16.08.2008 · Vor dem Basketball-Spiel Deutschland gegen China sprengen die Erwartungen jeden Rahmen. Zwischen Yao Ming und Dirk Nowitzki wird die Qualifikation für das Viertelfinale ausgespielt.
Von Peter Penders, PekingWo sie auch auftauchen, lösen sie grenzenlosen Jubel aus. Chinas Basketballstar Yao Ming und der Deutsche Dirk Nowitzki können dieser Anerkennung nicht entgehen. Sie sind die Schlüsselfiguren im Spiel ihrer Mannschaften, um sie dreht sich auf und neben dem Spielfeld alles. Auch ihr olympischer Alltag sieht daher etwas anders aus als der ihrer Athletenkollegen. Jeder ihrer Schritte wird beobachtet und bewertet, jede noch so kleine Gestik registriert.
Zwar geht es den Topstars der Tennisspieler, dem Spanier Rafael Nadal und dem Schweizer Roger Federer, ebenso, aber die beiden haben wenigstens auf dem Tennisplatz keine körperliche Nähe mit wem auch immer zu befürchten. Für die Basketball-Helden geht es auf dem Spielfeld allerdings erst richtig los.
Nowitzki steckt die Härte klaglos weg
Auch und erst recht an diesem Samstag (14 Uhr MESZ), wenn China und Deutschland im direkten Duell den vierten Platz der Gruppe B und damit die Qualifikation für das Viertelfinale ausspielen. Das Interesse ist riesig. Nicht einmal für die Verwandten oder Freunde der chinesischen Spieler gab es noch Karten für die Partie, mit der in Peking leicht ein großes Fußballstadion hätte gefüllt werden können. 16000 Fans werden wohl vorwiegend die chinesische Mannschaft mit allem unterstützen, was Lärm macht. „So ein Spiel macht Spaß“, sagt Nowitzki.
Das wird er von den vergangenen beiden Partien nicht behaupten. Dass die Griechen und Spanier den deutschen Superstar mit großer Härte versuchen würden zu stoppen, dass sie sich zu zweit oder dritt darauf konzentrierten, ihn nicht ins Spiel kommen zu lassen, dass sie ihn wegdrängten aus günstigen Positionen, das alles war zu erwarten gewesen. Dass die Schiedsrichter dies zuließen, eher nicht. Gegen Griechenland bekam Nowitzki ganze zwei Freiwürfe zugesprochen, gegen Spanien überhaupt keinen. „Dass Dirk keinen Bonus hat bei den Schiedsrichtern als NBA-Star, ist schwer nachvollziehbar. Aber es ist imponierend, wie klaglos er all die Schläge wegsteckt“, sagte Bundestrainer Dirk Bauermann.
Was zählt, ist die Partie gegen China
Doch obwohl die Deutschen auch ohne einen dominierenden Nowitzki gegen Spanien lange mithielten, werden sie einen spielbestimmenden Nowitzki für einen Sieg gegen China brauchen. Das weiß auch der 2,14 Meter große Forward der Dallas Mavericks. „Ich habe meinen Job nicht gemacht“, sagt er und meint die beiden Spiele gegen Griechenland und Spanien. Was aber zählt, ist die Partie gegen China.
Die Härte im Spiel machte aber nicht nur Nowitzki zu schaffen. Der ungewohnt rabiate Einsatz der Gegner hat auch Chris Kaman fast alles von dem Einfluss auf das deutsche Spiel genommen, den sich alle versprochen hatten. In der NBA wird anders gespielt, was auch so manche Schwierigkeit amerikanischer Teams in der jüngeren Vergangenheit teilweise erklärt. Doch mit dem Einsatz des schnell eingebürgerten 2,13 Meter großen Center der Los Angeles Clippers hatte Bauermann vermutlich mit mehr Raum für Nowitzki und einem zusätzlichen gefährlichen Punktesammler bei diesen Olympischen Spielen gerechnet. Das hätte auch den Rest der Mannschaft besser in Schusspositionen gebracht.
