12.02.2010 · Schon gehört? Mehr als dreißig Dopingfälle kurz vor den Olympischen Winterspielen! Der Wada-Chef hat mit viel Wirbel eine ganze Population von altersschwachen Kaninchen aus seinem Anti-Doping-Zylinder gezaubert. Hinter diesem Taschenspielertrick verschwand leider eine ganze Reihe von Fakten.
Von Evi Simeoni, VancouverSchon gehört? Mehr als dreißig Dopingfälle kurz vor den Olympischen Winterspielen! „Eine signifikante Zahl“, sagte John Fahey, der Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), in Vancouver stolz. Ja, das klingt gut. Mehr als dreißig unehrliche Sportler, denen man kurz vor dem Einmarsch der Nationen noch ein Bein gestellt hat. Da lohnen sich doch die Millionen, die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und den Regierungen der Staaten dieser Welt für die Wada aufgebracht werden, die Koordinierungs- und Überwachungsstelle im Welt-Anti-Doping-Kampf. Aber leider, erklärte Fahey mit staatsmännischem Bedauern, könne er keine Details bekanntgeben. „Das ist nicht die Rolle der Wada.“ Man werde keine Fälle kommentieren, die noch nicht abgeschlossen seien.
Aber toll. Der Anti-Doping-Kampf, erklärte der Präsident auf der traditionellen Pressekonferenz am Vorabend Olympischer Spiele, entwickle sich stetig weiter. Nie sei es so schwer gewesen, zu betrügen, sagte Fahey stolz. Über Wochen und Monate habe man in den Nationalmannschaften bei allen möglichen Gelegenheiten getestet, um die Athleten hier in Vancouver vor ihren unfairen Konkurrenten zu beschützen. Aber Diskretion sei angesagt. „Wir sind für Fair Play.“
Fair Play? Das hätte er sich früher überlegen müssen. Der Australier, der seit November 2007 die Agentur anführt, hat sich vor lauter Enthusiasmus für die Erfolge seiner Organisation selbst nicht daran gehalten. Er hat erst vor der Vollversammlung des IOC und dann vor Journalisten aus der ganzen Welt mit viel Wirbel eine ganze Population von altersschwachen Kaninchen aus seinem Anti-Doping-Zylinder gezaubert. Zu den angeblichen Fahndungserfolgen der vorolympischen Anstrengungen gehörte zum Beispiel die streng geheime Dopingsache der Berliner Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, die in Deutschland und der Welt bereits Abertausende von Zeitungszeilen und Sendeminuten hervorgebracht hat.
Dazu die mindestens elf positiven Fälle russischer Ski-Langläufer und Biathleten in den vergangenen zwölf Monaten. Und zum Beispiel der Fall von Alena Sidko, der Bronzemedaillengewinnerin von Turin 2006 im Langlaufsprint. Brandheiß, diese Geschichte: Dass die Russin sich mit Epo gedopt hatte, wurde erst vor gut zwei Wochen bekannt. Hätten Sie’s gewusst? Mehr als dreißig Dopingbetrüger – das ist die Summe aller positiven Fälle in den vergangenen Monaten im winterlichen Spitzensport.
Die Fakten verschwinden hinter dem Taschenspielertrick
Addieren kann eigentlich jeder. Hinter diesem Taschenspielertrick verschwand leider eine ganze Reihe von Fakten, die belegen, dass bei diesen Spielen der Anti-Doping-Kampf tatsächlich stetig weiter forciert wird. Die Wada spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie stellt in Vancouver eine Gruppe unabhängiger Beobachter, die beurteilen werden, ob das Organisationskomitee (Vanoc), das die Kontrollen im Auftrag des IOC vornimmt, auch einwandfrei arbeitet. Der Bericht der Beobachter der Sommerspiele von Peking, in dem unzählige Verstöße gegen die Meldepflicht festgehalten wurden, hat zu Konsequenzen für Vancouver geführt. Sollte ein Athlet hier zweimal nicht auffindbar sein oder seinen Aufenthaltsort falsch angegeben haben, kann er nach Hause geschickt werden.
Darüber hinaus wird die Wada mit einem Aufklärungs- und Präventionsprogramm in den Athletendörfern aktiv. Und sie gehört zusammen mit dem IOC, dem Vanoc und Vertretern der Fachverbände zu der Task Force, die die Testaktivitäten außerhalb der olympischen Wettkämpfe steuert und koordiniert. Seit dem 4. Februar werden die Olympiateilnehmer überraschend zur Urin- oder Blutprobe gebeten. Die Task Force soll dafür sorgen, dass die Tests zielgerichtet und mit viel kriminologischem Denken vorgenommen werden. Insgesamt soll die Zahl der Tests im Rahmen der Spiele von Vancouver 2000 überschreiten.
Gerüchte dank der Geheimbotschaften
„Die große Mehrheit der Athleten“, erklärte das IOC in einer Mitteilung, „wird während der Spiele getestet werden.“ Bis jetzt allerdings kam nur ein unbedeutender Fall heraus: Der russischen Eishockeyspielerin Svetlana Terentewa wurde die Einnahme eines im Wettkampf nicht erlaubten Schnupfensprays nachgewiesen. Weil sie glaubhaft machen konnte, dass sie sich im Umgang mit dem außerhalb des Wettkampfs erlaubten Stimulans korrekt verhalten hatte, wurde sie nur verwarnt.
Endlich ein Name, wenn auch kein Skandal. Auf den wartet der Rest der Welt nun dank Faheys Geheimbotschaften. Kaum hatte er seine Enthüllungs-Pressekonferenz beendet, begann bereits der Name Hermann Maier unter den Journalisten zu kursieren. Die österreichische Ski-Legende hat schließlich im Oktober 2009 wie aus heiterem Himmel seine Karriere beendet. Einer von Faheys 30 plus? Interessante Frage. Maier kann sich bei der Wada dafür bedanken.