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Olympische Spiele Der erfüllte Traum der Magdalena Neuner

17.02.2010 ·  Biathletin Magdalena Neuner ist 23 Jahre alt - und hat ihre Karriere mit dem Olympiasieg im Verfolgungsrennen schon gekrönt. Doch die große Party muss warten.

Von Claus Dieterle, Whistler
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Was macht die Olympiasiegerin als erstes? Sie entschuldigt sich. Weil sie zu spät zur Pressekonferenz gekommen ist und sich nun auf den Platz in der goldenen Mitte zwischen den Kolleginnen Anastasia Kuzmina, Silber, und Marie Laure Brunet, Bronze, schleichen muss. Aber natürlich haben alle auf Magdalena Neuner gewartet. Und ihr schelmischer Blick und ihre Grimassen verraten, dass da eine gar nicht wohin weiß mit ihren Gefühlen.

In Worte gefasst, klingt die emotionale Lage fast ein wenig amerikanisch. „Ich hatte einen großen Traum, und der ist heute Realität geworden“, sagte die Biathletin aus Wallgau. Endlich Olympiasiegerin. Gold in der Verfolgung, 12,3 Sekunden vor Anastasia Kuzmina. Auf diesen Tag hat die 23 Jahre alte Wallgauerin konsequent hingearbeitet. Silber im Sprint, das war vor ein paar Tagen ein schöner Einstieg in die Olympischen Spiele, aber nicht das, weshalb sie nach Whistler gekommen ist. Nein, der Olympiasieg sollte es schon sein.

Weil das einer Karriere, die mit sechs WM-Titeln, 15 Weltcupsiegen und dem Gesamt-Weltcup 2008 schon in jungen Jahren außerordentlich viel zu bieten hat, erst die Krone aufsetzt. „Als Olympiasiegerin wird man zur Legende“, hat sie zuvor gesagt. Jetzt ist sie zumindest auf dem Weg dahin. „Es war ein Sieg mit Ansage“, sagte Bundestrainer Uwe Müssiggang, der sich über seine derzeit beste Athletin wundert. So zielstrebig, so konsequent, so selbstbewusst hat er sie lange nicht erlebt. „Und sie hat bekommen, was sie wollte“, sagte Müssiggang.

Auch Thomas Bach, der deutsche Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und so etwas wie das Maskottchen der deutschen Biathleten, sprach der Olympiasiegerin seine Bewunderung aus: „Diese Nervenstärke und dieser Wille, das ist es, was einen Champion auszeichnet.“ Es war ein hartes Stück Arbeit am Dienstag vor knapp 5000 Zuschauern im Olympic Park, aber große Zweifel haben Magdalena Neuner in diesen Tagen nie beschlichen. Die Ausgangsposition war ideal.

„Wenn Du jetzt triffst, bist Du Olympiasiegerin“

Anderthalb Sekunden hinter der Sprint-Olympiasiegerin Anastasia aus der Startbox, dann war die Jagd eröffnet. „Ich habe gewusst, dass heute etwas geht“, sagte sie. Es war ein taktisches Duell, das sie sich zunächst Seite an Seite mit der Slowakin lieferte. Wobei man den Eindruck hatte, dass der Ski von Anastasia Kuzmina in der Abfahrt ein bisschen besser glitt. Aber das machte Magdalena Neuner mit Armeinsatz wett. Sie wollte aber auch nicht überziehen. „Ich habe mich ganz aufs Schießen konzentriert.“

Und sie fühlt sich mittlerweile bärenstark mit dem Kleinkalibergewehr im Anschlag, auch in der Stehendposition, dem mentalen Training sei Dank: „Ich habe zum Glück relativ früh begriffen, dass es im Spitzensport nicht reicht, nur den Körper zu trainieren.“ Es war anfangs fast ein Synchronschießen, bei dem Magdalena Neuner der Slowakin jeweils nur ein paar Zehntelsekunden voraus war. Nach dem zweiten Liegendschießen war die Bayerin dann als Solistin unterwegs, weil sich Kuzmina den ersten Fehlschuss erlaubte. Fortan sah es nach einem souveränen Sieg der Deutschen aus.

