach der Landung nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: „Das war's.“ Nach drei vierten Plätzen, am Barren hatte er kurz zuvor eine Medaille verpasst, nun auch noch an seiner Paradedisziplin gescheitert. So fühlte er sich, und das Unglück stand ihm ins Gesicht geschrieben. In sich versunken verfolgte er den Wettkampf. „Ich habe nur über mich nachgedacht“, sagte Fabian Hambüchen, und man sah nur seine verschränkten Arme und wie er immer sein Kinn unter der Trainingsjacke vergrub.
Aber dann krachte der Holländer Epke Zonderland auf die Matte und auch einige andere vermasselten ihre Auftritte. „Ich habe Mitleid für die anderen empfunden. Mir ging es ja genauso“, sagte Hambüchen. Er klatschte die Leidensgenosen mit starrem Blick ab, und auch sie spendeten ihm Trost, denn auch sie vermuteten, dass es für den Weltmeister an diesem Abend und bei diesen Spielen nichts mehr zu holen geben würde.
Das Leben erwachte wieder
Und so sah es auch fast bis zum Schluss aus. Hambüchen saß wie schockgefroren auf seinem Stuhl und sah zunächst, wie die Goldmedaille, die doch für ihn vorbestimmt zu sein schien, an Zou Kai (16,200 Punkte) ging, und wie der Horton (16,175) sich dann das Silber schnappte. Aber dann fiel auch noch der Franzose Yann Cucherat vom Reck, und es kam nur noch der Italiener Igor Cassinas an die Reihe. Das Leben erwachte wieder in Hambüchen, der es nur auf 15,875 Punkte gebracht hatte, mehrfach in diesem Jahr war er schon besser gewesen.
Er lief jetzt unruhig auf und ab, setzte sich schließlich auf den Fußboden näher ans Reck und verfolgte, was Olympia mit ihm noch vor hatte. Auch Cassina, der Sieger von Athen, machte einige Fehler, und noch bevor die 15,675 Punkte für den Italiener aufleuchteten, wusste Hambüchen, dass er jetzt lernen musste, sich über Bronze zu freuen.
„Es waren nicht meine Spiele“
„Wenn hier alles normal gelaufen wäre, hätte es gereicht. Aber es war nicht meine Woche. Es waren nicht meine Spiele“, sagte Hambüchen später. Er redete viel und versuchte viel zu erklären. Irgendwann war er dann schon wieder dabei, sich neue Ziele zu setzen. „Zum Glück bin ich noch jung“, sagte er. „Dann werde ich mir in vier Jahren meinen Goldtraum erfüllen.“ Vielleicht muss Fabian Hambüchen wirklich älter werden, um zu begreifen, dass sein neues Ziel nur das alte ist.