18.02.2010 · Fast 60 Meter wirbelte Anja Pärson durch die Luft. Der Sturz in der Abfahrt endete glimpflich für die Mitfavoritin. Das Publikum stöhnte auf, Kolleginnen weinten vor Schreck. Andere hatten beim Olympiasieg von Lindsey Vonn weniger Glück.
Von Anno Hecker, WhistlerEigentlich sind Skispringerinnen bei den Olympischen Spielen nicht zugelassen. Mutige Frauen scheiterten mit ihrem Antrag im vergangenen November vor einem Gericht in Vancouver. Am Mittwoch haben sich ein paar Damen allerdings nicht an den Richterspruch gehalten. Anja Pärson etwa kam auf eine Weite von - offiziell - 58 Metern.
Die Schwedin erreichte nach dem Absprung mit Tempo 110 eine Höhe oberhalb der Flugschneise des Olympiasiegers Simon Ammann bei dessen Sprung am vergangenen Samstag von der Normalschanze. Allerdings gab es für den gewaltigen Satz der Skirennläuferin beim Schlusssprung des Abfahrtslaufs keine Wertungspunkte, sondern nur Prellungen. Pärson hatte der Druck der Landung aus den Ski katapultiert und den Steilhang hinuntergeschleudert.
Für manche ging das zu weit. Das Publikum stöhnte auf, Kolleginnen weinten vor Schreck. In jedem Fall hatte das bedeutendste Rennen der Alpinen in Whistler Creek eine vom Skispringen bekannte Alarmzone erreicht: Den kritischen Punkt. Unten im Ziel erschraken Lindsey Vonn, Julia Mancuso und Elisabeth Görgl zwar heftig. Einmal, eins, zwei, drei, auf dem Podium angekommen, berichtete das schnellste Trio jedoch später mit goldenem (Vonn), silbernem (Mancuso) und bronzenem (Görgl) Glanz um ihr bezauberndes Lächeln sogar von einer „prima“ Herausforderung. „Ich mag so harte Bedingungen, wenn man kämpfen muss, ich hätte gerne mehr davon“, sagte Mancuso. (Video: Erleichterung bei Lindsey Vonn über Gold)
„Man könne mehr schwierige Abfahrten im Weltcup vertragen“
Atle Skaardal fand auch nichts zu kritisieren. „Die Präparierung der Piste war unter den herrschenden Bedingungen gut“, sagte der für die Damenwettbewerbe zuständige Renndirektor des Internationalen Ski-Verbandes (FIS). „Man könne mehr schwierige Abfahrten im Weltcup vertragen, nur nicht gleich jedes Wochenende.“
Die fünf kapitalen Stürze (eine schwer Knieverletzung) bei 35 Starterinnen führte Norwegens früherer Skiheld auf die Umstände zurück, nicht auf die Piste an sich. Schön geschwungen fordert sie unter guten Bedingungen ein gutes Kurvengefühl, keine größere Überwindung. Mit dem Regen der vergangenen Tage aber hatte sich „Franz's Run“ erst eine buckelige Oberfläche und mit dem Temperatursturz über Nacht noch eine Eisschicht zugelegt. „Ich war überfordert“, erklärte die Schweizerin Nadja Kamer.
Ohne ermüdenden Vorlauf vom Start und Prügelei der Glieder
Davon konnte bei Deutschlands Goldhoffnung Maria Riesch keine Rede sein. Welche Powerfrau aber ist schon so gelassen, sich direkt nach der Flugeinlage der hochgeschätzten Anja Pärson, nach einer nervenden Rennunterbrechung, hemmungslos in die Tiefe zu stürzen. Vor allem, wenn man nicht ganz genau weiß, wie sich so eine Abfahrt über gut 2900 Metern am Stück anfühlt.
Trainiert hatten die Damen schon, am Montag. Aber eher wie Autofahrer in der Rennschule, Stück für Stück. Weil die Herren gleichzeitig um Abfahrtsgold bis ins gleiche Ziel kämpften, mussten die Damen auf der parallelen Piste nach etwa 1:30 Minuten abschwingen. Später durften sie das Schlussstück samt Katapult probieren (17 Sekunden). Ausgeruht, ohne den ermüdenden Vorlauf vom Start und die Prügelei der Glieder. Trotzdem ahnten sie Ungemach.
„Auf dieser Piste konnte man gar nicht perfekt fahren“
„Meine Fahrt war alles andere als perfekt“, sagte Vonn nach Erfüllung ihres Kindheitstraumes ohne rot zu werden. „Auf dieser Piste konnte man gar nicht perfekt fahren“, berichtete Kamer. Aber aggressiv. Vonn, Mancuso und Görgl riskierten viel, Riesch dagegen nicht schon im ersten Rennen Kopf und Kragen. Die Distanzierung am Mittwoch fand im Kopf statt, was sich an den enormen Leistungssprüngen im ganzen Feld ablesen ließ. Vonn schlug Mancuso um 0,56 Sekunden, Görgl um 1,46 an einem „großartigen Tag“ für „unseren Sport in den Staaten“. Die Zehnte Gina Stechert aus Oberstdorf brauchte 2,7 Sekunden länger, die Zwanzigste vier, Lyudmila Fedotova aus Kasachstan inklusive Bremsschwüngen eine halbe Ewigkeit unter Spitzensportlerinnen: 17,39 Sekunden.
„Die Beste hat heute gewonnen“, erzählte die erfahrene Kanadiern Emily Brydon (16.), „ich mag die Strecke, aber ich bin sie nicht gefahren. Sie ist mit mir gefahren.“ Weil das auch die kanadischen Trainer erkannten, ließen sie ihr Nesthäkchen Georgia Simmerling nicht starten an diesem Wintertag unter stahlblauem Himmel. Sie hätte etwas mehr Training gebraucht. Das dachten vermutlich alle ab Platz vier. Dann aber wäre es mit Vonns Vorstoß in den Goldklub vielleicht gar nichts geworden.
„Ich hatte Glück, dass das Training am Dienstag ausgefallen ist“
In Gedanken tastete sie während der Pressekonferenz noch einmal ihre verletzte Stelle ab: Das Schienbein der Nation. Geprellt bei einem Trainingssturz vor Wochen, behandelt, gewickelt und auf Eis gelegt in den vergangenen sieben Tagen für den größten Moment in ihrem Leben. Am Mittwoch schien der Schmerz verflogen. Die Aussicht auf Gold wirkt offenbar heilend. Es war aber knapp, behauptete Vonn: „Ich hatte Glück, dass das Training am Dienstag ausgefallen ist.“ Wegen des schlechten Wetters.
Es hat Vonn eine Pause eingeräumt und dazu eine Buckelpiste (Riesch) geformt, dass es schon beim Zuschauen schmerzte. Die Damen sind bei der Abfahrt also nicht nur in die Männerdomäne Skispringen eingedrungen. Sie haben auch noch eine klassische Herrenabfahrt absolviert. Das soll sich nicht wiederholen. Der Sprunghügel wurde für die Kombination (ab 18.30 Uhr im FAZ.NET-Liveticker: Olympia 2010) zum zweiten Mal seit dem Training gestaucht, die Piste verkürzt.