Aber ganz zum Schluss gab es doch diesen einen Moment, in dem all die mentalen Techniken versagen, weil sich der Gedankenfluss eben doch nicht hundertprozentig ausschalten lässt. „Man glaubt gar nicht, was einem in so kurzer Zeit durch den Kopf schießen kann“, verriet Magdalena Neuner. Es war der Moment vor dem letzten Schuss: „Wenn du jetzt triffst, bist du Olympiasiegerin.“ Prompt verfehlte das Geschoss das Ziel. „Ich bin halt mental noch kein Vollprofi“, sagte Magdalena Neuner lachend.

Auf in den Klassiker

Sie weiß eben, dass sie sich noch mehr als auf alles andere auf ihre Laufstärke verlassen kann. Und ihren Willen. „Ich habe mir gesagt: Das schaffst du und wenn du sterben musst.“ Wie sehr sie dieses Gold wollte, zeigte sich gerade auf den letzten Metern. Der Vorsprung vor der Slowakin Anastasia Kuzmina war groß genug, um sich zu entspannen, und den großen olympischen Moment noch ein wenig auszudehnen, um ihn zu genießen. Aber erst ganz kurz, bevor sie am Ziel ihrer Träume war, richtete sich Magdalena Neuner aus ihrer tiefen Sprintposition auf und hob triumphierend die Arme. „Ich wollte nur nicht trödeln“, sagte sie. Weil sie das Bild von Uschi Disl vor Augen gehabt habe. Die hatte sich auch einmal zu früh zu sicher gefühlt. „Das hat sich bei mir tief eingeprägt.“

Jetzt hat sie das Gold, aber Zeit zum Feiern bleibt nicht. Magdalena Neuner hat ein richtiges Stressprogramm bei diesen Spielen, denn sie wird alles mitnehmen, was der Olympiakalender zu bieten hat. Sogar den Klassiker, den 15-Kilometer-Einzellauf, mit dem sie sich bislang wegen der vier Schießeinlagen und Strafminuten gar nicht anfreunden konnte. „Ich weiß, dass ich jetzt am Schießstand sehr stark bin. Deshalb ist auch da etwas drin.“

Nein, die Party muss warten, weil der Appetit von Frau Neuner noch keineswegs gestillt ist. „Zwei Rennen, zwei Medaillen - fünf Rennen, fünf Medaillen?“ Die als Gleichung formulierte Frage eines amerikanischen Journalisten beantwortete Magdalena Neuner zwar nicht direkt, aber doch so, dass man noch einiges erwarten kann. „Ich habe jetzt zwar mit dem Olympiasieg alles erreicht, aber ich bin weiter hoch motiviert.“ Was der Kollege nicht wusste: Es kann gut sein, dass Magdalena Neuner in Whistler auch noch sportlich fremdgeht: Als Mitglied der deutschen Langlaufstaffel. Aber so weit sind wir noch nicht.

Damen, 10 km Verfolgung:
Gold: Magdalena Neuner (Wallgau) 30:16,0 Min./2 Schießfehler
Silber: Anastazia Kuzmina (Slowakei) + 0:12,3/2
Bronze: Marie Laure Brunet (Frankreich) + 0:28,3/0

4. Anna Carin Olofsson-Zidek (Schweden) + 0:39,4/1; 5. Tora Berger (Norwegen) + 0:51,2/0; 6. Anna Bulygina (Russland) + 0:52,1/1; 7. Olga Saizewa (Russland) + 1:04,3/2; 8. Ann Kristin Flatland (Norwegen) + 1:17,3/1; 9. Teja Gregorin (Slowenien) + 1:22,6/2;

10. Andrea Henkel (Großbreitenbach) + 1:24,5/3;

12. Kati Wilhelm (Zella-Mehlis) + 1:27,3/1;

16. Simone Hauswald (Gosheim) + 1:42,6/4

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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