Stellen Sie sich vor: Während Sie dies lesen, explodieren in den Häfen von Los Angeles und der Nachbarstadt Long Beach zwei kleine von Terroristen deponierte „schmutzige Bomben“. Dabei handelt es sich um im Grundsatz gewöhnliche Bomben, die - und das macht sie „schmutzig“ - jedoch radioaktives Material in die Umgebung verteilen.
Die Terroristen hätten das radioaktive Material aus einem amerikanischen Industrielabor gestohlen, dann mehrere Wochen an den Bomben gebaut und sie schließlich unerkannt in die beiden Häfen eingeschmuggelt. Nach den Explosionen durchzöge kurze Zeit eine radioaktiv verseuchte Wolke die nähere Umgebung, ehe sie sich in der Luft auflöst.
Wenige Tote
Die Zahl der Todesopfer wäre glücklicherweise gering, weil die Bomben nur in einem Umkreis von 15 Metern unmittelbar zerstörerisch wirken. Doch veranlaßte die Verteilung radioaktiven Materials die Behörden, alle Menschen aus dem näheren Umkreis in Sicherheit zu bringen und die Häfen von Los Angeles und Long Beach für 120 Tage zu schließen.
Das hätte schwerwiegende ökonomische Folgen, denn Los Angeles und Long Beach betreiben den drittgrößten Hafenkomplex der Welt, der jedes Jahr mehr als 100 Millionen Tonnen Güter im Wert von 140 Milliarden Dollar abfertigt. Als größter Pazifikhafen der Vereinigten Staaten besitzt Los Angeles/Long Beach für die Wirtschaft nicht nur eine regionale, sondern eine nationale Bedeutung.
Terrorismus ökonomisch
Die Hafenschließungen verursachten einen Schaden von etwa 63 Milliarden Dollar; unter anderem weil Hafenarbeiter ihren Job verlieren und Unternehmen in Konkurs gehen, die vier Monate lang keine Güter nach Übersee verschiffen oder von dort beziehen können. Zudem beliefen sich die Kosten der Dekontaminierung der Häfen und ihrer Umgebung auf mehrere Milliarden Euro, und die Besitzer von Immobilien in der Gegend erlitten Wertverluste. Alles zusammengenommen, kämen die beiden kleinen Bomben die amerikanische Wirtschaft teuer zu stehen.
Der terroristische Anschlag auf die Häfen von Los Angeles und Long Beach hat sich in Wirklichkeit nie zugetragen, sondern ist eine Simulation der Ökonomen Heather Rossoff und Detlof von Winterfeldt. Seit dem 11. September 2001 gehört die Beschäftigung mit dem Terror auch zum Arbeitsfeld von Wirtschaftsfachleuten an Universitäten und in Unternehmen. Sie versuchen, die ökonomischen Konsequenzen des Terrors zu verstehen und zu kalkulieren.
Die unberechenbaren Kosten
Die wirtschaftlichen Kosten zerfallen in zwei Kategorien. Das sind zunächst die Kosten von Terroranschlägen, dann aber auch die Kosten der Bekämpfung des Terrors. Zu denken, es ließe sich für Usama Bin Ladin und seine Gesinnungsgenossen eine Rechnung auf Heller und Pfennig aufstellen, wäre jedoch vermessen. Die genauen materiellen Kosten des Terrors sind nicht berechenbar; sicher ist nur, daß er die Weltwirtschaft keinesfalls ins Wanken bringt.
So ist es unmöglich, den wirtschaftlichen Schaden der Anschläge auf das World Trade Center präzise zu ermitteln. Denn die Ereignisse des 11. September 2001 wirkten weit über den Tag hinaus. So blieben in den Vereinigten Staaten alle Flugzeuge auf Anordnung der Regierung für einige Tage am Boden, woraus sich eine Krise amerikanischer Fluggesellschaften entwickelte, die manche bis heute nicht überwunden haben. Die Anschläge lösten ferner einen Kurseinbruch an den Börsen sowie einen Anstieg des Ölpreises aus und verstärkten einen ohnehin bereits in Gang befindlichen Abschwung der Weltwirtschaft.
Die Luftfahrt boomt dennoch in aller Welt
Ebenso sind die Simulationen von Ökonomen mit Vorsicht zu genießen. Das gilt auch für das oben beschriebene Beispiel der zwei Bomben in den Häfen von Los Angeles und Long Beach. In ihrer Arbeit untersuchen die Autoren verschiedene Szenarien mit etwas kleineren und etwas größeren Bomben, deren materielle Schäden von nahe null bis etwa 1000 Milliarden Dollar reichen.
