19.02.2010 · Bei den Winterspielen herrscht sportlicher Ausnahmezustand. Kaum Gelegenheit innezuhalten, alles steht unter Dampf. Die Sportpfarrer Schütt und Weber wollen den Aktiven helfen, wieder Balance und Rhythmus zu finden.
Von Rainer Seele, VancouverZeit spielt keine Rolle, nicht bei Hans-Gerd Schütt und Thomas Weber. Sie sind Teil der deutschen Olympia-Mannschaft, aber in ihrem Fall geht es nicht um Minuten, nicht um Hundertstelsekunden. Sie treten in Vancouver auf und in Whistler, sie arbeiten flächendeckend. In ihren gelben Jacken, die sie für die Mission Olympia erhalten haben, ähneln Schütt und Weber ein bisschen den „gelben Engeln“, die in Deutschland vom ADAC auf die Straßen geschickt werden. In gewissem Sinne geht es auch bei ihnen um Reparaturen, sie kümmern sich um Wunden, die nicht zu sehen sind, sie sorgen sich um die Seele.
Schütt und Weber sind im Dienste der Kirchen in Kanada, Schütt als katholischer und Weber als evangelischer Pfarrer. Sie sagen, dass der Glaube nicht nur in die Kirchenmauern gehöre, sie betreuen deshalb nun eine Gemeinde auf Zeit, in der Nähe von Pisten und Eisflächen, eine Gemeinde mit Biathleten, Eisschnellläufern oder Snowboardern. Sie bieten während des sportlichen Stresses Oasen der Besinnung, der Ruhe. „Es ist notwendig, dass wir da sind“, betont Weber. Er sagt, dass er und Schütt den Samen ausstreuen würden auf dem olympischen Terrain, ganz im biblischen Sinne, doch ob er wirklich aufgeht, wissen beide natürlich nicht.
Beim Einkaufen, auf der Straße, im Flugzeug
Es gibt im Olympischen Dorf ein Zentrum für die Weltregionen, das ist seit langem Usus bei Olympia. Schütt und Weber, die in einer Privatunterkunft wohnen, haben kein eigenes Büro, sie halten das auch für verzichtbar. „Das würde nicht viel bringen“, sagt Schütt. „Wir machen uns auf den Weg und suchen Kontakte.“ Sie sind das ja aus dem Alltag gewohnt, sie haben festgestellt, dass die besten Gespräche zufällig zustande kommen, beim Einkaufen oder auf der Straße. Oder im Flugzeug. Als sie nach Vancouver geflogen waren, entwickelte sich eine Unterhaltung mit deutschen Eishockeyspielern, und plötzlich war der Tod ein Thema - noch vor dem fürchterlichen Unfall des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili.
Einer der Spieler begann von Robert Müller zu erzählen, von dem Eishockeytorwart, der einem Krebsleiden erlegen war. Er sagte, dass er danach darüber nachgedacht habe, was wirklich zähle im Leben - die Familie, die Zeit nach dem Sport. Der Spieler hatte Vertrauen zu Schütt und Weber gefasst, er öffnete sich, und die beiden Sportpfarrer sagen, dass in dieser Situation einer ihrer großen Vorteile deutlich geworden sei: „Wir kommen von außen“, sagt Schütt, „wir sind nicht Bestandteil des Sportsystems, wir stellen einen geschützten Raum dar.“ Einen Raum, in dem Gefühle leichter zu artikulieren sind als in der Begegnung mit anderen Sportlern oder mit Funktionären.
„Alles steht unter Dampf“
Nicht, dass Schütt und Weber nun immer wieder tiefere Unterredungen über den Fall Kumaritaschwili führen würden, dass das Sterben - auch im Zusammenhang mit dem Fußballtorwart Robert Enke - bei ihrem Wirken in Kanada eine zentrale Rolle einnehmen würde. Ohnehin bleibt die Frage unbeantwortet, ob die Ängste und Nöte, die Enke in den Freitod getrieben hatten, tatsächlich zu einem Umdenken im Sport führen werden, zu einem offeneren Umgang mit seelischem Schmerz, auch unter Teilnehmern an Winterspielen. Weber vergleicht das mit einem schweren Autounfall: Vorbeifahrende passieren die Unglücksstelle langsam und vorsichtig - „20 Kilometer weiter wird wieder gerast“.
So ist das ja auch bei Olympia, einem sportlichen Ausnahmezustand. Kaum Gelegenheit innezuhalten, „alles steht unter Dampf“, sagt Schütt, jeder ist auf seinen Wettkampf fokussiert. Vielleicht ist die Auseinandersetzung mit dem Ich erst nach einem solchen sportlichen Kraftakt möglich, Schütt und Weber jedenfalls setzen darauf. Als Ermunterung gewissermaßen haben sie an die Olympia-Starter eine Broschüre mit dem Titel „Mittendrin“ verteilt. Darin sind Gedanken über Gott und die Welt enthalten, über den „Stangenwald des Lebens“, über die Gefahr des Einfädelns - und über Möglichkeiten, wieder Balance und Rhythmus zu finden. Ein Psalm für Sportler zum Beispiel soll als Unterstützung dienen, darin ist zu lesen: „Der Herr ist mein Trainer, ich werde nicht versagen. Er bleibt an meiner Seite, wenn alle mich verlassen. Er ist mein Halt, wenn alle Sicherheiten wegbrechen.“
Gottesdienst mit großem Zulauf
Schütt und Weber haben Erfahrungen mit Athleten in Turin und in Peking gesammelt, und manchmal gab es noch nach den Spielen eine Verbindung. Weber etwa gestaltete die kirchliche Trauung eines Sportlers, der nach Olympia in Peking heiratete. Die Sportpfarrer reichen bei einem Neuanfang die Hand, und sie sind zur Stelle, wenn es um das Ende geht, das Ende einer Karriere. Wenn Sportler schwanken, ob sie - obwohl sie ihren Leistungszenit bereits überschritten haben - wirklich loslassen sollen, ob sie bereit sind für einen neuen Lebensabschnitt. Dann empfiehlt Schütt, auf innere Entdeckungsreise zu gehen, Empfindungen genau auszuloten - in der Regel mit dem Ergebnis, dass der Rücktritt doch die beste Wahl ist.
Schütt hat auch noch in guter Erinnerung, wie ein Rodler, der in Turin als Favorit eine Medaille verpasst hatte, während ihres Zusammenseins eine Bemerkung seiner Großmutter erwähnte: „Wer weiß, wofür es gut war.“ Schütt findet: „Da steckt Lebensweisheit drin.“ Er und Weber wollen ihre Erkenntnisse aus dem Spitzensport bündeln, sie sollen der Basis in den Vereinen zugutekommen, nicht zuletzt dem Nachwuchs. Seit 2003 ist Schütt Olympiapfarrer der Deutschen Bischofskonferenz; er wolle den Jungen „den Rucksack“ so packen, dass sie in wichtigen Angelegenheiten die richtigen Entscheidungen treffen könnten.
In Vancouver planen Schütt und Weber nun auch einen Gottesdienst im deutschen Quartier, sie rechnen mit großem Zulauf. Sie glauben die Sehnsucht vieler Sportler nach einem solchen Refugium zu kennen. „Es wird mehr gebetet“, sagt Weber, „als man denkt.“