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Tischtennis Chancenlos gegen die Weltmacht

18.08.2008 ·  Timo Boll und Co. haben alles versucht, aber die Chinesen haben nur kurz mit dem Schläger gewackelt. Das Gastgeberland ließ sich die Goldmedaille im Nationalsport Nummer eins von der deutschen Auswahl nicht klauen und siegt im Olympia-Endspiel mit 3:0.

Von Evi Simeoni, Peking
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Nervenschwäche? Welche Nervenschwäche? Zitternde chinesische Hasenherzen, das war gestern. Die Chinesen von heute holen sich ihre geplanten Medaillen ab, so als hätten sie sie bestellt - vorausgesetzt, sie bleiben gesund. Zum Beispiel das Mannschafts-Gold im Tischtennis.

Ma Lin, Wang Liqin und Wang Hao fielen einander nach dem Finalsieg über die deutsche Mannschaft zwar gerührt in die Arme, hielten einander eine ganze Weile fest und genossen die Vollendung ihrer bis ins kleinste Detail vorbereiteten Mission. Und ihr Trainer Liu Guoliang, Olympiasieger von 1996, weinte sogar ein bisschen, als die 8000 Fans in der Halle der Universität Peking gemeinsam einen rührseligen chinesischen Schlager sangen. Doch wahrscheinlich fiel nur die jahrelange Anspannung von ihnen allen ab, die ihre eindeutige Aufgabenstellung von ihnen gefordert hatte. Es musste Gold sein, nichts als Gold.

Trostspender Tischtennis

Das dramatische und im ganzen Land betrauerte Aus des Hürdenläufers Liu Xiao hatte der Aufgabe noch eine zusätzliche Dringlichkeit verliehen. Sie mussten Trost spenden mit dem Zauber und der Wucht ihrer Ping-Pong-Schläger, und sie machten es in tadelloser Form. Mit 3:0 besiegten sie die Deutschen um den Düsseldorfer Ehren-Chinesen Timo Boll, und 3:0 lauteten auch alle vorhergegangenen Ergebnisse dieser Mannschaft in Peking, genau wie die der chinesischen Frauen.

Zur Ehrenrettung der Silbermedaillengewinner sei erwähnt, dass Timo Boll seinem Gegenspieler Ma Lin zumindest einen Satz abnahm, und auch das Doppel aus Boll und Christian Süß sich erst nach vier Sätzen geschlagen geben musste. Zuvor hatte der neunzehnjährige Dimitrij Ovtcharow gegen Wang Hao glatt verloren. Kein Wunder: Wang Hao ist der Weltranglisten-Erste. Bolls Bezwinger Ma Lin der Weltranglisten-Zweite. Wang Liqin, Wang Haos Partner im Doppel, der Vierte.

Tischtennis-China ist ein Land voller asiatischer Timo Bolls

Wie überlegen die chinesischen Tischtennis-Spieler in der Welt sind, kann man auch daran ablesen, dass der Trainer auf den Weltranglisten-Dritten, den neunzehnjährigen Ma Long, verzichtete. Boll, die Hoffnung Europas, ist Weltranglisten-Sechster. Tischtennis-China, so scheint es, ist ein Land voller asiatischer Timo Bolls. Und einige sind noch besser als er. Seine Medaillen-Aussichten für die Einzelkonkurrenz sind deswegen am Montag weiter geschrumpft. Schon im Viertelfinale würde er ein weiteres Mal auf Ma Lin treffen.

Sie versuchten es mit allen Mitteln und Varianten, die ihnen zur Verfügung standen. Besonders der 27 Jahre alte Linkshänder Boll, der alle drei chinesischen Gegenspieler schon einmal besiegt hat - allerdings bereits vor drei Jahren - bemühte sein ganzes, eindrucksvolles Repertoire. Lange Bälle, kurze Bälle, raffiniert verdrehte Aufschläge, massive Schmetterbälle, schwungvoll aufgedrehten Topspin - es nützte alles nichts, die Chinesen waren stärker. „Wir haben heute alles gegeben“, sagt Boll. Immerhin konnten Boll und Süß am Ende den ersten Match- und Goldball der Chinesen abwehren. Doch dann war es um die deutschen Gegenkräfte endgültig geschehen. Bolls Rückschlag geriet zu lang und landete im Aus. „Wir hatten gehofft, wir könnten wenigstens das Doppel gewinnen“, sagt Boll. Aber sie schafften auch diesen Ehren-Punkt nicht.

Timo Boll wurde im Training von Hao Shuai gedoubelt

„Wir sind die einzige Macht, die gegen China aufgestanden ist“, erklärte Hans Wilhelm Gäb, der Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes. Doch es war keine ernsthafte Herausforderung für China. Die ganze Halle war auf den Triumph vorbereitet gewesen. Auf der Anzeigetafel klatschten immer wieder stilisierte Händchen für die Chinesen und produzierten lautmalerische Sternchen.

Auch von dem Queen-Hit „We are the Champions“ lässt man sich nach der triumphalen ersten Halbzeit der Olympischen Spiele nicht mehr abhalten. Chinesische Anfeuerungsrufe und viele geschickt platzierte „Wows“ und „Cheers“ auf der Riesentafel an der Wand zeigten, wem diese Sportart gehört. 86 Tischtennis-Spieler von jedem Geschlecht sind beim olympischen Turnier in Peking am Start. 17 Männer und 32 Frauen unter ihnen sind in China geboren.

Auf Talent und die eigene Schule allein verlässt sich die chinesische Sportführung deshalb aber noch lange nicht. Man sucht immer auch den Vergleich mit dem Gegner. Im Trainingslager in der Küstenstadt Xiamen sind die Chinesen deswegen in einem simulierten Vorbereitungsspiel gegen die Deutschen angetreten. Timo Boll wurde dabei von Hao Shuai dargestellt, dem 18. der Weltrangliste. Ob die Spieler-Imitationen der Sino-Deutschen überzeugend waren, ist nicht überliefert. Wohl aber das Ergebnis. Es nahm das Final-Ergebnis von Peking vorweg: 3:0 für China.

China - Deutschland 3:0

Wang Hao - Dimitrij Ovtcharov 3:0 (11:4,11:8,11:7)

Ma Lin - Timo Boll 3:1 (11:7,8:11,11:4,11:7)

Wang Liqin/Wang Hao - Christian Süß/Timo Boll 3:1 (11:13,11:5,11:8,11:7)

Quelle: F.A.Z.
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