Hockey-Spieler Keller: „Ein irrsinnig netter Kerl“
Dieser Plan wurde jedoch von den Griechen und Spaniern sehr energisch durchkreuzt. Gegen Griechenland wurde Kaman bei vier Punkten und vielen Ballverlusten gar zum Sicherheitsrisiko, gegen Spanien spielte er nur siebeneinhalb Minuten in der zweiten Halbzeit. Von seiner guten Laune, die Kaman nach seinen 24 Punkten beim Auftaktsieg über Angola versprühte, ist nicht mehr viel geblieben. Vielleicht hat aber nicht Kamans Schwächephase, sondern der Wirbel um seine Person und die Atmosphäre der Olympischen Spiele den berühmtesten aller deutschen Olympiateilnehmer ein wenig gebremst. „Er saß in der Kabine auf dem Boden und hat geweint“, erzählte Kaman über seine Erlebnisse mit Nowitzki nach der überstandenen Qualifikation. Und nun schwärmt fast die komplette deutsche Olympia-Mannschaft über den Mann, der in China schon längst grenzenlos verehrt wird.
„Ein irrsinnig netter Kerl. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass der 40 Millionen im Jahr verdient“, sagt Hockey-Nationalspieler Florian Keller. Wo man auch hinhört - jeder will ihn spielen sehen, und schon seine bloße Anwesenheit gibt allen einen Schub.
Nowitzki als Klammer des deutschen Teams
Ad absurdum geführt sind die kleinkrämerischen Hinweise der Schützen oder der Kanu-Protagonistin Birgit Fischer, die sich über die Wahl des NBA-Profis zum Fahnenträger mokierten. Wenn es eine Klammer gibt, die alle deutschen Olympiateilnehmer in der ersten Woche verbunden hat, dann heißt sie Nowitzki. Und nicht nur die Begeisterung der deutschen Dorfbewohner ist groß. „Ich habe fast einen Herzanfall bekommen, als ich ihn gesehen habe. Wir haben ein Foto zusammen gemacht, das ist der Höhepunkt der Spiele“, sagte die Amerikanerin Nastia Liukin. Am Freitag wurde sie Mehrkampf-Olympiasiegerin.
Eine schöne Rolle für den Hünen, aber auch eine schwere. Ähnliches erfährt auch Yao Ming. Denn wenn es um psychische Belastungen geht, dann hat er noch mehr auszuhalten, und wenn es eine Steigerung des Wortes Superstar gäbe, dann müsste sie Yao Ming lauten. Seine NBA-Spiele mit den Houston Rockets hielten alle Rekorde im chinesischen Fernsehen, ehe China nun im olympischen Turnier auf die Vereinigten Staaten traf. Mehr als eine Milliarde Menschen sollen dieses Spiel weltweit gesehen haben. Und die Erwartungen vor der Partie gegen Deutschland sprengen jeden Rahmen. Es wird das bislang wichtigste Spiel in der Karriere von Yao Ming, der mit Abstand größten Sportikone des Landes.
China baut auf Mavericks-Knowhow gegen Nowitzki
Das Erreichen des Viertelfinales hat der chinesische Fahnenträger von 2004 und 2008 in dieser schweren Vorrundengruppe vor Beginn des Turniers als Ziel ausgegeben, was die Nation aufheulen ließ. Achter war China schon in Athen, mit dem Heimvorteil im Rücken erwarten sie mehr. Aber sie sind gut vorbereitet auf dieses wichtige Ereignis. Dass der Partie gegen Deutschland die Schlüsselrolle zufällt, war zu erwarten. Vermutlich nicht zufällig haben die Chinesen deshalb als Co-Trainer Donnie Nelson, den General Manager der Dallas Mavericks, verpflichtet. Sein Vater hatte einst Nowitzki nach Dallas geholt.
Wie sein Spieler im deutschen Trikot zu stoppen ist, wird Nelson junior vermutlich wissen. Doch ob es die Chinesen so können, wie es die Spanier und Griechen zeigten, bleibt die Frage. Nowitzki wird hoffen, dass die stark vom amerikanischen Basketball beeinflussten Chinesen den europäischen Stil harter Verteidigung nicht beherrschen. Im Kopieren aber, das weiß man, sind Chinesen oft sehr gelehrige Schüler mit schnellen Lernerfolgen.