16.08.2008 · Timo Boll hat Größe und mentale Stärke bewiesen und die deutsche Tischtennis-Mannschaft ins olympische Traumfinale gegen China geschmettert. „Es war das wichtigste Spiel meiner Karriere“, sagte der überwältigte 27-Jährige, den Zuschauer und Kollegen begeistert feierten.
Von Cai Tore Philippsen, PekingEs war ein langer harter Arbeitstag für Timo Boll und das deutsche Team im University Gymnasium von Peking. Doch der Lohn für die Mühen erfüllt alle Tischtennisträume: Mindestens Silber wird es werden im Olympiafinale gegen China in Peking.
Zuvor waren allerdings dreieinhalb nervenaufreibenden Stunden zu überstehen. Dann verwandelte Boll endlich den entscheidenden Matchball gegen den Japaner Seiya Kishikawa. Es war der fünfte Satz im fünften Match des olympischen Marathon-Halbfinals gegen Japan, länger und spannender kann ein Teamduell nicht sein. Als es schließlich 3:2 für Deutschland stand, ließ sich Boll erschöpft von der körperlichen und mehr noch von der psychischen Belastung rücklings auf den roten Hallenboden fallen.
Umarmung für den Anführer
Die 6000 chinesischen Zuschauer standen in diesem Augenblick auf und feierten das deutsche Trio mit ehrlicher Begeisterung. Dimitrij Ovtcharov und Christian Süß kamen als erste angestürmt und umarmten ihren Anführer, dann warf sich auch noch Bundestrainer Richard Prause auf seine Spieler. Und so lagen sie glücklich neben der Platte, die der Hersteller passenderweise „Double Happyness“ genannt hatte.
„Es war mein großer Traum, hier das Finale spielen zu dürfen“, sagte Dimitrij Ovtcharov. Der 19-Jährige hatte mit „dem besten Spiel meines Lebens“ gegen den in China aufgewachsenen Kan Yo (3:2) die Grundlage für den Erfolg geschaffen. Als sich das Jubelknäuel entwirrte, flossen bei Boll die Tränen. Der Siebenundzwanzigjährige trug im letzten Spiel die ganze Last der Verantwortung alleine. „Ich wünsche keinem, unter einem solchen Druck arbeiten zu müssen, deswegen ist am Ende alles aus mir herausgekommen“, sagte Boll, „das war das wichtigste Spiel meiner Karriere.“
Angst und Nervosität
Dabei geriet der Europameister gegen Seiya Kishikawa vom Bundesligaklub Werder Bremen, der in der Weltrangliste 57 Plätze hinter Boll (6) eingestuft wird, in arge Bedrängnis. „Wir waren so nervös, wir hatten solche Angst, dass wir noch verlieren“, beschrieb Ovtcharov die Gefühlslage auf der deutschen Bank. Bei jedem Punkt für Boll sprang der gebürtige Ukrainer auf, bei jedem Punkt gegen Boll vergrub er sein Gesicht in den Händen. Kishikawa wuchs über sich hinaus, und Boll hatte die japanische Kampfkunst und seine flatternden Nerven gegen sich. „Vor dem fünften Satz habe ich zu mir gesagt, 'jetzt kannst du zeigen, ob du ein Gewinner oder ein Verlierer bist'.“ Timo Boll ist ein Gewinner.
Von seinen dritten Olympischen Spielen kann er die ersehnte Medaille mitbringen. Das war bisher lediglich den deutschen Spielern Jörg Roßkopf (Bronze/1996) im Einzel sowie Roßkopf und Steffen Fetzner (Silber/1992) im Doppel gelungen. Nach dem Startsieg von Ovtcharov hatte auch Boll ein Einzel gegen seinen bisherigen Teamkollegen bei Borussia Düsseldorf Jun Mizutani (3:1) gewonnen. Alles sah nach einem glatten 3:0-Erfolg aus. Bundestrainer Prause schonte Boll im Doppel und prompt unterlagen Ovtcharov/Süß gegen Kishikawa/Mizutani (1:3). Christian Süß verlor sein Einzel trotz drei Matchbällen gegen Kan Yo (2:3) - alles war wieder offen, und Boll wieder an der Reihe.
„Ich hätte mich umgebracht oder wäre ausgewandert“
„Ich werde Timo ein Leben lang dankbar sei“, sagte Süß, der keinen Punkt zum Erfolg beitragen konnte. „Ich hätte mir das nie verziehen, wenn wir nicht noch das Finale erreicht hätten. Ich hätte mich umgebracht oder wäre ausgewandert.“ Das ist nun nicht mehr nötig. Über ihre Chancen gegen die Chinesen, die ihr Semifinale sehr eindrucksvoll 3:0 gegen Südkorea gewannen, machen sich Nationalspieler und Trainer auch im ersten Überschwang keine Illusionen.
China hat 16 von 20 olympischen Gold-Medaillen und seit 2004 alle 16 Titel bei fünf Individual- und Team-Weltmeisterschaften gewonnen. „Wir müssen am Limit spielen und sie müssen verkrampfen“, dann gäbe es eine Chance, sagt Boll. Aber er hörte sich nicht so an, als würde er selbst an eine solche Überraschung glauben. Dafür ist der Abstand zur Weltmacht in diesem Sport zu groß.
China ist anders
Sein Weltcupsieg in China, als er einen Star nach dem anderen besiegen konnte, ist mittlerweile drei Jahre vorbei. „Das war vor meinen Verletzungen“, sagte Boll und zuckte mit den Schultern. Chinas Helden Wang Hao, Ma Lin und Wang Liqin werden in der Weltrangliste an den Plätzen eins, zwei und vier geführt. Die drei für Deutschland spielenden Düsseldorfer stehen an den Positionen sechs (Boll), vierzehn (Ovtcharov) und vierzig (Süß).
Allein der jungen Ovtcharov hat einen Hoffnungsschimmer zu bieten, er gewann in diesem Jahr bei den Südkorea-Open gegen Wang Liqin. Und so klammern sich die Deutschen an die Weisheit, der Favorit stünde im eigenen Land unter ganz besonderem Druck. Das mag im Westen gelten, China ist anders. Das verrät ein Blick auf den Medaillenspiegel.