20.08.2008 · Keine zehn Minuten mit dem Taxi dauere die Fahrt zur Olympia-Pressekonferenz, hatte der Kollege gesagt. Von wegen. Es wurde eine heiß-kalte Odyssee am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Von Peter Penders, PekingKeine zehn Minuten mit dem Taxi dauere die Fahrt zur Pressekonferenz, hatte der Kollege gesagt. Vorsichtshalber eine halbe Stunde eingerechnet, die Adresse in chinesische Schriftzeichen übersetzen lassen und auf den Weg gemacht. Taxifahrer nickte wissend, hob den Daumen, fuhr los, bog nach einem Kilometer rechts ab und stand vor einer Barriere.
Wieder rechts abgebogen, wieder eine Barriere. Noch mal rechts abgebogen, keine Barriere, trotzdem umgedreht, vielleicht um zu sehen, ob die Barrieren noch da waren. Waren sie, standen gut bewacht immer noch wie eine Eins, wieder umgedreht, drei Kilometer in die entgegengesetzte Richtung gefahren. Links abgebogen, beinahe zwei Fußgänger auf dem Zebrastreifen überfahren, noch mal links, über zwei Brücken, durch einen Tunnel, dann in einem langen Bogen nach rechts abgebogen, hinein in das Zentrum des größtmöglichen Staus.
Gibt es Autos in China mit Schnellfrostungstaste?
Nach zwanzig Minuten ohne weiteren Fortschritt Taxifahrer per Handzeichen gebeten, die Klimaanlage einzuschalten, um dem Hitzetod zu entgehen, und gleichzeitig bereut, keine Wasserflasche eingepackt zu haben. Fünf Minuten später überlegt, ob chinesische Taxis eine Schnellfrostungstaste besitzen, bei gefühlten 5 Grad Celsius im Wageninnern und bereut, den Pullover im Hauptpressezentrum (MPC) gelassen zu haben.
Eine halbe Stunde typisch europäisch später die Nerven verloren, Taxifahrer gebeten, zum MPC zurückzukehren. Eine weitere halbe Stunde und ein ohrenbetäubendes Hupkonzert später tatsächlich doch die linke Abbiegespur erreicht und über die durchschnittliche Grünphase von gefühlten 3,8 Sekunden gestaunt.
Beobachtet, wie sich weitere Fußgänger auf dem Zebrastreifen mit sehr guter Körperbeherrschung in Sicherheit bringen, nach weiteren zehn Minuten das andere Ende des weiträumig abgesperrten Olympic Green erreicht, mit dem MPC-Zeichen irgendwo am Horizont. Umgerechnet 2,80 Euro bezahlt, gut durchgekühlt ausgestiegen mit weltrekordverdächtigen Werten. Von 5 Grad auf 34 Grad Celsius in 1,8 Sekunden, trotzdem keinerlei Schwindelgefühle.
Dutzende Fotos mit chinesischen Kindern auf dem Arm
In der 150 Meter langen Schlange der Sicherheitskontrolle für Zuschauer nach alter chinesischer Gewohnheit geschickt vorgedrängelt, etwas zu trinken gekauft und wegen der Akkreditierung um den Hals vermutlich für einen Sportler gehalten und als Fotoobjekt entdeckt worden. Dutzende Fotos mit chinesischen Kindern auf dem Arm, Fotos der eigenen Töchter gezeigt und grenzenlose Begeisterung unter diversen chinesischen Einkindfamilien ausgelöst.
Nach langen Minuten gegenseitigen Verbeugens weitere zwanzig Minuten zum MPC gegangen, nass geschwitzt angekommen, mehr als zwei Stunden nach dem Beginn der Reise. Kollegen getroffen, der keine zehn Minuten mit dem Taxi gebraucht hatte. Am MPC gleich links, dann durch den Tunnel unter dem Olympic Green, danach erste rechts. Ach so.
Ist es wirklich eine Glosse oder eher die Wahrheit?
Roland Stumpp (Kieler2008)
- 19.08.2008, 21:30 Uhr
Ist doch lustig, evtl. nicht so sehr für den damals gestressten Journalisten und
Annegret Mueller (AnnegretMueller)
- 20.08.2008, 10:42 Uhr