15.02.2010 · Man spricht vom „gefährlichsten Sport der Welt“: Schwere Verletzungen und Stürze sind im Snowboardcross die Regel. Auf der Piste - wie am Montagabend im olympischen Wettbewerb - geht es zu wie bei Autorennen.
Von Michael Eder, VancouverZweieinhalb Wochen vor Beginn der Spiele von Vancouver hat die Schweizer Snowboard-Olympiasiegerin Tanja Frieden ihren Rücktritt erklärt. Es ging nicht anders. Die 33 Jahre alte Goldmedaillen-Gewinnerin im Snowboardcross von 2006 war beim Weltcup in Stoneham in Kanada schwer gestürzt, hatte sich beide Achillessehnen gerissen und die linke Schulter gebrochen. Sie sitzt noch immer im Rollstuhl.
„Snowboardcross“, sagt Timm Stade, der Geschäftsführer des Deutschen Snowboardverbandes, „ist der gefährlichste Sport der Welt. Es geht kaum ein großes Rennen über die Bühne, ohne dass sich einer schwer verletzt. Wir haben ein deutlich höheres Risiko als der Ski-Abfahrtslauf. Wenn man die medizinischen Statistiken des Skiverbandes anschaut, dann ist Snowboardcross mit Abstand die Nummer eins.“ In der Weltcupsaison 2005/2006 beklagte die Szene gar zwei Todesopfer, eine Norwegerin und ein Schwede waren von den Ärzten nicht mehr zu retten. Das alles spricht nicht gerade für diesen Sport, doch besonders in den Vereinigten Staaten ist er eine große Nummer. Die Amerikaner lieben diese Gladiatoren im Schnee, die am Montagabend (von 19.30 Uhr an live in der ARD und im FAZ.NET-Liveticker: Olympia 2010).
Was macht die Jagd durch den eisigen Hindernisparcours so gefährlich? Das Problem, sagt Stade, seien die Sprünge und Wellen, es gelte, Absprung- und Aufsprungpunkte genau zu treffen. Stimme das Timing nicht, gebe es keinen Landepunkt mehr. „Dann schießen sich die Fahrer ins Nirwana“, sagt Stade. „Sie schlagen im Flachen auf oder, wenn es ganz schlecht läuft, im nächsten Hindernis, und das führt zu außerordentlich schweren Verletzungen.“ Den vorerst letzten prominenten Verletzten gab es vor zwei Wochen. Bei den X-Games in Aspen knallten im Viertelfinale mehrere Fahrer zusammen. Den 23 Jahre alten Markus Schairer erwischte es dabei böse. Der Snowboardcross-Weltmeister aus Österreich lag bewusstlos im Schnee und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo man neben einer Gehirnerschütterung den Bruch von fünf Rippen feststellte.
„Es kann immer was passieren“
Am Montag wird Schairer trotz der äußerst schmerzhaften Blessuren starten, nach einigem Hin und Her haben ihm die Ärzte die Teilnahme am olympischen Rennen erlaubt. Zu den Favoriten zählt er nicht mehr. „Die Hoffnung lebt noch“, sagt er, „aber wahrscheinlich muss ich mich mit dem Gedanken befassen, dass ich mein Ziel nicht erreichen kann.“ Gold, so sieht es aus, wird ein anderer gewinnen. In den Massensturz von Aspen war auch der deutsche Olympia-Teilnehmer David Speiser verwickelt, der Oberstdorfer kam mit leichten Blessuren davon.
Ähnlich wie bei den Abfahrern spielt beim Snowboardcross die Athletik eine entscheidende Rolle. Protektoren nutzen nichts ohne Muskelpanzer. „Ohne extreme Athletik“, sagt Stade, „ist dieser Sport zu gefährlich. Man darf keinen Fahrer in einen Crosskurs schicken, für den er nicht athletisch und technisch ausgebildet ist.“ Speiser ist 1,89 Meter groß und wiegt 90 Kilogramm. Der Oberstdorfer nennt die rasende Fahrt durch den Snowboardcross-Parcours „Hochrisikomanagement“. Natürlich seien die Rennen nicht immer berechenbar. „Wenn vier Leute gleichzeitig losfahren und es darum geht, wer als Erster unten ist, kann immer was passieren.“
Armkraft und Reaktionsgeschwindigkeit
Speiser ist Profi, 29 Jahre alt, er lebt von seinem Sport, von Sponsoren und Preisgeldern. Bei den X-Games hat er schon zweimal auf dem Podium gestanden, er fährt seit Jahren in der erweiterten Weltspitze, und wenn er einen guten Tag erwischt, kann er an diesem Montag in Cypress Mountain eine Medaille gewinnen. „Wenn alles läuft, kann es ganz weit nach oben gehen“, sagt er. Wenn nicht, kann es ziemlich übel enden.
Bei Olympia kämpfen im Snowboardcross vier Fahrer (bei den X-Games sechs) im K.-o.-System gegeneinander, was bisweilen wörtlich zu nehmen ist. Wenn beim Start das Gatter fällt, kommt es auf Armkraft und Reaktionsgeschwindigkeit an. Ziel aller ist, als Führender über das erste Hindernis zu kommen. Unterwegs geht es zu wie bei Autorennen. Kurven werden nach Möglichkeit so angesteuert, dass der Hintermann trotz Windschattens keinen Durchschlupf findet, Linien so gefahren, dass der Gegner einen Nachteil hat.
Snowboardcross ist klassischer Rennsport. Kampf Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. Was ist erlaubt unterwegs? „Man darf nicht reißen, nicht schlagen, aber man berührt sich schon“, sagt Speiser. „Man fährt hart, versucht aber meistens, fair zu bleiben. Wenn du einen berührst, wenn du einen Streifschuss hast, verlierst du ja selbst an Geschwindigkeit.“ Und wenn einer den anderen aus der Bahn wirft? „Es bedeutet das Aus, wenn dich einer raushaut. Nach einer unfairen Aktion bist du draußen. Du kannst einen Videobeweis verlangen, aber meistens gibt es keinen Wiederholungslauf, du hast dann einfach Pech gehabt.“