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Tobias Angerer Noch einmal voll auf Angriff

28.02.2010 ·  Trotz der Enttäuschung mit der Staffel ist bei Tobias Angerer der Kopf frei für die Marathon-Qual. „Der Fünfziger ist zwar nicht mein Hauptwettkampf“, sagt Angerer, „aber ich rechne mir trotzdem etwas aus.“

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Kaum hatte er die Ziellinie überquert, prügelte Tobias Angerer mit dem Stock auf den nassen Schnee ein, als könne der etwas dafür, dass es einfach nicht gelaufen war. Er hatte noch Kraft für einen solchen Wutausbruch, nein, verausgaben müssen hatte sich der Bayer nicht als Schlussläufer der deutschen Staffel in Whistler; das Rennen war schon lange vorher gelaufen für die vier. Sie wurden nur Sechste. „Für uns ist eine kleine Welt zusammengebrochen“, sagte Angerer, „wir hatten einen Traum, der nun geplatzt ist.“ Die Staffelmedaille sollte seine zweite werden bei den kanadischen Winterspielen, fest eingeplant hatten sie die deutschen Langläufer. Und dann das leidige Wachsproblem, die Deutschen liefen hinterher, Angerer war als Letzter ohne Chance.

Auf den Schlusssprint hatte er sich gefreut, gegen Petter Northug, den norwegischen Superstar, gegen die Schweden, vielleicht die Franzosen - „und dann schlüpft der Angerer innen durch“. So hatte er es sich ausgemalt, denn Angerer fühlt sich stark in diesen olympischen Tagen. Silber hatte er schon gewonnen im Verfolgungsrennen, mit Platz sieben über 15 Kilometer war er bester Deutscher. Und für die Staffel, immer das besondere Erlebnis, hatte er sich noch viel mehr vorgenommen.

„Daran werde ich zu kauen haben“, sagte Angerer. Auch um diesen Frust, um das unbefriedigende Gefühl der Ohnmacht loszuwerden, wird er an diesem Sonntag auf die längste Distanz gehen, die der Skilanglauf bei Olympischen Spielen zu bieten hat: 50 Kilometer. Alle vier - neben Angerer noch Axel Teichmann, Jens Filbrich und René Sommerfeldt - aus der Staffel wollen sich der Qual stellen, wollen beweisen, dass sie besser sind als das Ergebnis, das auf olympischem Papier steht. „Der Fünfziger ist zwar nicht mein Hauptwettkampf“, sagt Angerer, „aber ich rechne mir trotzdem etwas aus.“ Schließlich hat er Erfolge auf der Marathon-Distanz vorzuweisen, zuletzt Platz drei bei den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr in Liberec.

Stets höflich und meistens fröhlich

Angerer, der erfahrene Langläufer, sagt Sätze voller Erwartung nicht einfach so dahin, gibt nicht irgendwelche Prognosen ab, von denen er nicht überzeugt ist, dass er sie auch erfüllen könnte. Er ist 32 Jahre alt, hat bisher vier olympische Medaillen gewonnen, zweimal den Gesamt-Weltcup, war Sieger der Tour de Ski. Freundlich, aufgeschlossen, stets höflich und meistens fröhlich, gilt Angerer als Sonnyboy. Seine Begeisterung für Musik lebte er regelmäßig als Discjockey aus, jahrelang war die Hitliste auf seiner Homepage viel gefragt.

Mittlerweile bleibt für das Hobby nicht mehr viel Zeit. Seit Herbst ist er verheiratet, die beiden Töchter Karlotta und Ioanna fordern den Vater. Mit der Geburt Karlottas vor knapp zwei Jahren änderte sich das Leben schlagartig, und erst als Angerer wieder auf seinen geregelten Tagesablauf achtete, ging es ihm auch im Sport wieder gut. „Morgens wieder um sieben frühstücken, um zwölf Mittagessen, um sechs Abendessen“ braucht er. „Zum Glück“, sagt er, fruchte auch sein Training wieder: „Und ich habe eine Frau, die viel Verständnis hat.“ Sie war früher Biathletin.

Den Frust vom Staffelrennen hat er hinter sich gelassen

Auf der langen Strecke an diesem Sonntag „ist alles möglich“. Angerer kann seine Erfahrung aus jahrelangem Training und vielen Rennen zugutekommen. „Nach den zwei harten Wochen könnte die Kondition eine Rolle spielen. Wegen meiner Routine sehe ich da durchaus einen Vorteil für mich. Immerhin habe ich 100.000 Kilometer mehr in den Beinen als die Jungen.“ Den Frust vom Staffelrennen hat er hinter sich gelassen. „Ich habe etwas Zeit gebraucht, um die Enttäuschung zu verarbeiten und den Kopf frei zu bekommen. Aber jetzt gehe ich voll auf Angriff“, sagt Angerer. Die Erinnerung an das vergangene Jahr, an die überraschende Bronzemedaille am letzten Tag in Liberec, hält er dagegen wach.

Allein Gold fehlt dem deutschen Langläufer, der das männliche Gesicht dieser Sportart in Deutschland ist, noch in seiner Sammlung. Also noch weitermachen bis Sotschi? Angerer gibt noch keine Antwort, aber „ich „muss ich mir nichts mehr beweisen“

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