15.03.2010 · Erfolgreiches Abschneiden der deutschen Alpinen im Schneetreiben von Whistler: Monoskifahrer Martin Braxenthaler holt Gold, Anna Schaffelhuber wird Vierte im Slalom der sitzenden Athleten. Ihr gehört die Zukunft.
Von Arne Leyenberg, WhistlerEine goldene Momentaufnahme und eine hoffnungsvolle Verheißung. Friedhelm Julius Beucher sah sich bestätigt. Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) hatte sein Vergnügen am vierten Platz der 17 Jahre alten Anna Schaffelhuber, die er trotz ihres jungen Alters für die Paralympischen Spiele von Vancouver nominiert hatte. Die Goldmedaille des 21 Jahre älteren Martin Braxenthaler geriet ihm dabei fast zum Beiwerk. „Anna ist die Zukunft“, sagte Beucher nach der paralympischen Premiere der querschnittsgelähmten Schülerin. Im Slalom der sitzenden Athleten hatte sie am Sonntag nur knapp eine Medaille verpasst.
„Der vierte Platz ist die blödeste Plazierung“, sagte Anna Schaffelhuber. „Das ist ein herausragender Erfolg“, sah sich Braxenthaler in der Pflicht, seine junge Teamkameradin aufzubauen. So, wie er es kurz vor dem Start im dichten Schneetreiben von Whistler Creekside getan hatte.
„Ich habe ihr gesagt, dass es ihr größter Triumph ist, dass sie dabei ist. Sie soll es genießen“, sagte Monoskifahrer Braxenthaler, der im Anschluss an Anna Schaffelhubers Rennen im Slalom seine insgesamt achte paralympische Goldmedaille gewann, die zweite für das deutsche Team von Vancouver. „Ich bekomme wichtige Tipps von Martin, die mir sehr weiterhelfen. Nicht nur, was die Technik betrifft. Es geht ihm um die mentale Stärke“, sagt Anna Schaffelhuber. Aber auch um das Material.
Die Konkurrenz schläft nicht
Denn der Tüftler Braxenthaler restauriert in seiner Freizeit nicht nur Oldtimer, er entwickelt auch Rollstühle. Zusammen mit einem Bekannten, einem Werkstattleiter aus seiner Heimat, dem Chiemgau, bringt Braxenthaler seinen Untersatz stets auf den neuesten Stand. Mittlerweile ist sein Monoski mit denselben Federelementen ausgerüstet, mit denen Rennwagen der DTM über den Asphalt rasen oder Motorräder der Rallye Paris-Dakar durch den Wüstensand.
„Es ist das Beste, was wir verwenden können“, sagt Braxenthaler, der seit einem Unfall vor 16 Jahren querschnittsgelähmt ist. Seine Mannschaftskameraden stattet er mit seinen Entwicklungen aus. „Ich versuche auch für sie das beste Material herbeizuschaffen.“
Und die Konkurrenz schläft auch nicht. „Wenn ich den Österreichern unter den Monoski schaue, dann fahren die mittlerweile alle mit Dämpfungsfedern aus Deutschland.“ Während Braxenthaler offen lässt, ob er auch 2014 noch bei den Paralympics an den Start geht, will Anna Schaffelhuber dann ganz oben stehen. „In vier Jahren will ich Gold“, sagt die Niederbayerin. Ein zweiter Platz im Gesamtweltcup und ein vierter Platz bei den Paralympics in der Premierensaison wecken eben Begehrlichkeiten.
Die Farbe der Medaille ist egal
Die Gymnasiastin, die von Geburt an querschnittsgelähmt ist, lernte das Skifahren im Alter von fünf Jahren bei der Münchner Paralympics-Siegerin Gerda Palmer. Anna Schaffelhuber ist das größte Skitalent des DBS. „Sie lässt hoffen“, sagt Präsident Beucher. Sein Verband steht vor dem Abgang der hochdekorierten Routiniers Frank Höfle, Gerd Schönfelder und Verena Bentele. Braxenthaler plant nicht mehr im Voraus. „Ich denke nur noch von Jahr zu Jahr.“
Gerade hat er sein Studium als Lehrwart im Behindertenskisport in Innsbruck abgeschlossen. Was er dort gelernt hat, gibt er an junge Athleten wie Anna Schaffelhuber weiter. „Es liegt mir am Herzen, dass auch nach mir noch ein starkes Team an den Start geht.“ Obwohl er in der Abfahrt, im Super G, in der Super Kombination und im Riesenslalom noch in Whistler an den Start geht, hat Braxenthaler sein Ziel bei den Paralympischen Spielen schon erreicht. „Ich wollte eine Medaille gewinnen, Farbe egal“, sagte er. „Jetzt habe ich eine Medaille gewonnen, Farbe optimal.“