06.09.2006 · Die Anschläge vom 11. September 2001 hatten Auswirkungen weit über Amerika hinaus. Was haben sie geopolitisch verändert? Fünf zentrale Fragen und ihre Antworten.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerDie Anschläge vom 11. September 2001 hatten Auswirkungen weit über Amerika hinaus. Was haben sie geopolitisch verändert? Fünf zentrale Fragen und ihre Antworten.
Wäre Amerika in den Krieg im Irak gezogen, wenn es „9/11“ nicht gegeben hätte?
„Am 11. September hat die Welt angefangen.“ - Dieser Satz stammt von Richard Perle, einem Paten der Neokonservativen im Umkreis der Regierung George W. Bushs. Gleich in mehrfacher Hinsicht ist er emblematisch. Denn der Angriff auf Amerika gab Bushs Präsidentschaft, die bis dahin eher uninspiriert war, ein Motiv und einen Zweck: Sicherheit.
Er warf darüber hinaus außenpolitische Prioritäten und Denkansätze über den Haufen, veränderte die amerikanische Weltpolitik im Zeichen des islamistischen Terrorismus grundlegend. Nicht nur das: Um diesen Kampf zu gewinnen, meinte die Regierung sich in Grauzonen des Rechts bewegen zu müssen (oder zu können) - Guantánamo steht für diese Problematik.
Bush, der seine Wiederwahl dem Nimbus als Sicherheitspräsident verdankt, konnte sich lange auf den trotzigen Widerstandsgeist der Amerikaner stützen. Der begleitete die amerikanischen Soldaten im Oktober 2001 nach Afghanistan, und diese Grundstimmung war auch maßgeblich dafür, daß der Kongreß den Präsidenten im Herbst 2002 zu einem Krieg gegen den Irak - er begann im folgenden März - ermächtigte. Warum eigentlich?
Regimewechsel in Bagdad - das war schon unter Bill Clinton offizielle Politik der Vereinigten Staaten. Und der neuen Regierung Bush gehörten prominente Leute an, die in den neunziger Jahren genau dafür geworben hatten, die aber bis zum Tag des Massenmords nicht das Ohr des Präsidenten hatten. Das änderte sich unter dem Eindruck dieses Massenmords auf amerikanischem Boden schlagartig, auch deshalb, weil sie ein Konzept anbieten konnten: die Modernisierung des den Terror gebärenden islamisch-arabischen Milieus.
Der Anfang sollte in Bagdad gemacht werden. Das Hauptargument für den Irak-Krieg, Saddams Verfügung über Massenvernichtungswaffen, erwies sich als Fiktion, die Nebenlinie, vermutete Verbindungen Saddam Husseins zu Al Qaida, als falsch. Es war ein Krieg, von dem selbst Bushs Gegner wußten, daß er kommen werde, für den der „wahre“ Grund bis heute gesucht wird. In der Praxis war er die Ausführung der Bush-Doktrin, einer Kombination von demokratischer Mission mit realpolitischer Vorwärtsverteidigung.
Werden die Taliban wieder zu einer ernsthaften Bedrohung in Afghanistan?
Amerikas Krieg gegen den Terrorismus begann im Land am Hindukusch, dessen Herrscher, die Taliban unter Mullah Omar, die Terroristen von Al Qaida seit Jahren beherbergt hatten. Afghanistan war zum militärischen Trainings- und zum religiösen Aufrüstungsplatz von Dschihadisten aus Algerien bis Indonesien geworden. Das Regime wurde dafür und für den Terrorexport bestraft. Heute steht der Neuanfang auf der Kippe: Zum einen ist die Autorität von Präsident Hamid Karzai geographisch beschränkt, zum anderen verstellen Traditionalismus und Tribalismus der Afghanen einer demokratischen Perspektive den Weg.
Die Staatengemeinschaft hat viel investiert, damit dieses Experiment dennoch gelingt - Tausende Nato-Soldaten sind dort in einem gefährlichen Einsatz. Sie treffen auf wachsende Ablehnung. Die Sicherheit ist porös, blühende Landschaften sind noch nicht entstanden. Die wachsende Kampftätigkeit der Taliban hängt damit zusammen und ist überdies dem Umstand zuzuschreiben, daß sie noch immer Rückhalt in Pakistan haben. Die Herrschaft über Afghanistan werden sie nicht wiedererlangen.
Auf wessen Seite steht eigentlich Saudi-Arabien?
Weil so viele der Attentäter vom „11. September“ Saudis waren und auch Usama Bin Ladin bis zu deren Entzug die saudische Staatsbürgerschaft besaß, richtete sich der Fokus zwangsläufig auf das Wüstenkönigreich und seine rigide islamische politische Kultur. Mindestens in Amerika wurde ein Generalverdacht geäußert, der in die politische Forderung übersetzt wurde, das Land müsse sich aus der (vermeintlichen) Abhängigkeit vom saudischen Öl lösen.
Was man weiß, ist das: Saudi-Arabien hatte die Mudschahedin gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan finanziell unterstützt; es hatte auch das Taliban-Regime anerkannt und alimentiert. Es hat den Export des Islams - auch des Islamismus - betrieben; überall auf der Welt sind Moscheen entstanden - gebaut mit saudischem Geld. Und der Wahhabismus selbst hat starke antiwestliche Züge; die Anwesenheit amerikanischer Soldaten während und nach dem zweiten Golfkrieg war nicht nur radikalen Imamen ein Quell der Ärgernis.
