01.03.2010 · Zwei Goldmedaillen machen Maria Riesch nicht nur zum Skistar. In Vancouver hat sie ihren Marktwert verdoppelt, ist in die Liga der Beckenbauers, Beckers, van Almsicks aufgestiegen. Ihre Erfolgsgeschichte ist auch die eines erfolgreichen Marketingkonzepts.
Von Michael EderAls Maria Riesch am Sonntag in Frankfurt landete, zwei Goldmedaillen im Handgepäck, stieg eine andere Frau aus dem Flugzeug, als vor drei Wochen abgeflogen ist. Die 25 Jahre alte Skirennläuferin aus Partenkirchen hat die Olympischen Winterspiele in Kanada genutzt, um sich zwei Träume zu erfüllen: Gold zu gewinnen und aus dem B-Kader der deutschen Sportstars in den A-Kader aufzurücken. Alles vorher geträumt, alles bei Olympia wahr gemacht.
„Wir hatten das Selbstvertrauen, viele Anfragen vor Olympia nicht abzuschließen“, sagt ihr Manager Marcus Höfl. „Wir haben erwartet, dass es hier in Whistler sehr gut laufen würde.“ Jetzt kann er möglichen Sponsoren nicht mehr „nur“ eine Slalom-Weltmeisterin präsentieren, sondern auch eine zweifache Olympiasiegerin. Und sogar mehr als das. „Aus Vermarktungssicht ist es perfekt“, sagt Höfl, „weil wir nicht nur die beiden Goldmedaillen haben, sondern nächsten Winter auch noch die Weltmeisterschaft in Marias Heimatort Garmisch-Partenkirchen.“
Da sollte für Maria Riesch am Ende ein Jahresverdienst herauskommen, der deutlich über jenen 750.000 Euro liegt, die sie bisher verdient haben soll, wenn man den Schätzungen glauben mag. Höfl jedenfalls hat sich schon in Whistler an die Arbeit gemacht. Am Samstag ist er mit den deutschen Skidamen zurückgeflogen, am Sonntag ist er in Deutschland angekommen, und am Montag hat er die ersten Termine in Sachen Riesch. „Die nächsten vier Wochen sind ausgebucht“, sagt er. „Man muss den Schwung jetzt mitnehmen.“ Wie steht es um den Marktwert nach drei Wochen Kanada? „Ich denke, er hat sich verdoppelt“, sagt Höfl.
Als Maria Riesch am Freitag im Slalom überlegen ihren zweiten Olympiasieg feierte, wirkte sie souverän wie nie, unterwegs auf der Piste und auch danach. Auf der internationalen Pressekonferenz hinterließ sie den Eindruck, dass hier tatsächlich ein Topstar des Skisports seine Kommentare abgibt; ruhig, konzentriert und freundlich brachte sie die Fragerunden hinter sich, sie wirkte so zufrieden, wie nur jemand ausschauen kann, der das Gefühl hat, nach vielen Rückschlägen endlich am Ziel aller Wünsche zu sein.
Nicht zufrieden mit der Publicity nach der WM
Die beiden Medaillen sind Gold wert für Maria Riesch, für den deutschen Skiverband, für die WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen, für den alpinen Skisport ganz generell in Deutschland und vielleicht sogar für die Münchner Olympiabewerbung 2018. Maria Riesch und die junge Viktoria Rebensburg, die Gold im Riesenslalom gewann, haben in den vergangenen Tagen eine Menge geleistet für den Skisport hierzulande. „Wir hatten ein paar schwere Jahre zu überstehen“, sagte Maria Riesch. „Olympia war jetzt der Befreiungsschlag.“ Dreimal alpines Damen-Gold, das gab es bisher nur einmal, 1998 in Nagano, als Katja Seizinger zweimal gewann und Hilde Gerg einmal.
