Home
http://www.faz.net/-g8e-15swf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Paralympics Frank Höfle, der Kämpfer

16.03.2010 ·  Frank Höfle sammelt seit 1984 Medaillen bei Paralympics. Nach Vancouver beendet der sehbehinderte Langläufer und Biathlet seine bemerkenswerte Karriere. Dabei hatte sich der Kreis für Höfle vor drei Jahren eigentlich schon geschlossen.

Von Arne Leyenberg, Vancouver
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Ehrfurchtsvoll marschierte Frank Höfle mit der schwarzrotgoldenen Fahne in der Hand in die tosende Arena. Der sehbehinderte Fahnenträger führte die deutsche paralympische Mannschaft hinein in das BC Place Stadium von Vancouver, das am Freitagabend zur Eröffnungsfeier der Paralympics mit 60.600 Zuschauern noch einmal restlos ausverkauft war.

Der halbseitig gelähmte Alpine Kevin Wermeester blieb zur Orientierung an der Seite seines Mannschaftskameraden. Zum zweiten Mal nach den Paralympischen Spielen von Salt Lake City 2002 führte Höfle das deutsche Team an, bei seinen zehnten und letzten Paralympics. „Ein geiles Gefühl, dafür würde ich sogar eine Medaille hergeben“, sagte der Langläufer und Biathlet. Vielleicht muss er das auch.

Im Herbst der Karriere, „in der Form meines Lebens“

Der erfolgreichste deutsche nordische Behindertensportler ist mittlerweile nicht nur 42 Jahre alt, er weiß auch um die beständig zunehmende Stärke der Konkurrenz. Denn der Osten holt auf. Nicht nur Russland, das als Gastgeberland der Paralympics 2014 viel in eine bessere Integration von Behinderten in die Gesellschaft tut und, etwa mit dem Gasriesen Gasprom, über potente Geldgeber verfügt.

Auch die behinderten Athleten aus der Ukraine drängen in die Weltspitze. „Die Sportler dort haben ganz andere Bedingungen. Die sind Vollprofis“, sagt Höfle, der trotz seines Jobs in diesem Winter rund 7000 Trainingskilometer zurückgelegt hat. „Ich muss froh sein, wenn ich mit einer Silber- oder Bronzemedaille aus Vancouver zurückkomme“, sagt Höfle.

Allerdings fühlt sich der drahtige Athlet im Herbst seiner Karriere „in der Form meines Lebens“. Bei insgesamt vier Rennen gehen Höfle und sein Begleitläufer Johannes Wachlin in den Bergen von Whistler an den Start. Gleich im ersten Wettkampf am Montag bekamen sie es mit dem Star der Paralympischen Spiele zu tun, dem Kanadier Brian McKeever. McKeever hatte sich vor Wochen für die Olympischen Spiele qualifiziert, war aber in der Staffel nicht eingesetzt worden. „McKeever ist mein stärkster Konkurrent“, sagt Höfle, der über 20 Kilometer Freistil Fünfter wurde. Brian McKeever holte wie erwartet Gold.

Zwölfmal Gold, neunmal Silber, dreimal Bronze

Vor drei Jahren hatte sich eigentlich der Kreis geschlossen für Höfle. Als Diplom-Betriebswirt, Vater dreier Töchter und Weltklasseathlet war er 2007 an seine frühere Schule zurückgekehrt. An das Internat für Blinde und Sehbehinderte des Klosters Heiligenbronn im Schwarzwald, wo er einst das Skifahren gelernt hatte - bei Ordensschwester Reinholda Zirkel. Für die Anstellung als Controller in der Stiftung St. Franziskus wollte Höfle seine sportliche Karriere, die ihn zu einem der höchstdekorierten Behindertensportler weltweit machte, eigentlich beenden.

Aber was machte Höfle? Er unterrichtete die blinden Schüler im Skifahren. Und weil Kinder Vorbilder brauchen, machte Höfle einfach weiter. Er gewann noch einmal, zum insgesamt siebten Mal, den Gesamtweltcup im Langlauf und holte Bronze bei der Nordischen Skiweltmeisterschaft in Vuokatti. Seine 24. WM-Medaille: zwölfmal Gold, neunmal Silber und dreimal Bronze. Und er beschloss, bis zu den Spielen in Vancouver weiterzumachen, um mit einem Höhepunkt abzutreten. Der Termin für sein Abschiedsfest steht schon fest: am 17. Juli in Heiligenbronn wird er seine Karriere offiziell beenden.

Ohrenbetäubender Lärm bei der Eröffnungsfeier

Ein Kämpfer wird er auch nach seinem letzten Wettkampf bleiben. Das ist er, seit ihm ein Unfall im Alter von vier Jahren fast die gesamte Sehkraft raubte. Auf dem Bauernhof der Eltern war er zusammen mit dem Vater bei Nebel eine Böschung hinabgefahren, der Traktor überschlug sich. Drei Wochen lag er im Koma, als er aufwachte, war er auf der linken Seite taub und blind, dem rechten Auge ist eine Sehkraft von zehn Prozent geblieben. Die Behinderung führt er heute als Grund an, einem gleichmütigen Leben auf dem Bauernhof mit elf Geschwistern entkommen zu sein.

Bei seinem paralympischen Debüt 1984 in Sarajevo war Höfle noch ohne Medaille geblieben, es folgten 13 Gold-, fünf Silber- und drei Bronzemedaillen bei Winterspielen. Weil er nicht immer vier Jahre auf das nächste Großereignis warten wollte, startete er 1992 und 1996 auch bei den Paralympischen Sommerspielen. In Barcelona gewann er Gold und Bronze im Radfahren, in Atlanta Bronze.

Höfle hat die gesamte Entwicklung des Behindertensports in Deutschland mitgemacht. „Fulminant“ sei sie, sagt er, auch wenn man noch nicht von Gleichbehandlung sprechen könne. Dafür seien die Erfolgsprämien, die die Stiftung Deutsche Sporthilfe auszahlt, zu unterschiedlich. Am Freitagabend war der Disput um Geld für Höfle kein Thema mehr. Die vielen Zuschauer drückten ihre Anerkennung für die Leistung der Behindertensportler schließlich anders aus: nämlich mit ohrenbetäubendem Lärm.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Ergebnisse, Tabellen und Statistik