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Martin Schmitt über Wind „Den Wind beherrschen - das ist eine Illusion“

02.02.2010 ·  Zwischen Angst und Respekt - Martin Schmitt über den Freund und Feind der Skispringer: den Wind. Teil 1 der Interview-Serie vor den Olympischen Winterspielen von Vancouver.

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Er kann zum Sieg tragen oder zur Notlandung zwingen. Deshalb ist die Beziehung zu ihm irgendwo zwischen Angst und Respekt angesiedelt. Martin Schmitt über den Freund und Feind der Skispringer: den Wind.

Haben Sie als Kind Drachen steigen lassen?

Ja, wir hatten einen Drachen, aber es war nur mal eine kürzere Phase, in der wir das getan haben. Da habe ich mir aber starken Wind gewünscht.

Und jetzt?

Jetzt mag ich es windstill - das bringt unser Sport mit sich.

Ist der Wind für Sie nicht „das himmlische Kind“?

Nicht wirklich. Wind kann schon einmal einen Sprung unterstützen, und wir können davon profitieren. Ein schöner, leichter Aufwind ist das Beste fürs Skispringen. Aber wenn er zu stark oder zu böig ist, stört er und macht die Wettbewerbe auch nicht gerade fairer. Weil er nie konstant weht, ist es am besten, wenn es möglichst ruhig ist.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie auf den Anlaufturm, wenn Sie wissen, es wird ein Wind-Spiel?

Ich versuche, das weitgehend auszublenden, mich auf meinen Sprung zu konzentrieren und ihn unabhängig von äußeren Bedingungen zu gestalten. Die Aufgabe für mich als Springer bleibt immer dieselbe. Die Tendenz sieht man ja von oben, ob einen mit Aufwind viel Druck auf die Ski erwartet oder eher weniger Unterstützung, wie es bei Rückenwind der Fall ist. Darauf kann man sich ein Stück weit einstellen.

Kann also der Wind gleichermaßen Freund und Feind eines Skispringers sein?

Das kann man so formulieren, ganz genau.

An manchen der großen Schanzen sind Windnetze installiert worden. Wie macht sich der Unterschied bemerkbar?

Wenn der Wind aus der entsprechenden Richtung kommt, merkt man das sehr. Er ist deutlich abgeschwächt, wenn er direkt ins Windnetz bläst. Bei zu starkem Aufwind kann man natürlich kein Windnetz installieren. Aber an einigen Schanzen hat es schon extrem viel gebracht. In Kuusamo in Finnland wäre es in diesem Jahr sicher schwierig geworden, einen Wettkampf ohne Windnetz durchzuführen. Wenn die Windnetze sinnvoll aufgestellt sind, bringt das sehr viel.

Der Internationale Skiverband hat im Sommer-Grand-Prix eine neue Regelung getestet, in der eine komplizierte Formel mit Windfaktor zu mehr Gerechtigkeit bei unterschiedlichen Bedingungen führen soll. Wie stehen Sie dazu?

Rein aus sportlicher Sicht ist es eine tolle Sache. Wir haben uns im Sommer sehr viel weniger mit den Bedingungen beschäftigt. Wenn man dort oben stand, musste man sich keine Gedanken um die Bedingungen machen, weil man wusste, die gehen in die Wertung mit ein, und alles wird sich irgendwo ausgleichen. Ich war am Anfang sehr skeptisch, aber man hat eine gute Formel gefunden. Unter dem Strich war es ein Schritt in Richtung Fairness. Man muss sich von dem Gedanken lösen, dass man hundertprozentig gleiche Bedingungen für jeden Springer schaffen kann - zumal ein Springer mit Rückenwind ein bisschen besser zurechtkommt, ein anderer mit Aufwind. Ob man das als Zuschauer allerdings noch nachvollziehen kann, ist die Kehrseite der Medaille.

Jeder Skispringer weiß, dass es bei einer Freiluftsportart immer Unterschiede geben wird. Ärgern Sie sich trotzdem?

Ja, man ärgert sich. Es gibt Wettkämpfe, bei denen man vom Wind profitiert, andere, bei denen man darunter leidet. Und in diesen Wettkämpfen ist die Gefahr groß, dass man daran verzweifelt. Trotzdem muss man versuchen, seine Leistung zu bringen. Im Prinzip bleibt einem ja ohnehin nichts anderes übrig, als gut Ski zu springen - und den Rest dem Windglück zu überlassen. Wobei sich das wohl, über die Saison gerechnet, ausgleicht.

Gab oder gibt es Situationen, in denen Sie wegen des Windes nicht gesprungen sind oder springen würden?

Das hat es gegeben, und das wird es auch in Zukunft immer wieder geben. In den vergangenen Jahren ist auch durch einige Stürze die Jury ein bisschen sensibler geworden und hat jetzt schon ein ganz gutes Gefühl, wann es noch geht, wann man springen kann, ohne dass die Springer gefährdet werden, und wann nicht mehr. Es gibt immer Grenzsituationen, in denen man das Gefühl hat, es geht noch. Dann stürzt einer, und man sieht, es ging doch nicht mehr. Aber es hat sich in den letzten Jahren in eine gute Richtung entwickelt, und die Verantwortlichen, die entscheiden müssen, ob ein Springen noch durchgeführt wird, haben auch durch die Erfahrungen ein ganz gutes Gefühl für das Machbare entwickelt.

Wünschen Sie sich manchmal, dass Sie den Wind total beherrschen könnten?

Das wäre natürlich der Idealfall - ist aber leider nur eine Illusion.

Simon Ammann, Ihr Schweizer Kollege, hat im vergangenen Jahr gesagt, er würde sich gerne während eines Sprungs wie ein Vogel vom Wind einfach weitertragen lassen. Reizt Sie so eine Vorstellung auch?

Damit habe ich mich, ehrlich gesagt, noch gar nicht beschäftigt. Das Fluggefühl an sich ist so schön, da wünscht man sich schon, dass man es auch noch ein bisschen ausdehnen könnte. Dieses Gefühl länger zu genießen, wäre eine wunderbare Sache. Aber wir müssen uns da leider mit den drei Skiflug-Wettbewerben begnügen und sehen, dass wir in den paar Sekunden das Gefühl voll auskosten können.

Kann man den Respekt vor dem Wind mit Mental-Training beeinflussen?

Eine gewisse Angst, der Respekt, eine gewisse Vernunft gehören zum Skispringen. Es ist wichtig, dass man sich das auch bewahrt. Aber Angst ist sicherlich hinderlich, weil man unter dem Einfluss von Angst Fehler macht oder die eigentliche Bewegung nicht mehr zulässt. Deshalb sollte man sich so weit im Griff haben, dass man die Angst, wenn sie auftritt, kontrollieren kann. Bei richtiger Angst vor einem Sprung ist es besser zu sagen: Dann verzichte ich auf den Sprung.

Haben Sie den Wind schon einmal als Ausrede benutzt?

Nein, so was liegt mir fern. Natürlich neigt man dazu, gerade wenn es nicht so läuft, dass man mit den Bedingungen hadert. Aber man muss selbstkritisch sein und unterscheiden und sagen: Was hätte ich besser machen können, auch in schwierigen Situationen? Ich benutze den Wind nicht als Ausrede. Ich habe schon eine selbstkritische Einstellung.

Das Gespräch führte Christiane Moravetz.

Quelle: F.A.S.
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