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Chinas Verlierer Die Schande der Silbermedaille

13.08.2008 ·  Die Zahl der Goldmedaillen steigt beständig mit jedem Tag, die Chinesen feiern bei Olympia einen Sieg nach dem anderen. Doch das nehmen sie fast beiläufig wahr. Viel mehr interessiert sie die Metaphysik der Niederlage.

Von Mark Siemons, Peking
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Siebzehn Goldmedaillen hat China bis zur Halbzeit des fünften Wettkampftags gewonnen – doch bei den „unheimlichen Chinesen“ („Bild“) selbst löst das bislang nur mittelgroße Triumphgefühle und jedenfalls kein besonderes Erstaunen aus. Chinesen, die sich im Internet äußern, finden vor allem die Niederlagen ihrer Landsleute kommentierenswert. Einer hat beobachtet, dass es meist die jungen, unbelasteten Athleten seien, die Gold holten, während viele der etwas älteren Hoffnungen gescheitert seien; anscheinend hätten sie sich zu viele Gedanken gemacht und konnten deshalb dem Druck nicht standhalten. Dass die Frauen beim Badminton noch nicht einmal den vierten Platz erreichten, habe alle überrascht, schreibt ein anderer im Diskussionsforum Sina und schließt dann brav die Mahnung daran an, man müsse auch in Würde verlieren können. Und die Volleyballfrauen finden sogar trotz ihres Siegs über Polen keine Gnade: Die Zukunft, meint einer, sei besorgniserregend.

Der Sportkommentator Du Hao beschäftigt sich in seinem Blog mit dem Fall des jungen chinesischen Gewehrschützen, der über seine Silbermedaille auf dem Siegertreppchen bitterlich weinte. So geht’s nicht, meint der Blogger, man müsse auch in der Niederlage ein Vorbild an olympischem Geist sein: „China braucht mehr lachende Gesichter.“ Aber es sei eine schlechte Gewohnheit im chinesischen Leistungssport, dass nur die Sieger lachen und die Zweiten traurig sind. Sie weinten nicht nur für sich selbst, schreibt Du, sondern auch für die, die hinter ihnen stünden und die sie enttäuscht hätten. Die Medaille gehöre in China ja nicht bloß einem selbst, sondern der Gemeinschaft, dem Trainer, den Betreuern, der Kreisstadt, dem Dorf – sie alle erwarteten Gold, und da sei mit Silber natürlich niemandem geholfen. Doch bei allem Verständnis für die Tradition bleibt Sportkommentator Du streng: Wir müssen unsere Denkweise verändern, schreibt er, sonst können wir uns nie freuen, einfach dabei zu sein.

Nicht so schön anzuschauen

Nüchternheit herrscht vor. Nach der Einschätzung eines Kommentators freuen sich die Chinesen mehr über einen gelungenen Wurf von Yao Ming als über eine Goldmedaille im Gewichtheben. Aber leider, so meint ein anderer mäklerisch, seien die Goldmedaillen ja vor allem in Disziplinen errungen worden, die nicht so schön anzuschauen seien. Den chinesischen Basketballspielern nahm man dagegen nicht einmal ihre Niederlage gegen Spanien übel: Immerhin hätten sie Stil bewiesen und gezeigt, dass man chinesische Spieler nicht unterschätzen dürfe. „Wir haben Kampfgeist in unseren Knochen“, meint ein anderer: „Und dieser Geist ist eine Ablagerung von fünftausend Jahren Geschichte.“

Auch der jüngsten? Ein Kommentator missbilligt das Fehlen der kommunistischen Vergangenheit bei der olympischen Eröffnungsfeier. Nach seinen Forschungen hätten Mao, Tschou En-lai und Deng Xiaoping den Sport alle hochgeschätzt. Das scheint jedoch eine Mindermeinung zu sein. Mehr Diskutanten in den Internetforen machen sich darüber Gedanken, weshalb die fünf Fuwa, die Maskottchen der Spiele, in der Eröffnungsfeier überhaupt nicht vorkamen, und wie das neunjährige Mädchen im roten Rock, das im Playback die „Ode an das Mutterland“ sang, ausgewählt wurde.

Ungezogene Fußballer

Die Fußballer haben weniger Kredit als die Basketballer. Sie hätten ihre Technik nicht verbessert, aber dafür ihre Ungezogenheit verdoppelt, meint einer. „Man wird chinesische Fußballer nie verstehen, weil sie einen Hang dazu haben, Komödien aufzuführen.“ Am Anfang spielten sie noch mit Mut, aber wenn sie ein Tor kassierten, würden sie wütend und verlören die Selbstkontrolle. Das sei eine Schwäche des Kopfes, urteilt das Internetpublikum unnachsichtig. Aber auch dieser Mannschaft gelten Ratschläge, die übers rein Sportliche hinauszugehen scheinen: „Unsere Technik ist nicht so gut wie die der Brasilianer. Aber wir dürfen im Geist nicht unterlegen sein!“

Die seit Jahren laufende Debatte, ob China mehr Goldmedaillen als Amerika gewinnen werde, wird trotz der bisherigen Erfolge nach wie vor kontrovers geführt; mit Verweis auf die Leichtatlethik, bei der die Landsleute nach wie vor schwach seien, halten viele einen Triumph über die Großmacht für unwahrscheinlich. Die Aufmerksamkeit für gescheiterte Hoffnungen entwickelt sich bei einem Kommentator zu einer regelrechten Metaphysik der Niederlage. Der Sieg der chinesischen Turner, meint er, sei nur auf der Grundlage der Niederlage vor vier Jahren in Athen möglich gewesen: „Man muß die Schande kennen, um dann triumphieren zu können.“ Und so habe die chinesische Mannschaft am Ende die Würde wiedererlangt, die sie 2002 verloren habe. Da erscheint das wechselhafte Abschneiden der Turnequipe mit einem Mal als Gleichnis für das historische Schicksal Chinas selbst, das sein jetziges Selbstbewusstsein ja ebenfalls nicht bloß aus seinen Leistungen, sondern aus der Kontrasterfahrung zu den Demütigungen im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert zieht.

Sind die ganzen Spiele etwa eine Parabel auf den chinesischen Aufstieg? Oder ist es eher umgekehrt so, dass die Geschichte das chinesische Kollektivbewusstsein mit Mustern imprägniert hat, die es auch beim sportlichen Wettkampf nicht lassen kann? Am Ende jedenfalls weinten die chinesischen Turner sogar. Und ein Kommentator scheute sich nicht zu schreiben: Weinende Männer sind noch männlicher.

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