Sehr schwer kalkulierbar ist vor allem der psychologische Aspekt, denn die langfristigen ökonomischen Folgen des Terrors hängen wesentlich davon ab, ob Menschen nach Anschlägen ihr Verhalten dauerhaft ändern. Terror kann Angst und Verunsicherung erzeugen, die Konsumenten veranlassen mögen, Ausgaben zurückzustellen, und Unternehmern einen Anlaß geben, geplante Investitionen noch einmal zu überprüfen.
Unbestreitbar haben die Anschläge vom 11. September einige Zeit die Weltwirtschaft belastet. In Amerika stiegen viele Menschen erst einmal nicht mehr in Flugzeuge. Auf lange Sicht ist eine Krise der Branche aber nicht erkennbar: Im vergangenen Jahr meldeten die Flugzeugkonstrukteure Airbus und Boeing Rekordaufträge. Die Luftfahrt boomt in aller Welt. Ähnliches gilt für den Tourismus, der auch nicht nachhaltig unter Bombenanschlägen leidet. Die Menschen haben gelernt, mit dem Terror zu leben, und lassen sich kaum beeindrucken. Aus diesem Grund vermag Terror nicht die Weltwirtschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern.
Die Produzenten von Sicherheit
Viele Menschen bleiben auch deswegen gelassen, weil der Staat Anstrengungen als Produzent von Sicherheit unternimmt. Hierfür sind sie sogar bereit, Einschränkungen von Freiheitsrechten zu akzeptieren, die etwa eine zunehmende Videoüberwachung von Straßen, Plätzen und Gebäuden oder Intimgrenzen kaum noch respektierende Personenkontrollen auf Flughäfen mit sich bringen. Sicherheit produzieren auch Unternehmen; zum Beispiel durch den Einbau hermetisch abschließender Türen zum Cockpit eines Flugzeugs oder die Einstellung bewaffneter Flugbegleiter („Airmarshalls“).
In der Bekämpfung des Terrors unterscheiden Ökonomen wie der amerikanische „Branchenguru“ Todd Sandler zwei Strategien: eine unmittelbar sehr teure, und eine zweite, die nicht teuer erscheint, es aber dennoch ist. Die offensichtlich teure Strategie besteht darin, Terroristen militärisch dort zu treffen, wo er zu Hause ist. Beispiele bilden die jüngsten Kriege in Afghanistan und im Irak.
Nach Berechnungen des Kongresses in Washington hat der Irak-Krieg die Vereinigten Staaten bisher etwa 300 Milliarden Dollar gekostet. Selbst unter der optimistischen Annahme, daß die amerikanischen Truppen den Irak bis 2009 fast vollständig räumen werden, errechneten sich Kosten von mehr als 500 Milliarden Dollar. Freilich kennt ein Krieg nicht nur Verlierer: Für die amerikanische Rüstungsindustrie erweist er sich als vorteilhaft.
Lieber an die Mafia
Aus ökonomischer Sicht besitzt die Strategie der aktiven Terrorbekämpfung durch Militärschläge zwei Probleme. Zum einen kann ihr Ziel, den Terrorismus zu bekämpfen, scheitern. Doch selbst wenn sie erfolgreich ist, bleiben die Lasten ungleich verteilt. Denn vom Verschwinden des Terrors profitieren auch alle Länder, die sich nicht an Militäraktionen beteiligen, obgleich sie potentielle Ziele für Anschläge wären.
Eine andere Strategie gegen den Terror besteht in der Abschottung des eigenen Landes. Auch auf sie greifen die Vereinigten Staaten zurück, indem sie die Einreise in ihr Land erschweren oder ohnehin vorhandene protektionistische Neigungen mit Verweis auf terroristische Bedrohungen legitimieren.
Die Botschaft kommt im Volke an: Nach einer Umfrage des Fernsehsenders CNN würden 63 Prozent der Befragten amerikanische Häfen lieber an die Mafia als an ein arabisches Unternehmen verkaufen. Gratis ist diese Strategie freilich nicht: Protektionismus kostet auf lange Sicht Wohlstand, auch wenn seine Wirkungen nicht sofort erkennbar sind.
Terror lohnt sich nicht
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 07.09.2006, 15:48 Uhr
Stimmt, aber das gilt auch für Israel und USA!
jörg sutter (jsutter)
- 07.09.2006, 16:59 Uhr
Ein sachlicher Beitrag - hausgemachter Terror im Irak
Marc Herbermann (Text)
- 07.09.2006, 18:53 Uhr