Maria Riesch hat das, was ihr in Whistler gelungen ist, nicht unvorbereitet getroffen. Sie konnte es nicht planen, dafür stecken zu viele Unwägbarkeiten im alpinen Rennsport, aber sie hat sich darauf vorbereitet, nicht nur im Training. Mit der Publicity nach ihrem WM-Titel im Slalom Anfang 2009 war sie nicht zufrieden gewesen. „Man hat mir gesagt, da wäre mehr drin gewesen, und deshalb habe ich etwas Neues probiert.“ Sie organisierte ihr Management neu, wechselte zum Münchner Marketingberater Höfl, der zwar erst 36 Jahre alt ist, dessen Agentur „Talent 360 Grad“ in der Branche aber als Schwergewicht gilt.
Marketing mit Piercing und Tattoos
Höfl berät unter anderem Franz Beckenbauer, Boris Becker und Franziska van Almsick, „alles A-Marken“, wie er sagt. Und nun, mit zwei Goldmedaillen um den Hals und auf den Spuren der Skilegenden Rosi Mittermaier (zweimal Gold, einmal Silber) und Katja Seizinger (dreimal Gold, zweimal Bronze), soll auch Maria Riesch in dieser Liga mitspielen. „Sie hat das Potential, in die allererste Liga aufzusteigen, auch wenn das in saisonalen Sportarten nicht so einfach ist“, sagt Höfl, der dank Beckenbauer auch über beste Kontakte zum Boulevard verfügt.
Seine Marketingaktionen mit der neuen Kundin Riesch startete er vor einem halben Jahr ein wenig plump, als er „Bild“ am neuen Image stricken ließ. Da war Maria plötzlich nicht mehr mit lila Skimütze abgebildet, sondern in gewagter Pin-up-Pose. Von der lila Kuh zu „Deutschlands schnellster Renn-Katze“ - „Bild“ machte es möglich, hinzu kamen ein paar Antworten auf die Frage „Wie sieht unsere beste Skifahrerin untendrunter aus?“ Antwort: „Sexy, sehr sexy! Ein Piercing (Bauchnabel!), drei Tattoos (beide Knöchel plus linke Schulter).“ Dazu gab es das „Bekenntnis: „Mein Neuer darf auch einen Bierbauch haben!“ Das war Höfls erste Marketingoffensive. Auch für Boris Beckers Hochzeit besorgte er eine Einladung - ein bisschen Glamour kann nie schaden, auch wenn alles ein wenig gezwungen wirkte, denn noch spielte Maria Riesch, trotz ihres WM-Titels, nur in der zweiten Promi-Liga.
Nun ist sie selbst ein Star
Das Marketing hatte Fahrt aufgenommen, aber ohne sportliche Ergebnisse bringt das alles nichts, und da leistete Maria Riesch ganze Arbeit. Sie fuhr eine starke Saison, gewann im Weltcup zwar nur zwei Rennen, stand aber insgesamt elfmal auf dem Podium, und je länger die Saison dauerte, desto sicherer wurde sie. Das Timing stimmte, bei den letzten Vorbereitungsrennen für Olympia fügte sie im Januar in St. Moritz der Amerikanerin Lindsey Vonn die erste Saisonniederlage in der Abfahrt zu und fuhr mit dem Hochgefühl eines großen Sieges nach Whistler. Dort lief alles nach Plan, wenn man vom ersten Rennen, der Abfahrt, absieht, in der Maria Riesch sich völlig verbremste.
Doch schon am nächsten Tag hatte sie die kleine Krise überwunden und gewann Gold in der Kombination. Sie wurde zum Skistar dieser Spiele, eine Rolle, die eigentlich der Amerikanerin Lindsey Vonn zugedacht war. Maria Riesch aber hat ihr die Schau gestohlen, und wenn sie zur nächsten Promi-Hochzeit geht, dann nicht mehr dank der Beziehungen ihres Managers, sondern weil sie selbst ein Star ist, und zwar nicht mehr nur in der kleinen Welt des alpinen Skisports.