16.02.2010 · Für Freerider wie Sonja Lercher ist das Skifahren mehr als nur ein Sport - es ist ein Lebensstil. In Whistler hat die gebürtige Münchnerin dafür die perfekte zweite Heimat gefunden. Doch mit den Bergen ist nicht zu spaßen.
Von Michael Eder, VancouverFrüh aufstehen, Lawinenpiepser, Schaufel eingepackt, Ski, Stöcke, Felle, Rucksack und nichts wie los. Drei Lifte hinauf. Punkt neun Uhr steht Sonja Lercher im riesigen Skigebiet von Whistler Mountain auf dem Gletscher und betrachtet die Welt von oben. Ihre Skier sind so breit, dass man darauf ein paar Hemden bügeln könnte. Sonja Lercher ist Freeriderin, eine der besten der Welt, im vergangenen Jahr war sie Zweite auf der World Tour.
Seit sechs Jahren lebt die 29 Jahre alte gebürtige Münchnerin in Whistler, seitdem verbringt sie die Hälfte ihres Lebens auf den Bergen abseits der Pisten, mit ein paar Freunden zumeist. Am Ende des Tages, wenn die Steilhänge von ihren Spuren durchzogen sind, gehen sie weiter ins Backcountry, steigen mit den Fellen hinauf und bleiben oben bis zum Sonnenuntergang. Dann geht’s zurück, und wenn der Tag besonders schön war, voller Sonne und Schnee, dann sitzen sie noch zusammen auf ein Bier im Merlin’s an der Talstation. Aber nicht zu oft, das geht ins Geld.
Immer auf den Skiern ins Tal
Freerider in Whistler sind wie Surfer auf Hawaii – sie brauchen nicht viel mehr als die märchenhafte Natur, die nichts kostet, und ihren Sport. Der Rest findet sich. „Was wir brauchen, ist Essen, Trinken, Telefon, zu mehr haben wir eh keine Zeit.“ Auch das Wohnen wird in der Szene, die in Whistler aus vierzig, fünfzig Fahrern besteht, Kanadiern, Engländern, Franzosen, Australiern, ganz pragmatisch gesehen: „Möglichst viele Leute auf möglichst kleinem Raum“, sagt Sonja Lercher.
Vielleicht sollte man erwähnen, dass der gutgelaunten, zierlichen Frau, die mit ihren Bügelbrett-Skiern gerade vom Berg herunterkommt, derzeit ein Kreuzband fehlt. Am 1. Januar ist es passiert, Sturz nach dem Sprung über eine Klippe, Knie verdreht. Sie ist noch mit den Skiern ins Tal gefahren, die Freerider-Regel lautet „Death before download“, soll heißen, egal wie heftig du gestürzt bist, du fährst immer auf den Skiern ins Tal, nie mit dem Lift, nie im Rettungsschlitten mit der Bergwacht. Als der Arzt dann sagte, das Kreuzband sei durch, hat Sonja Lercher erst mal Pause gemacht, ist ins Fitnessstudio gegangen, hat die Oberschenkelmuskulatur auftrainiert, hat sich eine Spezialschiene besorgt – und ist zwei Wochen später morgens um neun wieder auf dem Gletscher gestanden.
Irgendeiner ist immer verletzt
Der Arzt hat abgeraten, erzählt sie, „muss er ja sagen“, aber eine Operation und sechs Monate Reha, da wäre der Winter ja vorbei gewesen. „Ich versuche jetzt, mich zurückzuhalten, fahre viel Pulverschnee, springe ein bisschen niedriger.“ Anfang Mai, wenn die Saison zu Ende ist, lässt sie sich operieren, es wird die achte OP in den vergangenen sechs Jahren sein. Bisher haben die Chirurgen geflickt: beide Knöchel, Handgelenk, Kreuzband links, zwei gebrochene Rückenwirbel, Schlüsselbein, Ellbogen. Jetzt das Kreuzband rechts.
„Wenn du verletzt bist“, sagt Sonja Lercher, „bist du bei der Reha nie allein, weil immer irgendeiner auch verletzt ist. Verletzungen gehören bei uns dazu, aber es geht immer weiter. Es ist auch nicht schlimmer als beim alpinen Rennlauf.“ Sie weiß das, denn als Jugendliche ist sie im Alpinkader des Deutschen Ski-Verbandes gefahren.