Aber der Islam-Export und antiwestliche Propaganda sind wie ein Bumerang zurückgekommen: Unzählige Personen - westliche Ausländer, arabische Gastarbeiter, Einheimische - haben allein bei Anschlägen in den Jahren 2003 und 2004 das Leben verloren. Mit der Erfahrung, selbst Opfer zu sein, gehen die saudischen Sicherheitsbehörden heute viel entschiedener gegen terroristische Zellen vor, und die Führung ist weit weniger willig, islamistische Hetze, die sich auch gegen sie selbst richtet, zu dulden.
Sind die nach „9/11“ entstandenen Bündnisse von Dauer?
Es war zwar der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Amerika uneingeschränkte Solidarität zugesagt hatte; schließlich wurden die Attentate auch in Deutschland vorbereitet. Die Solidarität wurde im Kampf gegen den Terrorismus auch umfassend gewährt, zu Bushs Irak-Politik ging Schröder politisch und militärisch auf Gegenkurs, ohne sie aber wirklich verhindern zu können.
Entscheidende strategische Neupositionierungen nahmen andere vor: die Führungen Rußlands und Pakistans. Wladimir Putin war der erste, der Bush Beistand anbot; dieses Angebot ging bis zur Duldung amerikanischer Truppen in Zentralasien. Ein Motiv war sicherlich, dadurch seine Tschetschenien-Politik aus der Kritik zu holen. Mit einigem Erfolg konnte Putin den Krieg im Kaukasus als Antiterrorkrieg uminterpretieren.
Präsident Pervez Musharraf, dessen Land enge Beziehungen zu den Taliban unterhielt, um strategische Tiefe gegenüber Indien zu gewinnen, suchte diesen Malus in einen Vorteil umzuwandeln: als Verbündeter Amerikas gegen Taliban und Al Qaida. Musharraf traf die Wahl, vor die Bush ihn und andere gestellt hatten: Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns! Er schaffte es so, aus einem Staat am Rande des Scheiterns und der Unregierbarkeit zeitweise einen Premium-Partner zu machen. Putins Liebe zu Amerika ist mittlerweile in altem Rivalitätsdenken erkaltet. Selbstbewußt dank der Erlöse aus dem Öl- und Gasexport, reklamiert er Rußlands Hinterhöfe wieder nur für sich.
Ist der „11. September“ ein Fanal im „Kampf der Kulturen“?
Aus den Schriften und Äußerungen Bin Ladins lassen sich klare geopolitische Ziele herauslesen: die „Befreiung“ der Arabischen Halbinsel von amerikanischer - schon gar militärischer - Präsenz, generell der Kampf gegen Israel - bis zur Vernichtung - und Amerika, der Sturz moderater arabisch-muslimischer Regime, die mit dem Westen verbunden sind. Gerade das letzte Ziel wird oft auch als Aufruf zum innerislamischen Bürgerkrieg interpretiert; dabei gibt es zwei Varianten: Radikale gegen Moderate, Sunniten gegen Schiiten.
Schon 1998 hatte Bin Ladin in einer Fatwa zur Ermordung von Amerikanern aufgerufen, wo immer man ihrer habhaft werden könne. Andere Islamisten haben immer die politische Expansion des Islamismus propagiert, also die Wiederherstellung eines Kalifats, und den Terror als Mittel zum Zweck gerechtfertigt.
Ließen sich die Attentäter des „11. September“ und jene, die ihnen nacheiferten, von solchen Aspirationen leiten? Der New Yorker Intellektuelle Paul Berman etwa bezweifelt das und sieht dieselbe nihilistische Phantasie von revolutionärer Macht und dem Abschlachten von Massen am Werk, die schon die Nazis und die Russen im vergangenen Jahrhundert angetrieben habe. Dieser Nihilismus freilich ist gepaart mit einem spezifischen moralischen Überlegenheitsgefühl gegenüber dem amerikanisierten Westen auf der einen und einem Opfermythos auf der anderen Seite.
Es gibt mehrere Gründe, warum sich der Westen - insbesondere Amerika - und die arabisch-muslimische Welt auseinanderentwickelt haben. Aber die Verschärfung dieses Gegensatzes und die Radikalisierung jener sozioreligiösen Gärungsprozesse, die überall in der arabischen Welt zu beobachten sind, finden im Terrorismus ein Ventil, an dem auch Haßprediger drehen.
Der Westen muß sich darauf einstellen, daß ein bestimmtes islamistisch-politisch-kulturelles Milieu mörderische Leidenschaften gebiert, die nicht sozialpflegerisch wegzutherapieren sind. Wie leicht diese antiwestlichen Leidenschaften zu mobilisieren sind, hat der Streit um die Mohammed-Karikaturen gezeigt. Sicher spielten bei dieser Mobilisierung auch Machtinteressen mittelöstlicher Diktaturen eine Rolle. Aber der Konflikt, um den es dabei ging, ist und bleibt ein grundsätzlicher.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
Jüngste Beiträge