„Bauarbeiter, Steinmetz, Maler, alles“
Mit 18 ist Sonja Lercher weg aus München, nach Wien für drei Jahre, die Ausbildung zur Hotelfachfrau bricht sie ab, wird Fahrradbotin, Kellnerin, verdient sich Geld, um weiterzukommen, um wegzukommen. Sie reist nach Australien, lernt beim Surfen einen Kanadier kennen, der nimmt sie mit nach Calgary, mit ihm reist sie durch British Columbia, klappert alle Dörfer ab. Sie lassen sich in Nelson nieder, dort entdeckt sie ihre Liebe für das freie Skifahren, fürs Tourengehen, für das Gelände jenseits der Pisten. Vier Winter lang fährt sie jeden Tag, dann zerbricht die Beziehung. Sie flieht in den äußersten Norden, jobbt in Yukon und Alaska, sammelt sich und kehrt zurück nach British Columbia, nach Whistler.
Seit sechs Jahren ist sie hier Teil der Freeride-Szene, eine der besten Big-Mountain-Fahrerinnen der Welt. Skifahren, wie sie es versteht, ist mehr als Sport, ist Lebensstil. Den Winter verbringt sie auf dem Berg. Und den Sommer? „Wir arbeiten alle sehr hart im Sommer. Wir machen alles, was gutes Geld bringt, Bauarbeiter, Steinmetz, Maler, alles.“ Oder „Treeplanting“, da schickt man sie mit Umhängetaschen voller Baumsetzlinge in den Wald, und die pflanzen sie dann in Rodungsflächen ein, dafür bekommen sie zwölf Cent pro Bäumchen.
Handschuhe, Brillen und Schmuck
Vor zwei Jahren haben Sonja Lercher und ihre Freunde auf der olympischen Abfahrtsstrecke die Wasser- und Luftleitungen für die künstliche Beschneiung eingegraben, und auch die Tribünen im Langlauf- und Biathlonstadion haben sie mit aufgebaut. „Wenn das, was man im Sommer verdient hat, und das Sponsorengeld nicht reichen, dann hat man im Winter halt abends noch einen Job, tagsüber aber wird auf jeden Fall Ski gefahren.“
Nach Olympia fliegt Sonja Lercher mit ein paar Freundinnen nach Alaska. Filmen und Fotoshootings. Der Helikopter ist für eine Woche bestellt. Kosten pro Teilnehmer: 8000 Dollar. 6000 haben ihre Sponsoren übernommen, den Rest musste sie irgendwie zusammenbringen. Das geht so in Whistler: Sonja Lercher ist von Geschäft zu Geschäft, von Bar zu Bar gelaufen und hat ihr Projekt vorgestellt. Die meisten, sagt sie, geben dann eine Kleinigkeit, 25 Dollar die Restaurants oder auch 50 wie der Fischladen, die Läden geben Handschuhe, Brillen, Schmuck, was auch immer, „und wenn du dann irgendwann so viele Sachen zusammen hast, dass du eine Tombola machen kannst, dann verkaufst du Lose, drei für zehn Dollar, fünf für fünfzehn. Und dann hast du irgendwann das Geld zusammen, das du brauchst.“
„Hier ist es am besten“
Mit den Bergen ist nicht zu spaßen, es ist gefährlich dort oben. Whistler gilt als vergleichsweise lawinensicher, aber Opfer gibt es dennoch. „Es sind viele Freunde auf dem Berg gestorben“, sagt Sonja Lercher, „das ist unser Risiko, wir alle wissen es, das gehört dazu.“ Der Letzte, den sie begraben haben, war Steve, er kam am Silvesterabend 2008 in einer Lawine ums Leben. Wenn einer stirbt, treffen sich die anderen ein paar Tage später auf dem Blackcomb Peak, ganz oben.
„Wir alle haben unsere Lieblingsläufe“, sagt Sonja Lercher, „und wir gehen dann dorthin, wo der tote Freund seine meiste Zeit verbracht hat und fahren ihm zu Ehren seine Linie.“ Vor zwei Jahren haben Sonja Lercher und ihre Freunde im Backcountry, dort wo die Touristen nicht hinkommen, eine kleine Hütte gebaut, eine Gedenkstätte für die toten Freunde, ein Treffpunkt für die Eingeweihten. Von jedem Opfer steht ein Snowboard oder stehen Skier dort draußen, zwei Snowboards sind es bis jetzt und drei Paar Skier.
Ob sie noch einmal loskommt von Whistler? „Ich habe es versucht“, sagt Sonja Lercher, „habe gedacht, da draußen muss noch etwas anderes sein in der Welt, aber hier ist es am besten. Das Leben hier ist frei und wunderschön.“